Frau Hohenstein*, wie würden Sie die Wortbildung Leser*innen aussprechen?
Das Gender-Sternchen oder der Genderstern wird genauso ausgesprochen wie die Schreibung mit dem Binnen-«I» (LeserInnen), einem Schrägstrich (Leser/innen) oder einem statischen Unterstrich (Leser_innen): mit einem kurzen Glottis-Stop (Stimmritzenverschlusslaut). Dabei sind beide Wortversionen (Leser und Leserinnen) eingeschlossen und ausgesprochen.
Zurzeit läuft eine angeregte Diskussion über eine Sprache, die nicht nur männlich und weiblich, sondern auch divers einschliesst. Ist der Genderstern dafür eine gute Lösung?
Der Genderstern ist in meinen Augen eine ganz sympathische Lösung und eine, die schlüssig und zeitgemäss ist. Denn der Stern ist das Symbol, das bei der Datenbankabfrage verwendet wird, um zu kennzeichnen, dass alle Wortformen mit beliebigen anschliessenden Buchstaben und Zeichenketten bei der Suche mit berücksichtigt werden – also sozusagen Diversität auf Wortebene ermöglicht.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Die Suchabfrage [Gleichstell*] kann in einer Datenbank Ausdrücke mit allen möglichen Endungen finden, wie Gleichstellung, gleichstellen oder Gleichstellungsverfahren. Einerseits ermöglicht der Genderstern also, eine sprachliche Inklusivität auszudrücken, indem potenzielle Varianten eingeschlossen werden; andererseits entspricht er auch unserem zunehmend von Datensammeln und Grossdatenbankabfragen geprägten Denken. Deshalb sehe ich ihn prinzipiell als eine gute Lösung. Die Hürden, sich an den Genderstern zu gewöhnen, dürften nicht grösser sein als damals bei der Einführung der neuen deutschen Rechtschreibung, die heute generell praktiziert wird, obwohl sie in den 1990er-Jahren grosse Kontroversen und Widerstände ausgelöst hatte.
«Ich würde begrüssen, wenn alle Zeitungen endlich ihre Praxis auf eine gendergerechte Sprache umstellen würden, die Frauen explizit benennt»
Der * ist kein sprachliches, sondern ein typografisches Zeichen. Warum wurde gerade dieses Zeichen gewählt?
Es ist nicht ganz klar, wer warum den Genderstern ursprünglich vorgeschlagen hat. Aber aus den vorgenannten Gründen stellt sich mir diese Wahl als schlüssig und in gewisser Weise als folgerichtig dar, denn sie basiert auf den Vorschlägen für eine Frauen einschliessende gendergerechte Schreibweise. Und sie treibt diese in Richtung einer noch grösseren Inklusivität weiter, ohne die im Wort enthaltene weibliche Form zu negieren oder entstellen.
In den Medien ist der Genderstern höchst selten zu finden, einige Titel nennen jeweils die männliche und weibliche Form. Welche Schreibweise würden Sie in den Zeitungen gerne lesen?
Ich würde zu allererst begrüssen, wenn alle Zeitungen endlich ihre Praxis auf eine gendergerechte Sprache umstellen würden, die Frauen explizit benennt. Damit würde die grösste Gruppe der sprachlich Diskriminierten – immerhin 50 Prozent der Bevölkerung – schon einmal zu ihrem Recht kommen. Das sogenannte «generische» Maskulinum, das überwiegend noch immer praktiziert wird, entspricht nicht nur nicht dem gültigen Sprachengesetz, sondern ist nach zahlreichen wissenschaftlichen Studien der letzten 40 Jahre tatsächlich keine Lösung, bei der Frauen psychologisch und gesellschaftlich «mitgemeint» werden. Für welche Schreibweise sich ein Medium letztlich entscheidet, ist für mich eine sekundäre Frage: alles, nur kein alles behinderndes verallgemeinertes Maskulinum.
Und was schlagen Sie den elektronischen Medien wie Radio und TV für die Aussprache vor?
In der Schweiz wird gerade in Bildungsinstitutionen von vielen Kollegen die Aussprache mit Glottis-Stop ausdrücklich gepflegt. Das finde ich vorbildlich. Und es ist nicht schwer, weil der Glottis-Stop sowieso ein häufig genutztes Artikulationsmittel der deutschen Sprache ist.
Erst kürzlich gab es Diskussionen, weil Vorlesegeräte von blinden oder sehbehinderten Menschen den Genderstern als «Stern» ausgesprochen haben.
Ja, dadurch werden Wort und Wortsinn verändert und es ist gewöhnungsbedürftig, mit dieser vorgelesenen Variante zu arbeiten. Dort muss die Technik noch entsprechend den (Hör-)Bedürfnissen des Menschen angepasst werden. Aber prinzipiell ist der Mensch ein sehr lernfähiges Wesen und sprachliche Veränderungen, an die wir uns gewöhnen, finden ständig statt.
Alle Menschen sollen angesprochen werden können. Hat die Sprache überhaupt diesen Anspruch?
Die Sprache setzt immer nur genau den Anspruch um, den ihre Sprecherinnen und Sprecher haben. Deshalb verändert sie sich auch beständig: Sie muss immer den jeweiligen gesellschaftlichen Bedürfnissen gerecht werden können. Wenn eine Gesellschaft keinen Anspruch auf Anerkennung der Frau als Mensch mit allen Rechten und Pflichten erhebt, dann werden ihre Mitglieder als Sprecher und Sprecherinnen vermutlich kein Problem mit dem generischen Maskulinum haben. Aber da wir uns gesellschaftlich weiter entwickelt haben, und Frauen ebenso wie diverse Minderheiten als Teile einer demokratischen Gesellschaft ansehen und dies auch in unserer täglichen Sprache reflektieren wollen, hat sich unser Anspruch an unsere Sprache gewandelt, in Richtung auf ein inklusiveres Sprechen.
««Gaga» ist nur die Energie, die in die (sprachpolitische) Bekämpfung des gesellschaftlichen Wandels gesetzt wird»
Nebst dem Genderstern, welche Möglichkeiten sehen Sie sonst für die geschlechterneutrale Sprache?
Ich habe oben bereits ein paar Vorschläge für Frauen einbeziehende Sprachformen erwähnt. Daneben gibt es die substantivierten Pluralformen der Partizipien I und II (z. B. Studierende, Delegierte) sowie von Adjektiven (z. B. die Jugendlichen). Ihre Singularformen sind aber binär geschlechtsdifferenzierend und werden oft falsch verwendet. Die Doppelnennung (Bürgerinnen und Bürger) kann ausdrücklich Personen ansprechen, die sich einer der Kategorien «Mann» oder «Frau» zuordnen. Wirklich geschlechterneutrale Personenbezeichnungen sind damit nur die Pluralformen von Partizipien und Adjektiven.
Kritiker sprechen von «Gendergaga». Die Diskussion mache die Sprache unverständlich und mühsam. Was sagen Sie dazu?
Sprache, die nicht verständlich oder «mühsam» ist, setzt sich letztlich nicht durch. Dass sich gegen die sprachreformierenden Vorschläge aber eine neokonservative Sprachkritik formiert, heisst, dass sich diese Neuerungen bereits zu etablieren beginnen. Das ist ein Zeichen dafür, dass sich unsere Gesellschaft wandelt und geänderte Ansprüche an unser gesellschaftliches Miteinander sich auch in einer veränderten Sprache zeigen. «Gaga» ist nur die Energie, die in die (sprachpolitische) Bekämpfung des gesellschaftlichen Wandels gesetzt wird.
Die deutsche Sprache strukturiert sich nach Geschlecht. Die sächliche Form ist für Dinge, nicht Personen gedacht. Wie liesse sich das lösen?
Das Genus in der deutschen Sprache hat sich historisch nach phonetisch-phonologischen Prinzipien entwickelt. Genus mit Gender oder natürlichem Geschlecht gleichzusetzen, ist eine neuzeitliche Entwicklung. Das Genus Neutrum (sächlich) ist von daher kein Problem, und muss nicht «gelöst» werden. Als Nennform für Personen taugt es im respektvollen Umgang miteinander wenig, wenn wir an Personenbezeichnungen denken, die im Neutrum stehen: das Mädchen, das Männchen, das Monster.
«Die Gesellschaft hat ein Bedürfnis, auch Geschlechteridentitäten über die binären Kategorien «Mann»-«Frau» benennbar zu machen»
Der Bundesrat klärt zurzeit ein drittes Geschlecht im Personenstandregister ab. Wäre die Einführung eines solchen für die Entwicklung der Sprache hilfreich?
Sprachliche und gesellschaftliche Entwicklung gehen Hand in Hand. Mit der Diskussion um Genderstern und Trans*identität ist die Sprache bereits ihrer Abfassung in gesellschaftliche Dispositive ein Stück voraus. Die Diskussion auf höchster politischer Ebene um die Erweiterung des Personenstandregisters zeigt, dass unsere Gesellschaft bereits ein Bedürfnis hat, auch Geschlechteridentitäten über die binären Kategorien «Mann»-«Frau» hinaus benennbar zu machen und anzuerkennen. Es ist freilich ein komplexer Prozess, in dem dies sprachlich umgesetzt und diskursiv unter Beteiligung der Anspruchsgruppen entschieden wird.
Ende März hat die Universität Zürich beschlossen, ihre Legis geschlechtsneutral zu beschriften. Warum gehen Hochschulen bei dem Thema voran?
Bildungsinstitutionen sind Motoren der demokratischen Reflexion und der Entwicklung einer Gesellschaft. Daher ist es wichtig, dass sie gesellschaftliche Entwicklungen nicht einfach geschehen lassen und konstatieren, sondern aktiv, mit wissenschaftlich gestützten Daten und neuen Ideen in die Diskussion eingreifen. Die Freiheit frei zu sein, von der Hannah Arendt sprach, besteht gerade auch darin, Verantwortung für demokratische gesellschaftliche Entwicklungen zu übernehmen. Dies tun Hochschulen mit solchen Beschlüssen.
Wie sieht es bei der ZHAW aus: Was wird dort künftig auf den Legis zu lesen sein?
Bislang haben wir an der ZHAW die binären Kategorien (Student oder Studentin, Dozent oder Dozentin). Aufgrund eines kürzlichen Falles von Transidentität, bei dem unter anderem gegen die binäre Geschlechtszuweisung protestiert wurde, ist auch bei uns an der ZHAW die Debatte ins Rollen gekommen. Erfahrungsgemäss dauert es, bis neue Ansprüche in Regelungen umschlagen und dann bis in alle Formulare und Ausweise umgesetzt werden. Wir haben an der ZHAW nun eine Regelung zum Umgang mit Transidentität und der Ausdruck «Trans*» ist dort offiziell gebraucht. Es ist aber bis auf weiteres nötig, sich einer der binären Geschlechtskategorien zuzuordnen (Mann/Frau). Die Wahl eines weiteren amtlichen Geschlechts (z.B. X) ist noch nicht möglich – und insofern Zukunftsmusik.
* Christiane Hohenstein ist Professorin für Interkulturalität und Sprachdiversität an der ZHAW Angewandte Linguistik in Winterthur. Sie leitet den CAS Kommunizieren und handeln im interkulturellen Kontext.
Christiane Hohenstein hat die Fragen schriftlich beantwortet.
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