22.11.2022

Swico

«Auf YouTube können wir Strom für 20'000 Haushalte sparen»

Der Wirtschaftsverband Swico legt mit der Kampagne «Solidarisches Streaming» den Fokus auf das Energiesparpotenzial im digitalen Bereich. Geschäftsführerin Judith Bellaiche nennt Lifehacks für Konsumenten oder Firmen – und kritisiert die Energiesparkampagne des Bundes.
Swico: «Auf YouTube können wir Strom für 20'000 Haushalte sparen»
«Mit einem einzigen solidarischen Klick lösen wir eine grosse kollektive Wirkung aus»: Swico-Geschäftsführerin Judith Bellaiche. (Bild: zVg)
von Michèle Widmer

Frau Bellaiche, weniger heizen oder kalt duschen - wie helfen Sie persönlich mit, Energie zu sparen?
Ich bin eine Warmduscherin. Deshalb schöpfe ich alle anderen Möglichkeiten zum Energiesparen aus und verzichte sogar auf mein übliches Netflix Binge-Watching. Aber kalt duschen – selbst zu zweit – habe ich noch nicht geschafft.

Swico hat die Initiative «Solidarisches Streaming» lanciert. Warum engagiert sich der Verband überhaupt in Bezug auf die drohende sogenannte Energiemangellage?
Eigenverantwortung liegt in der DNA von Swico. Diese umfasst ganz besonders die ökologische Nachhaltigkeit: Schon vor 28 Jahren gründete der Verband das erfolgreiche Recyclingsystem, mit dem wir jedes Jahr über 3,5 Millionen Tonnen CO2 einsparen. Nun müssen wir diese ökologische Leistung auf digitale Dienstleistungen ausweiten und unseren eigenen Energieverbrauch kritisch durchleuchten. Ausserdem haben wir als Industrie ein existentielles Interesse an der Abwendung einer Stromkrise, denn ohne Strom gibt es keine Digitalisierung. Wirtschaft und Gesellschaft sind heute in so hohem Masse von der Digitalisierung abhängig, dass Stromabschaltungen, selbst rollierende, das Land komplett lahmlegen würden.

«Wir als Konsumentinnen und Konsumenten müssen einen bewussten Umgang mit Digitalprodukten entwickeln»

In der Kampagne machen Sie auf Videostreaming als Energiefresser aufmerksam. So soll man die Bildqualität beim Player von 1080 auf 720 Pixel herunterschrauben. Wie viel Energie lässt sich so konkret sparen?
Alleine auf YouTube können wir damit Strom für 20'000 Haushalte einsparen. Ich habe mir selbst die Augen gerieben, als ich das realisiert habe. Der Effekt ist substanziell im Verhältnis zum Aufwand und führt praktisch zu keiner Qualitätseinbusse. Mit einem einzigen solidarischen Klick lösen wir also eine grosse kollektive Wirkung aus.

Ist Videostreaming wirklich das wirksamste Feld, um im digitalen Bereich Energie zu sparen?
Es gibt eine Vielfalt von Handlungsfeldern im Digitalbereich, die jedoch nicht alle im Einflussbereich der Konsumentinnen und Konsumenten liegen. Streaming hingegen hat einen unmittelbaren, beeinflussbaren Impact auf den Stromverbrauch: So hat die Uni Zürich in einer Metastudie herausgefunden, dass alleine das Streaming des Songs «Despacito» gleich viel Strom wie fünf afrikanische Länder zusammen verbraucht hat. Das ist so gewaltig, dass wir als Konsumentinnen und Konsumenten einen bewussten Umgang mit Digitalprodukten entwickeln müssen. Der kleine Kniff mit der geringeren Auflösung ist dabei ein Quick-Win.

Welche Zielgruppe wollen Sie mit der Kampagne konkret ansprechen?
Jene digitalaffinen und jungen Menschen, die sich auf den Social-Media-Kanälen aufhalten und die beliebten Videocontents – liebevoll als Katzenvideos bezeichnet – konsumieren. Diese sind unterhaltsam, kostenlos und werden deshalb stundenlang angeschaut. Wir wollen auch dieses Publikum motivieren, beim Stromsparen mitzumachen.

«Mit witzigen und selbstironischen Sujets wie bei der Zürcher Kampagne lässt sich das Publikum besser einbinden als mit Backofenanleitungen»

Ende August hat der Bund die Energiesparkampagne lanciert. Geht Ihnen diese nicht weit genug, oder warum braucht es zusätzlich noch die Swico-Spots?
Die Kampagne des Bundes ist wichtig, aber sie dreht sich hauptsächlich um Backöfen und Wasserkocher. Ich bin nicht sicher, ob sich ein junges Publikum von diesen Haushalttipps angesprochen fühlt – oder überhaupt weiss, wo sich die Heizungssteuerung im Haus befindet. Ausserdem ist die Kampagne stark auf die Printmedien fokussiert, was bei einem Anteil von 38 Prozent News-Deprivierten einen grossen Teil der Bevölkerung ausblendet. Unsere Clips dagegen benutzen eine verspielte und humorvolle Bildsprache und erscheinen genau dort, wo die Menschen eben Videos streamen, nämlich auf den Social-Media-Kanälen. Die Kampagne ist also sowohl auf das Publikum als auch auf die Situation zugeschnitten.

Letzte Woche toppte die Stadt Zürich nach mit einer Textkampagne, die zum Energiesparen aufruft. Wie beurteilen Sie diese?
Jede Ergänzung zur Kampagne des Bundes ist hilfreich, und mit witzigen und selbstironischen Sujets wie bei der Zürcher Kampagne lässt sich das Publikum besser einbinden als mit Backofenanleitungen. Aber verschiedene Zielgruppen müssen mit unterschiedlichen Informationen adressiert werden. Die Botschaft unserer Videoclips ist so einfach wie bestechlich – und holt das Publikum dort ab, wo es sich befindet: nämlich beim Streamen.

Welchen Beitrag kann die ICT-Branche punkto Energiesparen leisten? Swico vereint immerhin 700 Mitgliedsunternehmen.
Der Fussabdruck der Digitalbranche beträgt nur zirka drei Prozent des gesamten CO2-Ausstosses, aber er wird mit zunehmender Digitalisierung wachsen. Wir müssen einerseits Konsumentinnen und Konsumenten sensibilisieren, andererseits unsere eigenen Wertschöpfungsketten analysieren, von der Bereitstellung der Geräte über die Auslieferung der Dienstleistung bis zu den Einstellungen beim Endkunden. Genau dafür haben wir bei Swico eine Nachhaltigkeitsposition geschaffen, die uns helfen soll, den Handlungsbedarf entlang der ganzen Kette zu analysieren und konkrete Massnahmen zu formulieren. Aber wir stehen erst am Anfang unserer Bemühungen.

«Mit einer Verlagerung der Daten in eine Cloud können Unternehmen gesamthaft viel Energie sparen»

Wo konkret sehen Sie bei Firmen mögliche Handlungsfelder?
Besonders problematisch sind die sogenannten Rebound-Effekte. Je effizienter, je günstiger und je bequemer digitale Produkte und Dienstleistungen sind, umso mehr werden sie konsumiert. Dieser Effekt macht das Einsparpotenzial von digitalen Lösungen wieder zunichte. Eine Überprüfung von Flatrate Angeboten könnte hier eine Verhaltensänderung herbeiführen, würde aber bei den Konsumentinnen und Konsumenten auf Widerstand stossen. Grosses Potenzial liegt auch in den Hunderttausenden von Servern, die in Unternehmen und KMU betrieben werden. Sie sind sehr gefrässig und müssen teilweise sogar gekühlt werden. Mit einer Verlagerung der Daten in eine Cloud können Unternehmen gesamthaft viel Energie sparen. Aber auch die grossen Rechenzentren verbrauchen viel Strom: Gemäss Analysen des BFE könnte fast die Hälfte der Energie mit gezielten Massnahmen eingespart werden.

Wasser sparen, Heizung runterdrehen – und nun wissen wir auch, dass die Streamingqualität eine Rolle spielt. Gibt es andere Lifehacks, mit denen Nutzerinnen und Nutzer im Digitalen einfach Energie sparen können?
Bildschirme sind eine wichtige Stellschraube. Also an allen Geräten den Energiesparmodus einstellen, den Bildschirm auf Dark Mode einstellen, abends die Geräte ganz abschalten. Und natürlich: zu zweit streamen.



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