17.06.2020

Serie zum Coronavirus

«Der öffentliche Verkehr ist der Verlierer»

Folge 67: Benedikt Weibel wurde als SBB-Chef landesweit bekannt. Heute ist er Buchautor, Professor und Befürworter der Maskenpflicht in den Zügen.
Serie zum Coronavirus: «Der öffentliche Verkehr ist der Verlierer»
«Was sich in der Mobilität, und zwar weltweit, abgespielt hat, war historisch einzigartig», sagt der Ex-SBB-Chef. (Bild: zVg.)
von Matthias Ackeret

Herr Weibel, wie haben Sie die ganze Coronazeit erlebt?
Alles in allem gut. Ich bin bei bester Gesundheit, habe mich viel bewegt, gesund gegessen und die Bücher gelesen, die ich endlich lesen wollte.

Waren Sie ständig im Homeoffice oder wagten Sie sich – als begeisterter Bergsteiger – auch in die Berge?
Ich war während der Woche immer in meinem Büro, das ich zu Fuss gut erreiche. Dort, im sechsten Stock eines Bürokomplexes, war ich quasi in Quarantäne. Am Wochenende haben meine Frau und ich die Umgebung zu Fuss und mit dem Velo durchstreift – und ja, wir waren auch einige Male im nahen Berner Oberland, vor allem im April, als das Wetter unglaublich schön war und wir kaum je einem Menschen begegneten.

Wird sich unsere Gesellschaft aufgrund von Corona wirklich verändern?
Das können wir erst nach geraumer Zeit beurteilen. Der Mensch hat ja eine kolossale Fähigkeit, zu verdrängen. Mit einiger Sicherheit lässt sich sagen, dass sich einiges von dem, was sich in der Arbeitswelt verändert hat, erhalten wird. Dass das Onlinegeschäft seinen Schub nicht mehr verlieren wird. Und dies wird auch im Detailhandel Spuren hinterlassen.

«Nie in der Geschichte der Zivilisation ist die Mobilität flächendeckend eingebrochen»

Was hat sich Ihrer Ansicht in den letzten beiden Monaten bewährt, was weniger?
Am meisten beeindruckt hat mich, wie rasch und wie gut sich viele Institutionen quasi aus dem Stand an eine völlig neue Situation angepasst haben. Die Spitäler, die Unternehmen, aber auch die Schulen, wie ich das bei unseren Grosskindern verfolgen konnte. Da wurde sehr viel Eigenverantwortung eingebracht.

Was sind die Auswirkungen auf die Mobilität?
Was sich in der Mobilität, und zwar weltweit, abgespielt hat, war historisch einzigartig. Noch nie in der Geschichte der Zivilisation ist die Mobilität flächendeckend eingebrochen. Heute ist der Autoverkehr in Zürich bereits wieder auf dem gleichen Level wie im letzten Jahr, mit den exakt gleichen Verkehrsspitzen. Ein Indiz dafür, dass sich die Welt wieder zum Alten bewegt.

Wäre nach Ihrer Ansicht Maskentragen in den Zügen Pflicht?
Ich hätte aufgrund der Erfahrungen in Österreich eine Maskenpflicht befürwortet. Was die Mobilität betrifft, geht der öffentliche Verkehr als Verlierer aus der Krise. Das ist ein Problem, denn ohne die Bahn wird eine Verkehrswende, die zur Bekämpfung der Klimakrise unabdingbar ist, nicht zu machen sein. 

«Im Vergleich zur Schweiz war man in Österreich immer etwa zwei Wochen schneller»

Sie sind Aufsichtsratspräsident der Rail Union, einer privaten Bahngesellschaft in Österreich. Inwiefern ist man dort anders mit der Krise umgegangen als bei uns?
Es war auffällig, wie gut diese junge Regierung funktioniert hat. Der Bundeskanzler und der grüne Gesundheitsminister agierten sichtbar als harmonisches Team. Die krisenbedingte Zusammenarbeit mit dem Verkehrsministerium war konstruktiv und speditiv. Im Vergleich zur Schweiz war man in Österreich immer etwa zwei Wochen schneller – beim Runterfahren und beim Öffnen. Obwohl man mit Ischgl einen Hotspot hatte, haben sich in Österreich nur etwa halb so viele Menschen infiziert. Die Zahl der Todesfälle ist sogar um 65 Prozent tiefer als bei uns.

Wie beurteilen Sie die Arbeit unserer Regierung?
Die Verantwortlichen haben uns gut durch die Krise geführt. Daneben verblassen Diskussionen um Masken und Ähnliches.

Nun sind die Grenzen wieder offen. Wann reisen Sie erstmals wieder ins Ausland?
Anfang August, nach Süddeutschland.

Wo verbringen Sie Ihre Ferien?
Hauptsächlich in der Ostschweiz und im Berner Oberland.

Was war für Sie das prägendste Erlebnis der letzten Wochen?
Als ich erstmals virtuell unterrichtete. Eine neue Klasse, von 9 bis 16 Uhr, via Zoom. Ich war am Ende nudelfertig.



Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com jeden Tag eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier.



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