04.05.2022

Polaris

«Wir wollen herausfinden, was sich die Branche wünscht»

Ein Schweizer News-Netzwerk soll Menschen Orientierung und Verlagen und Medienschaffenden eine zusätzliche Vertriebsmöglichkeit geben. Initiant und Tech-Journalist Hannes Grassegger über Inhalte auf dem Portal, die Konkurrenz OneLog sowie Gespräche mit Politikern.
Polaris: «Wir wollen herausfinden, was sich die Branche wünscht»
«Wir sind nicht die Lösung, wir wollen gemeinsam mit der Branche eine Lösung entwickeln»: Initiant und Tech-Journalist Hannes Grassegger. (Bild: Goran Basic)
von Michèle Widmer

Herr Grassegger, warum braucht es nebst den bestehenden sozialen Medien und den Newsportalen ein Netzwerk für Journalismus?
Wir brauchen in der Schweiz einen Ort – oder eine Markthalle, wie ich es gerne nenne –, wo die Menschen vertrauenswürdige Informationen finden, und zwar von verschiedenen Medien und Formen wie Text, Podcast oder Bewegtbild. Auf Social Media ist es aufwendig, sich zu informieren. Als Nutzerin oder als Nutzer wird man ständig abgelenkt. Dazu kommt, dass ich mir nie sicher sein kann, welche politische Idee hinter dem Algorithmus steckt. Auf Facebook oder Twitter kann ich mich als neutralen Inhaltsvermittler nicht verlassen. Zudem: Kein Anbieter hat sich bisher durchgesetzt, weder Google News noch Apple News. In der Schweiz gibt es Galaxus statt Amazon. Ricardo statt Ebay. Twint statt Apple Pay. Es macht total Sinn, dass wir für das heikelste von allen Schweizer Produkten – den politischen Diskurs, der die Grundlage für unsere Demokratie ist – ein geeignetes Tool haben.

Sie brachten die Idee vor zweieinhalb Jahren in einem Essay auf. Dort nannten Sie die SRG oder die Verleger als mögliche treibende Kräfte. Warum machen Sie es nun selber?
Ich war damals total überrascht, wie positiv die Reaktionen waren. Viele Verantwortliche von privaten Verlagen sowie der SRG haben ernst gemeintes Interesse gezeigt und sich mit mir über die Idee ausgetauscht. Die Verlage haben den Fokus auf dem eigenen Unternehmen, sehen aber das potenzielle Bedürfnis. Bei der SRG ist so eine Plattform bereits seit Jahren ein Thema. Man ist dort wiederum besorgt, den öffentlichen Auftrag nicht zu überschreiten. Für unser Team gilt es jetzt herauszufinden, was sich die Branche wünscht. Wir wollen in den nächsten Monaten herausfinden, wie wir zusammenarbeiten können. Unser Motto: Fragend schreiten wir voran.

Das Kernteam hat dank Stiftungsgeldern Anfang März die Arbeit aufgenommen. Womit waren Sie beschäftigt?
Ich habe mit 17 Jahren mein erstes Unternehmen gegründet. Darum weiss ich: Eine Idee ist nur so gut wie das Team dahinter. Mit Oliver Reichenstein, Lorenz Matzat und Allison Crank bilden wir ein – nennen wir es – bescheidenes Spitzenteam. Wir sind alle auf dem Boden geblieben und legen echte Neugier an den Tag. Uns ist klar: Wir sind nicht die Lösung, wir wollen gemeinsam mit der Branche eine Lösung entwickeln. Mit dem Migros-Pionierfonds und Mercator haben wir zwei unabhängige Geldgeber gewonnen, hinter denen sich keine politischen Hintergedanken vermuten lassen. Das ist absolut essenziell für dieses Projekt. Nun suchen wir eine Handvoll Partner in den Medien, die mit uns tiefer in die Entwicklung der Plattform eintauchen möchten und uns bei der Entwicklung unterstützen. 

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Mit wem suchen Sie das Gespräch? 
Mit sehr vielen Stakeholdern. Wir waren beispielsweise auch schon mit der Bundeskanzlei in Kontakt. Anfang Jahr ist der Bundesrat über die Thematik Desinformation und soziale Medien gebrieft worden und hat diskutiert. In Verbindung mit dem existierenden Social-Media-Strategie-Papier der Bundeskanzlei sehen wir ein Potenzial für Unterstützung der Entwicklungsarbeit. Aktuell gilt es für uns, Medienvertreter, Nutzerinnen sowie weitere Stakeholder zu treffen. Denn auch in der Politik keimen Ideen auf, die in unsere Richtung zielen. Die SP forderte letztes Jahr in einem Positionspapier eine «digitale Allmend» für Medien, und auch bei den Grünen und der SVP informieren und exponieren sich Vertreterinnen und Vertreter in der Sache. Ich sehe also lagerübergreifend einen Bedarf, einen Vorschlag zu erarbeiten. Genauso wie es bei den Medien hier die Interessen der Privaten gibt und dort jene der SRG, gilt es auch in der Politik die verschiedenen Bedürfnisse abzuholen und breit zu erzählen, an was wir arbeiten.

«Weder Twitter, Facebook, Snapchat oder TikTok haben zuerst Deals gemacht mit Medien. Sie alle haben zuerst einen nutzenschaffenden Dienst aufgebaut»

Um die Menschen auf Polaris zu locken, brauchen Sie die grossen Medientitel an Bord. Wie wollen Sie Tamedia, CH Media oder die NZZ überzeugen?
Genau solche Fragen werden wir evaluieren. Wir werden im Herbst keine Website oder eine App aufschalten. Sondern wir präsentieren erstmal ein ausgereiftes Konzept. Im Übrigen haben weder Twitter, Facebook, Snapchat oder TikTok zuerst Deals gemacht mit Medien. Sie alle haben zuerst einen nutzenschaffenden Dienst aufgebaut. Die Nutzerinnen und Nutzer sind eingestiegen, weil das Tool für sie besser war als die existierenden. Unsere erste Aufgabe ist es herauszufinden, welche Funktionalität und Eigenschaften diese Plattform haben muss, um für wirklich alle ein Benefit zu sein. Dann kommen die Leute rein, genauso wie die Verlage. 

Im Rahmen der Digital-Allianz haben Blick, 20 Minuten und die Tamedia-Titel das OneLog eingeführt und erreichen laut eigenen Angaben zwei Millionen aktive Nutzerinnen und Nutzer. Was will Polaris besser machen?
Es wäre vermessen zu sagen, was wir besser machen. OneLog hat viel erreicht in den letzten Monaten. Und wir werden sicher das Gespräch suchen. Aber OneLog ist entstanden aus einem Verbund von privaten Unternehmen, die das Interesse teilen, diesen Login-Raum aufzumachen. Polaris soll eine öffentliche Infrastruktur bieten für alle Anbieterinnen und Anbieter von journalistischen Inhalten. Und im Unterschied zu OneLog kommen bei uns Social-Elemente wie ein Empfehlungssystem und Partizipation dazu. 

Nebst den grossen Verlagshäusern, wer soll sonst noch Inhalte liefern?
Es gibt ein ganzes Spektrum von journalistischen Formaten, die bei Polaris denkbar wären. Ein News-Satiriker könnte seine Beiträge vertreiben, eine freie Journalistin einen Kommentar oder ein Blogger aus Montreux einen Beitrag über das Jazzfestival. Wenn der Absender verifiziert ist, wird das veröffentlicht. 

Sie möchten Zahlungsmodelle ausloten und sprechen von einem Halbtax für News. Welche Möglichkeiten sehen Sie?
Der Titel meines Essays im Magazin hiess ja «Ein GA für News». Von dieser Flatrate-Idee sind wir weggekommen. Denn – um bei diesem Beispiel zu bleiben – nur die Wenigsten besitzen ein GA. Ein Halbtax hingegen haben rund 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in der Schweiz. Nutzerinnen und Nutzer müssen sich zu Beginn einmalig registrieren. Um den Bezahlprozess möglichst einfach zu halten, soll es ein Tool geben, über das alles ganz simpel abgewickelt, aber dennoch der Datenschutz respektiert wird. Ein möglicher Partner wäre hier Twint. Das jeweilige Pricing wollen wir den Medien und den anderen Anbietern überlassen. Der oben erwähnte News-Satiriker oder die freie Journalistin könnten so also zumindest einen Teil ihres Lebensunterhalts finanzieren. Oder sie erhielten zumindest ein Feedback, was der Markt für ihre Arbeit hergibt.

«Die Plattform selbst kann als eine Art Qualitätssignet funktionierten»

Und wer soll diese Beiträge lesen? Wen sehen Sie als typische Nutzerin?
Wichtig für uns sein werden die unter 35-Jährigen sein. Es zeigen mehrere Studien, dass viele darunter keine Nachrichten mehr konsumieren, sie gleichzeitig aber eine hohe Affinität für Medien haben. Als zweite Gruppe sehe ich die breite Schicht von Boomern und darüber. Diese Leute wenden sehr viel Zeit auf für News-Medien, was uns auch die vielen Kommentare bei Medienartikeln aus dieser Gruppe zeigen. Diese sind nicht mehr so markentreu wie früher. Viele informieren sich über die Republik und die Weltwoche gleichzeitig und haben nur so das Gefühl, den Überblick behalten zu können. Unsere Erwartung ist es, dass für uns diese beiden Altersgruppen interessant sein werden. Ob das so ist, werden die bevorstehenden Usergespräche aber noch zeigen. 

Die Newsdeprivierten, wie sie das Fög nennt, werden wohl schwer zu erreichen sein. Warum sollte jemand, der beschlossen hat, keine Nachrichten mehr zu konsumieren, Polaris nutzen?
Es gibt viele Menschen, die grundsätzlich oder einfach in gewissen Situationen nicht informiert werden wollen. Ein Beispiel sind die Pushalerts, die viele – mich eingeschlossen – nicht mehr abonniert haben, weil sie zu stark vom Alltag ablenken. Wir wollen mit unserer App den Leuten ein gutes Gefühl geben, wonach wir sie nur informieren, wenn etwas für sie wirklich Relevantes passiert ist. Wir wollen, wie unser Name schon sagt, ein Polarstern zur Orientierung sein. 

Wie würden die Anbieter Ihre Inhalte auf das Portal stellen?
Die Redaktionen sollten die Inhalte ohne viel Zusatzaufwand auf Polaris einfliessen lassen. Gleichzeitig gäbe es für sie ein Potenzial für zusätzliche Monetarisierung durch das Erreichen von zusätzlichen Zielgruppen. Eine simple Variante wäre, dass wir nach Absprache durch Scraping alle öffentlich gestellten Inhalte des Mediums sammeln und aufnehmen. Die maximale Variante wäre eine In-App-Publishing-Lösung, wie das existierende Publishing-System Wepublish, mit dessen Verantwortlichen wir auch reden wollen.

Wird es auf Polaris Werbung geben?
Da Polaris nicht kommerziell ist, wird auf Plattformebene keine Werbung ausgespielt. Wenn Medien aber innerhalb eines Inhalts Werbung schalten möchten, steht ihnen das genauso frei wie das Zahlungsmodell.

Wie garantieren Sie nur «vertrauenswürdige Inhalte» auf dem Portal?
Polaris liefert keinen user-generated Content, sondern sogenannten pre-approved Content, der von Redaktionen erstellt und dann ausgeliefert wird. Publizieren kann auf der Plattform nur, wer sich dem Schweizer Journalismuskodex verpflichtet und sich mit Adresse verifiziert. Die Plattform selbst kann als eine Art Qualitätssignet funktionierten. Alle, die da drin veröffentlichen, signalisieren dadurch, dass sie journalistische Qualität liefern. Gerade kleine Medien oder Fachportale profitieren davon, weil sie viele nicht kennen. Wir werden sicher auf eine Reihe von Medien zugehen, um sie bei uns zu haben. Für alle anderen soll es supereinfach sein, sich registrieren zu lassen. Auch die Nutzerinnen und Nutzer werden einen simplen Verifikationsprozess durchlaufen. Bei Verstössen gegen den Journalistenkodex können sie Inhalte melden und mitentscheiden, wie damit nun verfahren wird. Hier fehlt es bei den bestehenden sozialen Medien an Adressierbarkeit. 

«Viele Kolleginnen und Kollegen aus Verlagen und Journalismus haben sich für den Newsletter eingetragen»

Nutzerinnen und Lieferanten sollen bei Polaris eine physische Ansprechperson haben?
Unbedingt. Ein Beispiel: Der Satiriker Gabriel Vetter ist seit Wochen auf Twitter gesperrt. Auf Polaris soll es eine Person geben, mit der er einen transparenten Dialog führen kann, so dass diese Entscheidung nachvollziehbar dokumentiert und diskutierbar ist. Dazu gibt es zahlreiche Best-Practice-Verfahrensweisen. In der Schweiz ist so ein Vorgehen aufgrund der überschaubaren Anzahl der Anbieter machbar. Laut der Wemf gibt es in der Schweiz nur ein paar hundert journalistische Anbieter, die bis zu hundert Inhalte pro Tag raushauen. 

Sie wollen einen für jeden nachvollziehbaren Algorithmus bauen. Wie soll das gehen?
Wir haben das Glück, dass wir auf fast zwei Dekaden Social-Media-Fails zurückblicken und davon lernen können. Transparenz ist ein alter Begriff. Relevant ist die Nachvollziehbarkeit. Wie laufen unsere Zustellmechanismen ab? Das soll jeder verstehen können. In der Schweiz mit ihren Initiativen und Referenden, wo alle mitbestimmen können, ist es wichtig, dass nicht nur eine elitäre Klasse mitbestimmt. Das soll auch bei unseren Mechanismen gelten. 

Am Montag haben Sie die Branche über Polaris informiert. Wie waren die Reaktionen seither?
Über den Erwartungen. Wir wurden wirklich sehr freundlich empfangen. Viele Kolleginnen und Kollegen aus Verlagen und Journalismus haben sich für den Newsletter eingetragen und folgen uns auf Twitter – auch aus der Romandie und dem Tessin. Wir freuen uns auf Tipps, Hinweise und den Austausch. 



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