19.09.2019

Daniel Rohr

«Langeweile im Theater ist tödlich»

Keiner verwaltet das Erbe lebendiger als der Zürcher Schauspieler und Theaterdirektor Daniel Rohr. Im Theater Rigiblick spielt er mit grossem Erfolg «Tribute to Woodstock» – Zusatzvorstellungen gibt es am 27. und 28. September im Theater 11 beim Hallenstadion. Ein Gespräch über Schauspielerei, Subventionen und Sponsoren.
Daniel Rohr: «Langeweile im Theater ist tödlich»
Daniel Rohr ist seit 2004 Leiter des Theaters Rigiblick in Zürich und überrascht immer wieder mit unkonventionellen Theaterrevuen über die Beatles, Bruce Springsteen, Queen oder David Bowie. (Bild: T + T Fotografie)
von Matthias Ackeret

Herr Rohr, überall ist von Woodstock die Rede. Jetzt bringen Sie das Ganze noch auf die Bühne. Besteht nicht die Gefahr einer Überdosis?
(Lacht.) Wir haben diesen Rock-Theaterabend schon vor dem Sommer herausgebracht, als noch niemand darüber gesprochen hat. Alle Vorstellungen im Theater Rigiblick waren restlos ausverkauft. Es kam von Zuschauern die Rückmeldung, dass sie sich den Abend wiederholt anschauen möchten. Nun spielen wir die Aufführungen Ende September auch im Theater 11. Die Herausforderung, diesen Rock-Theaterabend im grossen Raum zu spielen, ist für uns sehr spannend.

Sie spielen Ihr «Tribute to Woodstock» am 27. und 28. September im Theater 11, einem Ort mit über 1600 Sitzplätzen. Ist dies nicht ein gar grosses Risiko?
Wir haben den Beatles-Abend «Sgt. Pepper» im Theater 11 aufgeführt, und es hat gut funktioniert. Aber es ist eine Herausforderung: Das Theater Rigiblick hat 200 Plätze, das Theater 11 achtmal mehr. Bei uns sitzt man in der Stube, im Theater 11 ist es Kino mit Grossleinwand. Aber auch für uns Schauspieler ist es selbstverständlich eine grosse Herausforderung, vor so vielen Leuten zu spielen.

Sie haben das Drehbuch zu diesem Tribute selbst verfasst. Wie haben Sie recherchiert?
Ich habe ein halbes Jahr lang alles über Woodstock gelesen, was ich in die Finger bekommen konnte. Und alles angeschaut, was ich über Woodstock anschauen konnte.

«Jedes Kind kennt die Beatles und die Stones»

Aber warum inszenieren Sie Woodstock wie auch die letzten Alben der Beatles?
Es ist die Pop- und Rockmusik aus einer Zeit, in der sich vieles grundlegend verändert hat. Eine Zeit, in der Klassiker entstanden sind, die sich über die Jahre hinweg gehalten haben. Jedes Kind kennt die Beatles und die Stones. Ich bin in dieser Zeit sozialisiert worden und habe schon früh realisiert, dass es funktioniert, wenn man diese Klassiker auf die Bühne bringt. Dieses Jahr ist ganz speziell: Vor einem halben Jahrhundert war Woodstock, gleichzeitig publizierten die Beatles ihr letztes Album, «Abbey Road», welches diesen Herbst bei uns Premiere hat. Und am 23. September feiert Bruce Springsteen, auch ein Held meiner Jugend, seinen 70. Geburtstag. Für alle führen wir eine eigene Tribute-Show auf.

Warum ist dieses Woodstock-Jubiläum jetzt überall in den Schlagzeilen? Was ist das Spezielle daran?
Woodstock war eine Zeitenwende. Nach Woodstock war klar, dass die Hippiebewegung nicht mehr weiterexistieren würde. Trotz des Regens, trotz des Morasts, trotz des unbeschreiblichen Chaos mit beinahe einer halben Million Menschen verlief aber alles friedlich. Ein halbes Jahr später war das Altamont-Festival, bei dem die als Order eingesetzten Hells Angels einen Schwarzen niederstachen. Es war symbolisch: In diesem Moment hatte die Bewegung ihre Unschuld verloren. Am Ende des Altamont-Festivals zählte man vier Tote. Das Ganze wurde gewalttätiger. Bei Woodstock war dies nicht der Fall.

Gehen wir in die Jetztzeit. Sie betreiben mit dem Rigiblick wohl das originellste Theater der Schweiz. Sie agieren sowohl als Direktor wie auch als Produzent und Hauptdarsteller. Als einziges Kulturhaus der Schweiz sind alle Ihre Vorstellungen praktisch über das ganze Jahr hinaus ausverkauft. Wie schafft man das?
Es sind verschiedene Faktoren, die dabei mitspielen. Sicher ist wichtig, dass wir die Möglichkeit hatten, das Haus über lange Jahre aufzubauen, und unsere Zuschauerinnen und Zuschauer wissen, was sie bei uns bekommen: Wir erzählen Geschichten, die die Menschen verstehen und die ans Herz gehen. Dann haben wir eine grosse Tradition der Gastfreundschaft. Auch weiss man, dass unsere Vorstellungen nicht fünf Stunden dauern. Und vielleicht das Wichtigste: Unsere Aufführungen verbinden immer Musik und Text. Musik ist der wunderbare Transporteur für Gefühle. Es gibt Leute, die uns vorwerfen, dass wir Unterhaltungstheater machen würden. Ich halte es mit Frank Zappa. Dieser sagte einmal, dass es nicht E- oder U-Musik gebe, sondern nur schlechte oder gute. Als junger Mann habe ich sowohl Bruckner als auch die Rolling Stones gehört. Ich fand beides toll, und von diesen Erfahrungen profitiere ich heute noch. Oft kommt die Musik bei uns aus dem Rockbereich. Wir haben aber auch Stücke mit klassischer Musik oder irischer Volksmusik. Oder wir haben ein Stück mit Italo-Songs. Doch jetzt – ein halbes Jahrhundert nach der Auflösung der Beatles und vor allem nach Woodstock – fokussieren wir uns ganz klar auf diese Ereignisse.

«Viele Aufführungen sind zu lang oder zu abgehoben»

Dies ist eine Kritik am herkömmlichen Theater.
Man darf es nicht generalisieren, aber ich glaube, dass das bestehende Regietheater oft grosse Fehler macht. Viele Aufführungen sind zu lang oder zu abgehoben. Langeweile im Theater ist tödlich. Als Zuschauer verstehe ich oftmals nicht, was auf der Bühne passiert. Dies ist falsch: Als Zuschauer möchte ich doch abgeholt werden. Das heisst nicht, dass man als Theaterschaffender ein Publikum nicht fordern darf oder dass man auf der Bühne keine kritischen oder politischen Inhalte transportieren soll. Aber ich möchte, dass das Publikum mitfiebert. Ich möchte, dass die Leute verzaubert werden und dass es ihnen geht wie damals im Kasperlitheater, als wir als Kinder dem Kasperli ein beherztes «Pass uf!» zuriefen, wenn das Krokodil im Hintergrund auftauchte.

Nebst all Ihren Aufgaben beim Theater Rigiblick sind Sie auch in deutschen TV-Serien zu bewundern. Wie bewältigt man dies psychisch und physisch?
Das ist das Spannende an meinem Job: Es gibt so viele Facetten. Ich decke im Prinzip das ganze Spektrum eines Theaters ab, diese Vielfalt ist ein Geschenk für mich. Es ist aber keineswegs so, dass ich bei jedem Stück selbst auf der Bühne stehe, bei der Mani-Matter- oder Frank-Sinatra-Revue standen andere – wie Sandra Studer – im Vordergrund. Für mich ist am wichtigsten, dass in jedem Stück der Geist unseres Hauses spürbar ist.

Das tönt nach einem perfekten Theater.
Ich trage selbst sehr viel persönliches Risiko. Das Theater Rigiblick erhält nur wenig Subventionen.

«FCB Zürich ist für uns unendlich wichtig»

Wie hoch sind diese?
Von der Stadt Zürich bekommen wir 555'800 Franken, darin enthalten ein Mieterlass von 200'000 Franken, vom Kanton Zürich 100'000 Franken. Vergleicht man dies mit den grossen Häusern wie Schauspielhaus, Theater am Neumarkt oder Opernhaus, ist dies ein kleiner Betrag. Berücksichtigt man die ganzen Produktionskosten, so haben wir einen jährlichen Aufwand von 3,5 Millionen Franken, was bedeutet, dass wir etwa 3 Millionen Franken selbst einspielen müssen. Allein unsere jährliche Lohnsumme beträgt eine gute Million Franken. Wir können uns im Prinzip nicht erlauben, eine Produktion auf die Bühne zu stellen, die nicht funktioniert. Glücklicherweise haben wir Sponsoren wie die Kantonalbank oder die Migros oder Swiss Casinos. Und es gibt viele Menschen, die uns auch privat unterstützen und Mitglieder im Verein werden. Aber auch Sach-Sponsoring ist äusserst hilfreich: Peter Leutenegger, ehemals FCB Leutenegger / Krüll, hat uns von Beginn weg immer ideell und auch finanziell unterstützt. Heute ist FCB Zürich von Cornelia Harder unsere Werbeagentur, die für uns unendlich wichtig ist.



Das ausführliche Interview mit Daniel Rohr finden Sie in der September-Ausgabe von «persönlich». Dort spricht der 59-Jährige auch über seine Schauspielkarriere, Blackouts auf der Bühne und seine Beziehung zu Bruno Ganz.

 



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