07.07.2020

Sommerserie über Podcasts

Nicht Klicks, sondern Kreativität und Zeit zählen

Im Studio in Winterthur produziert die Podcastschmiede zahlreiche Audio-Formate für Medien und Unternehmen. Was macht gute Podcasts aus? Welche werden bei der vielen Konkurrenz überleben? Ein Besuch beim Studio-Gründer Nico Leuenberger.
Sommerserie über Podcasts: Nicht Klicks, sondern Kreativität und Zeit zählen
«Ähs, Räusperer, Hintergrundgeräusche oder Pausen sollen durchaus drin bleiben. Einer sterilen Aufnahme fehlt das Leben»: Podcastschmiede-Chef Nico Leuenberger. (Bild: Keystone-SDA)

Die Schallisolation besteht aus einer Matratze und einer Wolldecke. Abenteuerlich nennt man das wohl. Nico Leuenberger* lacht. Sein kleines Büro in Winterthur ist auch ein Podcaststudio – deshalb die Matratze und die Decke. «Es ist gebastelt», sagt der 36-Jährige. «Doch es funktioniert.» Und so entstehen dort die meisten seiner Produktionen und Arbeiten.

Seit Leuenberger die Ohren der Schweizer mit substanziellen Informationen, Geschichten, Humor und Emotionen versorgt, ist er auch in Zürich im EWZ Selnau anzutreffen. Dort hat der Podcast Club Switzerland, ein Non-Profit-Verein, deren Co-Präsident Leuenberger ist, ein Kabäuschen mit der nötigen Technik installiert.

Leuenberger hat bei der Planung und dem Bau mitgeholfen. Das Studio wird zurzeit von durchschnittlich fünf Personen pro Woche benützt, das Ziel wären 10 bis 15. «Es zieht an», sagt Leuenberger. Er sagt aber auch: «Es gibt noch Luft nach oben.»

Geschichten so erzählen, wie man will

Leuenberger ist ein Radiomann. Zehn Jahre hat er für unterschiedliche Sender in der Schweiz gearbeitet – er hat moderiert, recherchiert und produziert. Geschichten habe er schon als Jugendlicher gerne und öffentlich erzählt. Trotzdem hat er mit einem Bauingenieur-Studium begonnen. «Ich dachte, es müsse etwas Rechtes sein», sagt er. «Radiomoderator, das kann man doch nicht lernen.»

Als er in der Studienberatung erfährt, dass das sehr wohl geht, wechselt er den Studiengang und schliesst an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften die Journalistenausbildung ab. Es folgen Praktika und ein ganzes Jahrzehnt bei den verschiedenen Radioanstalten.

Als er merkt, dass es wegen der Sparmassnahmen nicht mehr möglich ist, Geschichten so zu erzählen, wie er sich das vorstellt, entscheidet sich Leuenberger Anfang 2019 für den Weg in die Selbstständigkeit und gründet die Podcastschmiede. Er nimmt zur Existenzsicherung ein Kommunikationsmandat bei einer Stiftung an («mein bedingungsloses Grundeinkommen», wie er es nennt) und beginnt, Podcasts herzustellen.

«Abverheit» entsteht, eine Sendung übers Scheitern. Unternehmerinnen und Unternehmer erzählen Leuenberger von ihren besten Ideen, die dann doch nicht funktioniert haben.

Podcastboom trotz Corona

Leuenberger zeigt sich, macht Werbung, sucht Sponsoren. Mit mässigem Erfolg. «Die Zeit war noch nicht reif.» Doch er gibt nicht auf. Und plötzlich «hängt es ein». Grosse Namen wie Avenir Suisse oder Economiesuisse werden seine Kunden. Und auch die Schweizer Medienhäuser machen mit. «Es gab einen Push», erinnert sich Leuenberger.

Seine Hartnäckigkeit zahlt sich aus, seine Qualität wird geschätzt. Er wird weiterempfohlen. So produziert er nun unter anderem den Wissenschaftspodcast «Durchblick» für den «Blick» oder eine Sendung für die Migros zum Thema Nachhaltigkeit («Chrut & Rüebli»). Wichtig ist ihm: «Ich bin kein Werbekanal. Ich bereite die Themen so auf, wie ich es als richtig empfinde.» Er behält sich auch vor, Aufträge abzusagen. Die Podcastschmiede ist momentan ausgelastet, für eigene Projekte fehlt die Zeit.

Für Leuenberger ist klar: «Podcasts sind, wie so vieles, ein Luxusgut. Ich fürchte, dass sie verschwinden, wenn eine Krise kommt. Weil die Mittel nicht mehr aufgebracht werden wollen.»

Diese Aussage liess sich schneller überprüfen als gedacht. Im März kam das Coronavirus ins Land. «Momentan ändern sich die Hörgewohnheiten, weil das Pendeln wegfällt», so Leuenberger kurz danach. «Das schadet zwar gewissen Podcasts, andere aber sind durch die Krise aufgeblüht, allen voran natürlich das Corona Update des NDR mit Christian Drosten oder der Corona-Podcast von Radio 1.» Abgesehen von denjenigen Podcasts, die an Live-Events geknüpft waren, seien keine Aufträge zurückgezogen worden. «Meine Befürchtungen haben sich zum Glück nicht bewahrheitet.»

Mehr Reportagen anstatt Gespräche

So halten sich in der Podcastschmiede die entfallenen Aufträge etwa die Waage mit neuen Aufträgen. «Wir haben zum Beispiel Texte zur Corona-Sondersession des Parlaments vertont», so Leuenberger. «Es freut mich, dass in der Krise auch neue Wege ausprobiert werden, und da eignen sich Podcasts als intimes Medium mit hoher Glaubwürdigkeit sehr.»

Andererseits gebe es seit einiger Zeit das Mantra: Wir müssen auch einen Podcast haben. Über 300 werden momentan alleine in der Schweiz produziert. Leuenberger ist überzeugt, dass es eine Flurbereinigung geben wird. «So gibt es schlicht zu viele Podcasts, bei denen weisse, ältere Herren mit grossem Sendungsbewusstsein einfach lange reden.»

Leuenberger wünscht sich, dass sich die Macher stärker überlegen, weshalb sie ein bestimmtes Format wählen. «Es wird immer ein Überangebot an Gesprächspodcasts geben, weil die so einfach zu produzieren sind. Hoffentlich wagen auch mehr Produzierende den Sprung in die Reporterformate», so Leuenberger.

Was ist ein guter Podcast?

Was ist denn ein guter Podcast? Wichtig sei, die Zielgruppe genau zu definieren, so Leuenberger. Grundsätzlich plädiert er hierzulande ausserdem für Mundart. «Die Menschen sind einfach authentischer – und das hört man.»

Leuenberger findet nicht die perfekt produzierten Podcasts am besten. «Einige Ähs, Räusperer, Hintergrundgeräusche oder Pausen sollen durchaus drin bleiben. Einer sterilen Aufnahme fehlt das Leben.» Weitere Fallstricke: Viel zu oft werde versucht, vermeintlich Erfolgreiches zu kopieren. Zudem fehle vielen die Erfahrung. Das höre man nicht wenigen Produkten an.

Der Blick auf schnellen Erfolg und hohe Klickzahlen bringe nichts. «Es braucht Kreativität, Zeit und eine gründliche Vorarbeit», so Leuenberger. Und allem voran ein Alleinstellungsmerkmal. Er bringt die Analogie zum Büchermarkt: Rund 70'000 belletristische Werke erscheinen jedes Jahr. Lesen kann ein einzelner Mensch nur die wenigsten. Wie also auffallen? Wie eine gewisse Relevanz schaffen und die Menschen dazu bringen, dem Produkt treu zu sein? Und vor allem: Wie gelingt es, dass bei den Hörern das Kopfkino zu laufen beginnt? Wenn diese Fragen erfolgreich beantwortet werden könnten,eine sei es auch die Frage beantwortet, was ein guter Podcast ist.

Mit seiner Podcastschmiede hilft Leuenberger bei der Suche nach Antworten. Am Anfang stehe ein ausführliches Gespräch, sagt er. «Ich stelle viele Fragen. Ich spüre heraus, was der Wunsch ist, wer erreicht, welcher Nutzen erzielt werden soll, wie ernst es einer Person ist und wie viel sie bereit ist, dafür zu investieren.» Anschliessend werde ein Konzept ausgearbeitet, das Leuenberger als Vorschlag präsentiert.

Kein sicherer Arbeitsplatz

Wie lebt es sich als professioneller Podcasthersteller? «Ganz gut», sagt Leuenberger. Was hilft: Er sei keine ängstliche Person und könne die Fixkosten tief halten. Doch: «Wem ein sicherer Arbeitsplatz wichtig ist, wird in dieser Branche nicht glücklich.»

Momentan sucht er neue Räumlichkeiten. Der Vertrag in Winterthur läuft im September aus. Ob die Matratze und die Wolldecke den Umzug überleben, weiss Nico Leuenberger noch nicht. «Es wäre eine schöne Anekdote», sagt er. Vielleicht sogar der Anfang eines Podcasts.



*Nico Leuenberger konzipiert und produziert Podcasts und bietet Sprechstunden für Menschen an, die selber einen Podcast realisieren wollen. Seit dem Spätfrühling arbeitet die Podcastschmiede mit 140 Stellenprozenten. Leuenberger, der zweifache Familienvater, übernimmt 70, Franziska Engelhardt (Zündstoff) arbeitet 40 Prozent und Reporterin Amila Redzic 30 Prozent.

Diese Serie wurde von Keystone-SDA realisiert. Sie ist mit finanzieller Unterstützung aus dem Kredit «Verständigungsmassnahmen» des Bundesamtes für Kultur zustande gekommen. Autor dieser Folge ist Raphael Amstutz.

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Alle bisherigen Ausgaben der Serie finden Sie hier.



 



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Kommentare

  • Nico Leuenberger, 07.07.2020 14:14 Uhr
    Danke für den Besuch in unserer Schmiede! Ein kleines Update: Der Mietvertrag ist unterschrieben, ab dem 1. September entsteht unser neues Studio im Winterthurer Technopark. Wir freuen uns!
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