16.11.2020

Serie zum Coronavirus

«Wann ist schon der richtige Zeitpunkt?»

Folge 138: Wolfram Meister ist Chefredaktor der Schweizer Weinzeitung. Jetzt verkauft er deren Titelbilder.
Serie zum Coronavirus: «Wann ist schon der richtige Zeitpunkt?»
«Es wurden privat die besten Flaschen entkorkt»: der Weinzeitung-Chefredaktor zum persönlich-Chefredaktor. (Bilder: zVg.)
von Matthias Ackeret

Herr Meister, Sie veranstalten eine Ausstellung mit den Titelbildern der Schweizerischen Weinzeitung. Was ist der Grund?
Vor zehn Jahren haben wir die Schweizerische Weinzeitung, einst eine reine Fachpublikation, inhaltlich und grafisch überarbeitet und in ein kleines, feines Weinmagazin weiterentwickelt. Die Titelbilder stammen seither allesamt aus einer Hand: von Illustrator Helge Jepsen, der für das Cover der vergangenen zehn Jahre verantwortlich zeichnet. Das ergibt zusammengezählt eine einzigartige Sammlung von hundert Cover-Illustrationen. Die zeigen wir ab heute in einer Ausstellung in der Wirtschaft «Neumarkt» in Zürich.

Ist die jetzige Zeit der richtige Zeitpunkt dafür?
Wann ist in diesen merkwürdig verrückten Zeiten schon der richtige Zeitpunkt? Ursprünglich wollten wir die Ausstellung früher im Jahr machen. Das ging nicht. Jetzt haben wir uns für den Spätherbst entschieden, die Ausstellung ist dafür auf sechs Wochen angelegt.

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Sie versteigern die einzelnen Titelblätter. Besteht ein Sammlermarkt dafür?
Nein, wir versteigern die Titelbilder nicht. Man kann die gerahmten und signierten Covers allerdings erwerben. Helge Jepsen versteht sich selber nicht als Künstler, er arbeitet dienstleistend für Kunden. Zeitschriften wie Playboy oder Stern. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, ebenfalls ein Kunde, beschrieb Jepsens Illustrationen treffenderweise mal als «träumerisch-reale Zeichnungen». Wir als Schweizerische Weinzeitung sind stolz, jemanden wie Helge Jepsen an Bord zu haben. Wir bekamen auch immer wieder Anfragen wegen der Titelbilder, ob die einzeln und signiert zu haben seien.

Während Corona wurde mehr getrunken. Spüren Sie das auch als Chefredaktor der Weinzeitung?
Es wurden privat die besten Flaschen entkorkt. Und viele Weinhändler durften reichlich Nachschub liefern. Ebenso die guten Winzer der Region. Die finden sich schon länger nicht alleine im Wallis, im Tessin oder der Bündner Herrschaft. Sondern auch im Aargau, am Bielersee und Zürichsee, in der Zentralschweiz oder im Thurgau.

Viele Restaurants leiden massiv unter der aktuellen Situation. Was heisst das langfristig?
In Zürich, wo ich lebe, zeigt sich, dass am einen Tag ein Restaurant gut besetzt sein kann, am anderen kein einziger Gast vorbeikommt. Nichts lässt sich so planen. Einige Betriebe öffnen deshalb nur noch am Donnerstag, Freitag und Samstag. Der Aussenbereich dürfte, je nach Situation, auch im Winter wichtiger werden. Heizpilze sind erlaubt, sofern sie mit erneuerbarer Energie wie Pellets betrieben werden. Ein solcher Heizpilz koste allerdings vier Mal mehr als ein herkömmlicher, sagte mir ein Wirt. Die Probleme für die Gastronomen dürften sicherlich noch lange anhalten, nicht plötzlich über Nacht verschwinden.

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Wie kann man der ganzen Branche am besten helfen?
Eine Frage, die ich leider nicht beantworten kann. Es braucht vernünftige Vorschriften, vernünftige Vermieter. Doch das ist leicht gesagt. Den Restaurants, die glücklicherweise noch geöffnet haben dürfen, ist jedenfalls nicht gedient, wenn gleichzeitig gemahnt wird, man solle statt ins Restaurant zu gehen besser zuhause bleiben.

Wie haben Sie die letzten Monate erlebt? Machen Sie selber Homeoffice?
In meiner Branche ist man privilegiert. Ich bin seit März im Homeoffice.

Was war für Sie das prägendste Erlebnis der letzten Monate?
Ein Freund vom Stammtisch, den wir seit Jahr und Tag am ersten Dienstag im Monat abhalten, ist am Coronavirus gestorben.

Die Ausstellung in der Wirtschaft «Neumarkt» in Zürich dauert vom 16. November bis Ende Jahr.

 



Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com regelmässig eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier.



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