02.12.2021

Digital-Allianz

«Verlage behalten ihre Reputation im Auge»

Der Eidgenössische Datenschützer hat OneLog von Anfang an eng begleitet. Seit Mittwoch führt auch Tamedia das gemeinsame Login der Schweizer Digital-Allianz ein. Adrian Lobsiger sagt, worauf er geachtet hat und weshalb Daten nicht so einfach ausgetauscht werden können.
Digital-Allianz: «Verlage behalten ihre Reputation im Auge»
«Das effiziente Zusammenwirken von behördlichem und betrieblichem Datenschutz ist ein erfolgskritisches Element der digitalen Schweiz», sagt Adrian Lobsiger, seit 2016 Eidgenössischer Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragter. (Bild: EDÖB)
von Christian Beck

Herr Lobsiger, nun hat sich auch Tamedia beim Medien-Login OneLog angeschlossen (persoenlich.com berichtete). Ihnen als Datenschützer muss es alle Haare aufstellen …
Medienprodukte enthalten eine breite Palette von politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Inhalten. Der Onlinekonsum solcher Inhalte durch registrierte Nutzer hinterlässt elektronische Spuren, die Rückschlüsse auf deren Persönlichkeit zulassen können. Dies im Gegensatz zum anonymen Konsum von Printerzeugnissen, der aus Sicht des Datenschutzes unbedenklich ist. Deshalb hat sich meine Behörde frühzeitig mit dem Projekt OneLog beschäftigt, um dessen Betreiber aufsichtsrechtlich zu beraten.

Welches waren im Vorfeld Ihre grössten Bedenken?
Die Medien nehmen eine wichtige Funktion im demokratischen Willensbildungsprozess wahr. Letzterer kann nur frei und selbstbestimmt erfolgen, wenn die medialen Inhalte anonym und ohne personenbezogene Auswertung des Nutzungsverhaltens konsumiert werden können. Schliessen sich die grossen Medienhäuser eines Landes zu einer Login-Allianz zusammen, stellt sich zunächst die Frage nach den Risiken, welche das Projekt mit Blick auf diesen Meinungsbildungsprozess zeitigen. Bedeutsam ist für mich auch, dass diese Verlage als Alternative nach wie vor ein gut ausgebautes Printsortiment anbieten, das am Kiosk anonym gegen Bargeld erworben werden kann und dessen Nutzung weder durch das Medienhaus noch durch Dritte personenbezogen analysiert werden kann.

Wurden Sie von sich aus aktiv und wollten Einblick in das Vorhaben?
Wir wurden von den Organisatoren und deren betrieblichem Datenschutz frühzeitig über das Vorhaben informiert, sodass wir sie von Beginn an aufsichtsrechtlich beraten konnten.

«Gemäss den Nutzungsbedingungen findet ein solcher Austausch nicht statt»

Ein einziges Login für alle angeschlossenen Medientitel: Das klingt nach Datenaustausch zwischen den Verlagen. Ist dem nicht so?
Dies war ein wichtiger Punkt unserer Diskussionen. Gemäss den Nutzungsbedingungen findet ein solcher Austausch jedoch nicht statt. Gemäss den Darlegungen der Organisatoren soll ein solcher auch für die Zukunft nicht geplant sein.

Sind Sie ganz sicher, dass nicht doch Nutzerdaten ausgetauscht werden?
Im Rahmen unserer aufsichtsrechtlichen Beratung arbeiten wir mit den betrieblichen Datenschützerinnen und -schützern der beteiligten Verlage zusammen, welche die Umsetzung des Projekts durch ihre Unternehmen beaufsichtigen. Bis heute ergaben sich keine Anzeichen dafür, dass die Nutzungsbedingungen nicht ernst genommen oder umgangen würden. Selbstverständlich behält sich meine Behörde jederzeit vor, technische Kontrollen der tatsächlichen Umsetzung durchzuführen.

Also, ganz konkret: Jemand erstellt ein Login für 20 Minuten und kann dann später dasselbe Login auch für den Blick nutzen. Weshalb erfährt Blick nicht, was der User bei der Basler Zeitung gelesen hat?
Die OneLog AG ist eine Gesellschaft, deren Aufgabe darin besteht, für die beteiligten Verlage eine Single-Sign-On-Lösung zu betreiben. In eigener Verantwortung verwaltet sie nur die Nutzerdaten. Welche Daten dies sind, hängt vom einzelnen Medienprodukt ab. Blick und 20 Minuten erfahren, dass sich eine Nutzerin oder ein Nutzer korrekt eingeloggt hat, und erhalten dann die für die Nutzung des jeweiligen Angebots notwendigen Nutzerdaten. Die Bearbeitung von Daten über das Nutzungsverhalten oder Online-Bezahlungen hingegen bleibt in der Verantwortung des jeweiligen Medienhauses. Ein Austausch oder eine Verknüpfung solcher Daten mit denjenigen anderer Medienhäuser darf auch nicht über den Weg einer Auftragsdatenbearbeitung ermöglicht werden.

Nehmen wir an, es wäre doch so, dass Daten ausgetauscht würden. Was würde Sie daran stören?
Ein Austausch solcher Personendaten zwischen den Medienhäusern wäre nur unter einer Anpassung der Nutzungsbedingungen denkbar. Wenn durch diesen Austausch und die Analyse von Informationen profilbildende Rückschlüsse über die Meinungsbildung und Identität der Nutzerinnen und Nutzer möglich würden, müssten Letztere ausdrücklich darin einwilligen. Vor Abgabe der Zustimmung müssten die Medienhäuser sie unmissverständlich darüber informieren, dass die fraglichen Bearbeitungen wesentliche Aspekte ihres privaten und beruflichen Lebens offenlegen und somit schwer in ihre Persönlichkeit eingreifen könnten.

«Werbeplätze liessen sich gezielter vermarkten»

Könnten Sie es nicht nachvollziehen, dass ein verlagsübergreifender Austausch von Daten durchaus Vorteile hätte?
Werbeplätze liessen sich gezielter vermarkten. Dies allein ist aber nicht ausschlaggebend. Nach meiner Einschätzung dürften die Schweizer Verlage auch ihre Reputation im Auge behalten, mit der sie sich von global tätigen Betreibern sozialer Plattformen unterscheiden, die zurzeit unter dem Druck einer wachsenden öffentlichen Kritik stehen.

Sie haben sich ein Bild von OneLog gemacht. Werden Sie das Projekt weiterhin verfolgen?
Selbstverständlich. Digitale Applikationen verändern sich laufend. Wir halten mit dem betrieblichen Datenschutz der beteiligten Unternehmen Kontakt und dürfen erwarten, dass er uns wesentliche Veränderungen rechtzeitig zur Kenntnis bringt. Das effiziente Zusammenwirken von behördlichem und betrieblichem Datenschutz ist ein erfolgskritisches Element der digitalen Schweiz.

Haben Sie bereits ein Login erstellt für Blick, 20 Minuten oder den Bund?
Natürlich, es entspricht meinem Rollenverständnis unserer Aufsichtsbehörde, dass wir als Mitarbeitende die digitalen Applikationen, denen die Schweizer Bevölkerung ausgesetzt ist, auch persönlich austesten.



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