02.05.2022

Polaris

Soziales Netzwerk für News in den Startlöchern

Ein vierköpfiges Team um den Tech-Journalisten Hannes Grassegger entwickelt ein Portal für vertrauenswürdige Inhalte aus der Schweiz. Polaris, wie es sich nennt, soll Anbieter und Konsumentinnen von Journalismus abholen. Im Herbst soll das Detailkonzept vorliegen.
Polaris: Soziales Netzwerk für News in den Startlöchern
Das Kernteam von Polaris (v.l.): Hannes Grassegger, Oliver Reichenstein, Lorenz Matzat und Allison Crank. (Bild: Goran Basic)
von Michèle Widmer

Die Idee hat für viel Aufsehen in der Branche gesorgt: Der Investigativ-Reporter Hannes Grassegger forderte im November 2019 in einem Essay im Magazin ein Soziales Netzwerk für die Schweiz. Über eine App wie Twitter oder Facebook sollten die Nutzerinnen und Nutzer Zugang zu allen Tageszeitungen und Sendern der Schweiz haben. Sie könnten Inhalte lesen, ohne auf die einzelnen Medienportale zu gehen – ohne sich immer wieder einzuloggen, selbst bei zahlungspflichtigen Inhalten. Sie könnten Inhalte auch kommentieren und teilen, so seine Vision. Vorantreiben könnte das Vorhaben das Bundesamt für Kommunikation.

Seither ist hinter verschlossenen Türen viel passiert. Grassegger hat sein Gedankenexperiment gemeinsam mit Hannes Gassert (Liip-Mitgründer), Yves Daccord (Journalist und ehemaliger Direktor des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz), Malka Older (Autorin und Akademikerin) sowie Nahema Marchal (Kommunikationswissenschaftlerin Universität Zürich) vorangetrieben und Geld gesammelt. Bei zwei Stiftungen sind sie auf offene Ohren gestossen: Der Migros-Pionierfonds und Mercator Schweiz. Die beiden unterstützen das Projekt zu gleichen Teilen mit gesamthaft 300’000 Franken. Das Geld soll im laufenden Jahr für die Erarbeitung eines Detailkonzepts und die Entwicklung von Prototypen dienen. 

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Nun wird die Idee des Social Networks für News konkret: Im Februar hat ein Kernteam in einem Büro an der Zürcher Brauerstrasse die Arbeit am Aufbau von Polaris, wie der Dienst heissen soll, aufgenommen. Nebst Grassegger verantwortet Lorenz Matzat die Projektleitung. Matzat arbeitet als Datenjournalist und gründete 2016 in Berlin die NGO Algorithm Watch mit. Der Design Lead liegt bei Allison Crank, die sich als Designerin auf interaktives Storytelling mit neuen Medien spezialisiert hat. Als Product Strategist mit an Bord ist Oliver Reichenstein, der die Schreib-App iA Writer entwickelt und unter anderem bereits Websites für den Tages-Anzeiger, Die Zeit oder The Guardian gestaltet hat.

Projekt-Website gelauncht

Am Montag gehen die Vier mit Polaris an die Öffentlichkeit. Auf der Website polarisnews.ch können sich Interessierte für einen Newsletter anmelden, der Updates über den Stand der Dinge verspricht. «Polaris soll für den Journalismus in der Schweiz ein gemeinsames Zuhause schaffen», heisst es auf der Website. Ziel sei es, eine Plattform für Anbietende und Konsumierende von Journalismus zu entwickeln. 

«Unsere Grundannahme ist, dass der von uns geschätzte Journalismus in der Gesellschaft einen anderen Stellenwert bekäme, wenn es in zeitgemässer Form Zugriff auf ihn gäbe», sagt Projektleiter Lorenz Matzat gegenüber persoenlich.com. Wenn er also nicht in Silos verstreut, sondern komfortabel an einem Ort aggregiert wäre, der zum Entdecken und zur Auseinandersetzung mit seinen Informationen einlädt.

Gemeinnütziges Interesse

Damit erhoffen sich die Initianten, bislang unerreichten Zielgruppen neuen Zugang zu Journalismus zu schaffen und Medienschaffenden neue Einnahmequellen zu ermöglichen. Nebst Inhalten von Zeitungen, Fernsehen und Radio soll die Polaris-App auch journalistische Podcasts, Social Video oder Newsletter integrieren. Die Nutzungsdaten sollen, soweit es Datenschutz und Privatsphäre zulassen, offen für Auswertungen durch die Branche sowie für die Wissenschaft bereitgestellt werden. Nutzerinnen und Nutzer sollen die Kontrolle über einen nachvollziehbar gestalteten Algorithmus haben. Und die Software von Polaris wäre Open Source. 

Das Kernteam etabliert Polaris als nicht gewinnorientiertes Newsportal, das zuvorderst am Gemeinwesen und der Demokratie orientiert ist. Das sei genauso ein technologisches Projekt wie ein gesellschaftliches, und daher stehe man im ständigen Austausch mit der Schweizer Medienbranche, mit der Forschung, Entwicklerinnen und Entwicklern und nicht zuletzt mit den künftigen Nutzerinnen und Nutzern des Newsportals, heisst es weiter. «Für dieses Jahr ist das Kernziel, ein ausgereiftes Konzept für unseres gemeinnütziges Newsportal zu entwickeln. Ein Konzept, das den Bedürfnissen künftiger Nutzerinnen und Nutzern entspricht», sagt Matzat. Für danach gelte es, weitere Geldgeber an Bord zu holen, die die eigentliche Umsetzung und den Betrieb von Polaris längerfristig finanzieren würden.



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