02.12.2021

Digital-Allianz

«Wir zwingen niemanden dazu, sich einzuloggen»

Die Medien von Tamedia führen ab sofort schrittweise OneLog ein, das gemeinsame Login der Schweizer Digital-Allianz. Chief Product Officer Christoph Zimmer sagt, warum es länger dauerte als geplant und welche Vorteile die User mit OneLog haben.
Digital-Allianz: «Wir zwingen niemanden dazu, sich einzuloggen»
«Auch wenn das die Redaktionen sicher brennend interessieren würde: 20 Minuten hat keine Ahnung, ob ein User auch auf Blick eingeloggt ist», sagt Christoph Zimmer, Chief Product Officer Tamedia. (Bild: Tamedia)
von Christian Beck

Herr Zimmer, am 1. Dezember führt nun auch Tamedia das Medien-Login OneLog ein (persoenlich.com berichtete). Sind Sie froh, dass es jetzt so weit ist?
Das Team bei Tamedia, aber auch die Kolleginnen und Kollegen bei OneLog haben einige Monate intensiv auf diesen Tag hingearbeitet. Ich freue mich, dass es nun so weit ist.

Der Launch der Tamedia-Titel kam später als ursprünglich geplant. Weshalb die Verzögerungen?
Die Einführung von OneLog als Login ist bei Tamedia Teil eines grösseren Projektes. Wir wechseln zu Piano als Paywall-Lösung und ersetzen auch den digitalen Abo-Shop. Das erlaubt uns zum Beispiel, unsere Leserinnen und Leser in Zukunft gezielter anzusprechen und neue Angebote einfacher zu lancieren. Beispiele dafür sind etwa die neuen Digitalabos Youth, Family und All Access, die bereits auf grosses Interesse stossen. Wir wollen damit das starke Abo-Wachstum der letzten drei Jahre fortführen. Der Wechsel zu OneLog als Login-Lösung kommt ganz am Ende dieses anspruchsvollen Projektes, deshalb hat es etwas länger gedauert als geplant.

«Vermutlich hat kein Medienhaus in der Schweiz mehr eingeloggte User als wir»

Den ersten Schritt macht der Bund, später kommen alle anderen Tamedia-Titel hinzu. Warum starten Sie mit dem Bund?
Vermutlich hat kein Medienhaus in der Schweiz mehr eingeloggte User als wir. Von einem auf den anderen Tag bei allen Medien gleichzeitig das Login umzustellen, wäre deshalb ein ziemliches Risiko. Es gibt bei diesen Projekten schliesslich nie eine Garantie, dass alles von Anfang an reibungslos klappt. Der Bund hat eine gewisse Grösse, ist aber auch nicht der grösste Titel bei Tamedia. Deshalb gehen wir mit dem Bund voran – und werden dann rasch alle anderen Titel nachziehen.

Die Schweizer Digital-Allianz hat im Frühling das gemeinsame Login für ihre Newsplattformen gegründet, 20 Minuten und die Ringier-Medien machten den Anfang. Anfang September erfolgte der Transfer zur neuen Lösung OneLog. Wie waren die Feedbacks der User?
Eigentlich durchwegs positiv. Seit 20 Minuten das neue Login im Frühjahr eingeführt hat, steigt die Zahl der eingeloggten User kontinuierlich. Das liegt nicht nur am gemeinsamen Login, sondern vor allem daran, dass die Kolleginnen und Kollegen von 20 Minuten Anreize geschaffen haben, damit sich ihre Leserinnen und Leser einloggen. Aber das gemeinsame Login und die gute UX, die OneLog bietet, sind die Basis für das Wachstum.

Sicher gab es auch technische Schwierigkeiten. Mit was hatten Sie zu kämpfen?
Ganz ehrlich, auch wenn es eine etwas langweilige Antwort ist: Es gab bisher keine technischen Probleme. OneLog hat immer bestens funktioniert, da geht ein grosser Dank an Geschäftsführer Silvano Oeschger und das ganze OneLog-Team.

«OneLog muss perfekt mit unserem Abo-Verkaufsprozess harmonieren»

Und welche Erkenntnisse fliessen nun bei den Tamedia-Titeln ein?
Wir profitieren von der Vorarbeit des Teams um Bernd Volf und den Erfahrungen der Medien von Ringier und Ringier Axel Springer, aber auch von 20 Minuten. Unsere Medien, der Tages-Anzeiger, die Berner Zeitung oder auch die Tribune de Genève, sprechen aber zu einem grossen Teil zahlende Leserinnen und Leser an. OneLog muss deshalb perfekt mit unserem Abo-Verkaufsprozess harmonieren.

Mit Tamedia stösst jetzt das grösste Schweizer Netzwerk von Abo-Zeitungen zu OneLog. Was wird das in Sachen eingeloggter User bedeuten? Haben Sie Zahlen?
Wir haben als Abo-Medium sehr viel mehr eingeloggte User als 20 Minuten und Blick, die stärker auf Reichweite und Werbefinanzierung setzen. Konkret: OneLog erreicht derzeit rund eine Million Accounts, die meisten kommen von 20 Minuten und Blick. Mit Tamedia dürfte sich diese Zahl innerhalb kürzester Zeit auf zwei Millionen aktive Accounts verdoppeln. Das ist für ein Land wie die Schweiz eine beachtliche Zahl, was nicht heisst, dass wir nicht noch weiter wachsen möchten.

Sie haben keine Angst, mit der Einführung von OneLog massig Reichweite zu verlieren?
Nein, die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass nicht mit einem Reichweitenverlust zu rechnen ist. Wir zwingen aber auch niemanden dazu, sich einzuloggen.

Welchen Nutzen hat Tamedia, wenn Nutzerinnen und Nutzer eingeloggt sind?
Es ist für uns wichtig zu verstehen, wie unsere Leserinnen und Leser unser Angebot nutzen. Schätzen sie es beispielsweise, wenn besonders relevante Nachrichten länger prominent platziert sind? Nutzen sie unsere App und die Website, oder nur die App oder vielleicht die Website und das E-Paper-Angebot? Und natürlich möchten wir ihnen auch das Abo anbieten, das zu ihnen passt. Für all diese Fragen ist es wichtig, die Leserinnen und Leser zu kennen.

Und welchen Nutzen hat der User von so einer Beziehung zu Tamedia?
Für ein Login beim Tages-Anzeiger, der Finanz und Wirtschaft oder dem Bund spricht zuallererst, dass ich als Leserin oder Leser damit von einem kostenlosen 14-tägigen Probeabo profitieren und in dieser Zeit auf alle News, Recherchen und Analysen zugreifen kann. Zusätzlich gibt es Funktionen, die nur eingeloggten Usern zur Verfügung stehen, etwa Kommentare schreiben oder Bookmarks. Und für OneLog spricht, dass dieses Login mit Funktionen wie FaceID oder TouchID auf die Bedürfnisse von Schweizer Mediennutzerinnen und -nutzern ausgerichtet ist und auch für andere Medienangebote in der Schweiz genutzt werden kann – ohne dass ich als User auf ein Login von Google, Facebook oder Apple zurückgreifen muss.

«Wie radikal die einzelnen Medien vorgehen, entscheiden alle selbst»

Bei 20 Minuten ist das Login nach wie vor fakultativ. Wann wird es zur Pflicht?
Das kann ich so nicht beantworten. Alle Partner verfolgen das gleiche Ziel: Wir wollen unsere Leserinnen und Leser von einem Login überzeugen. Wie radikal die einzelnen Medien vorgehen, entscheiden aber alle selbst.

OneLog ist ein Joint Venture zwischen der TX Group und Ringier. Hand aufs Herz: Tauschen Sie untereinander Nutzerdaten aus?
Nein. Auch wenn das die Redaktionen sicher brennend interessieren würde: 20 Minuten hat keine Ahnung, ob ein User auch auf Blick eingeloggt ist. Und Ringier weiss auch nicht, welche zusätzlichen Daten – etwa für einen Wettbewerb – ein User bei 20 Minuten eingegeben hat. OneLog tauscht nur die Daten aus, die für das Login zwingend notwendig sind, die E-Mail-Adresse und das Passwort. Und auch das erst, wenn sich eine Leserin oder ein Leser aktiv auf einem Medienangebot anmeldet.

Die Ringier- und Tamedia-Titel sowie 20 Minuten sind jetzt bei OneLog angeschlossen. Wie geht es weiter?
Wir sind derzeit mit der SRG im Gespräch und auch mit CH Media und NZZ, unseren Partnern in der Schweizer Digital-Allianz. Unser Ziel ist es, dass die SRG OneLog bereits in Kürze als Third-Party-Login implementiert. NZZ und CH Media wollen sich darüber hinaus auch am Joint Venture beteiligen. Wichtig ist zu verstehen, dass wir mit OneLog ja kein Geld verdienen wollen, wir sehen das als gemeinsame Investition in die Medienbranche und sind offen für weitere Kunden.

Was wäre das Idealszenario von OneLog? Wenn sämtliche Zeitungen und Zeitschriften angeschlossen wären?
Ja, das wäre natürlich unser Ziel. Alle werden sicher nicht mitmachen, aber das ist ja auch okay. 20 Minuten, CH Media, NZZ, Ringier und Tamedia erreichen gemeinsam mit den registrierungspflichtigen Angeboten der SRG bereits einen grossen Teil der Schweizer Bevölkerung.

Und wenn OneLog in der Schweiz überall eingeführt ist, expandiert das Unternehmen ins Ausland?
Nein, davon gehe ich nicht aus. Interessant ist die gemeinsame Lösung ja auch deshalb, weil viele Leserinnen des Tages-Anzeigers auch bei 20 Minuten oder der NZZ vorbeischauen und umgekehrt. Diese Überschneidung ist mit Medien aus dem Ausland deutlich geringer.



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