08.11.2020

SRG-Streamingplattform

«Das ist für die ganze Branche Neuland»

Mit «Play Suisse» lanciert die SRG eine eigene Streaming-Plattform – sozusagen ein Hub für Schweizer Doku-, TV- und Kinofilme. Sind Autoren und Filmproduzenten mit im Boot? Bakel Walden spricht über die Hintergründe.
SRG-Streamingplattform: «Das ist für die ganze Branche Neuland»
Bakel Walden ist Direktor Entwicklung und Angebot SRG, Leiter des Digital Boards der SRG, Mitglied der SRG-Geschäftsleitung und verantwortlich für «Play Suisse». (Bild: SRF)
von Edith Hollenstein

Herr Walden, der Launch von «Play Suisse» mitten im Slowdown: Ein besseres Timing kann man sich nicht wünschen, oder doch?
Wir hätten selbstverständlich gerne auf den Slowdown verzichtet und die Plattform unter normalen Umständen lanciert. Insbesondere wären wir sehr gerne beim Genfer Filmfestival gestartet – gemeinsam mit Vertretern aus der Branche und gerade mit Kollegen aus der Kultur. Da das Festival jedoch ausfällt, machen wir es jetzt, wie es halt ist. 

Die Tatsache, dass viele nur noch zu Hause sind, kommt Ihnen jedoch gelegen.
In der kühleren Jahreszeit Richtung Winter sowie Richtung Festtage steigt natürlich die Nutzung von TV- und Streaming-Angeboten. Da kommen wir mit dem Angebot insofern zu einem Zeitpunkt, bei dem man weniger draussen ist und stattdessen vielleicht auch ein bisschen mehr Zeit verbringt mit der einen oder anderen Serie oder mit einem Film.

Wenn wir nun alle Schweizer Kinofilme gratis schauen können: Da geht auch nach der Krise wohl niemand mehr raus ins Kino.
Nein, so ist es nicht. Schweizer Kinofilme kommen immer noch zuerst ins Kino. Anschliessend durchläuft der Film die ganze Auswertungskette, also DVD und linear im Fernsehen. «Play Suisse» kommt erst am Schluss dieser Kette zum Zug, wenn alle anderen Verbreitungsmöglichkeiten bereits genutzt worden sind.

Wie stehen die Produzenten und Autoren dem Projekt gegenüber?
Selbstverständlich ist das für die gesamte Branche Neuland. Wir sind dankbar, dass wir da von Seiten der Kulturschaffenden einen Vertrauensvorschuss erhalten haben. «Play Suisse» ist kein alleiniges SRG-Projekt, sondern in enger Zusammenarbeit mit den Schweizer Filmschaffenden entstanden, z.B. während der Verhandlungen des neuen «Pacte de l'audiovisuel». Wir hoffen, mit «Play Suisse» ein weiteres Schaufenster schaffen zu können für eine Branche, die es schwierig hat – vor allem auch jetzt in der Pandemie.

Wie viel Geld haben Sie denn in Streaming-Rechte investiert?
Bereits nach «No Billag» hat die SRG 15 Millionen Franken in zusätzliche Eigenproduktionen investiert. Nun haben wir mit «Play Suisse» zusätzliches Geld für Streaming-Rechte investiert. Es gibt natürlich immer Stimmen, die noch mehr fordern. Doch auch bei uns sind die Mittel diesbezüglich begrenzt. Dass wir mit «Play Suisse» einen weiteren Verbreitungskanal geschaffen haben und so nochmals zusätzliches Geld in das Schweizer Filmschaffen investieren können, ist ein wichtiges Signal und ein Bekenntnis der SRG als eine wichtige Förderin des Schweizer Filmschaffens.

«Play Suisse» kostet jährlich 5 Millionen Franken. Was ist besonders teuer?
Die Abgeltung der Rechte ist ein relevanter Kostenfaktor. Zudem fliesst ein grosser Teil in die fortlaufende Weiterentwicklung der Plattform. Aufwändig ist auch die Aufbereitung mit der Untertitelung. In der Lancierungsphase haben wir rund 1000 Beiträge untertitelt – in drei, teilweise vier Landessprachen.

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Einen Begriff, den Sie und auch die SRG immer wieder aufbringen, ist «Unterscheidbarkeit». Wie spiegelt sich das in «Play Suisse»?
Sehr deutlich. Denn der Fokus ist – wenig überraschend – auf Eigenproduktionen und Koproduktionen mit einem Schweizer Fokus. Das sind Inhalte, Filme, Serien und Dokumentationen, die es woanders nicht gibt. Das ist schon mal ein wichtiger Punkt der Unterscheidbarkeit. Zudem wollen wir mit «Play Suisse» die Grenzen zwischen den Sprachregionen durchlässiger machen. Unsere Plattform bietet eine Heimat für Produktionen auf gesamtschweizerischer Ebene. Das heisst, wir bieten Serien aus der italienischsprachigen Schweiz oder Dokumentationen aus der Westschweiz für die Deutschschweiz an durch Untertitelung oder Synchronisation. Solche Inhalte werden Sie bei grossen Plattformen wie Netflix sicher nicht finden. Das ist dann genau dieser Mehrwert, also die Unterscheidbarkeit, die wir bieten wollen.

Wie aktuell will «Play Suisse» sein?
Man findet bei uns eine sehr grosse Bandbreite. Es gibt zum Beispiel hochaktuell die Premiere der SRF-Serie «Frieden» für alle Sprachregionen. «Frieden» startet also auf «Play Suisse». Schon vor der Ausstrahlung auf SRF 1 sind auf unserer Plattform die erste Folge sowie dann zeitnah alle weiteren zugänglich. Daneben gibt es Produktionen, die zuerst linear ausgestrahlt werden und anschliessend auf «Play Suisse» erhältlich sind, oder eben Kinofilme, die nach der vollständigen Verwertung bei uns angeboten werden.

Was für Möglichkeiten stehen den Verlagen, den privaten Medienhäusern offen, ihren Content auf «Play Suisse» anzubieten?
Bei unseren Kooperationen lag der Hauptfokus neben der Produzentenbranche im Bereich Festivals. Natürlich sind wir auch offen für Kooperationen mit Medienhäusern. Wir sind beispielsweise mit CH Media im Gespräch in Bezug auf technische Lösungen. 

Werden Sie Werbung ausspielen auf «Play Suisse»?
Nein, denn die SRG darf bekanntlich keine Online-Werbung schalten. Gewisse Inhalte auf «Play Suisse» sind jedoch mit Sponsoring-Hinweisen versehen. Diese müssen wir aus regulatorischen Gründen vom Broadcast auch auf den digitalen Kanälen übernehmen.

Arbeiten Sie beim Login mit der Digitalallianz der Verlage zusammen?
Im Rahmen der Login-Allianz sind wir nun mittlerweile zwei Jahre im Gespräch mit den Verlagen. Und sobald das gemeinsame Login steht, wollen wir es auch für «Play Suisse» anbieten.

Zuerst hiess es, die SRG komme am Schluss und nun sind Sie die ersten?
(lacht) So ist es manchmal. Wir sind weiter eng in die Allianz eingebunden und das gibt uns die Möglichkeit, die Login-Pflicht gemeinsam voranzutreiben. Selbstverständlich erfolgt das Login bei uns ohne Kommerzialisierung und ohne Datenweitergabe. Und unsere Angebote ausserhalb von «Play Suisse» sind weiterhin ohne Login nutzbar.

Mit dem SRG-Login können sich die Nutzer wahrscheinlich an keinem anderen Ort einloggen, oder doch?
Wir haben jetzt erst mal das SRG-Login. Doch mit dem Login der Login-Allianz können sich die Nutzer auch bei «Play Suisse» anmelden.

Doch bislang gibt es ja noch gar kein übergreifendes Login der Login-Allianz.
Nein, aber wir konnten unseren Teil nun bereits umsetzen und gehen nun die nächsten gemeinsamen Schritte mit den Verlagen an.

Was für Ziele haben Sie sich gesetzt?
Die Ziele von «Play Suisse» haben zwei Stossrichtungen. Einerseits ganz klassisch: z.B. die Anzahl Anmeldungen oder die wöchentliche Nutzung. Wir starten jetzt erst mal bei null und gucken uns die Entwicklung an. Andererseits haben wir uns qualitative Ziele gesetzt – also Antworten auf Fragen wie: Wie bekannt ist die Plattform? Wie sehr wird sie von den Nutzern mit der SRG in Verbindung gebracht? Beurteilen die Leute «Play Suisse» als ein legitimes Angebot? Wichtig ist uns neben den Nutzungszahlen also auch, dass das Angebot auf den Service public einzahlt. 

Werden Sie nun eine Werbekampagne starten?
Mit einem TV-Spot werden wir in den SRG-Programmen präsent sein sowie auf den sozialen Medien. Selbstverständlich erwähnen wir «Play Suisse» auch in unseren Newsletters und bewerben die Plattform mit unseren Medienpartnern.

Sie buchen also kein externes Inventar für diese Kampagne?
Neben den eigenen Kanälen gehen wir wie gesagt auf Social Media. Zudem nutzen wir unsere Medienpartnerschaften.

Das war ja ein wirklich grosses und aufwendiges Projekt für Sie und Ihr Team. Was hat sich denn in der Arbeit schwieriger herausgestellt, als Sie es erwartet hatten?
Die Workflows, die dazu führen mussten, den Content aus allen Regionen zusammenzuführen, zusammen mit technischen Details und dem Volumen an Inhalten: Das war sehr anspruchsvoll. Dazu kommen all die kleinen Details, die man erarbeiten muss – bis hin zum Audiodesign der Logoanimation. Das alles hat mein Team mit viel Einsatz bewältigt. Mir hat die Arbeit grossen Spass gemacht und ich bin sehr gespannt auf die Rückmeldungen der Nutzerinnen und Nutzer.



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