13.07.2021

Unruhige Nacht

Wie Medienschaffende das Unwetter erlebten

Von «Schock des Lebens» und «wie auf einem Schiff im wütenden Ozean» bis hin zu einem «Unwetter, wie es halt gelegentlich vorkommt» und «friedlich den Sturm verschlafen»: Die Reaktionen am Tag nach dem schweren Gewitter in Zürich sind unterschiedlich.
Unruhige Nacht: Wie Medienschaffende das Unwetter erlebten
Elf Journalistinnen und Journalisten erzählen, wie sie das Unwetter in der Nacht auf Dienstag erlebten. (Collage: persoenlich.com, Bilder: zVg/Keystone/Gaëtan Bally)

Der heftige Gewittersturm, der in der Nacht auf Dienstag über die Stadt fegte und grosse Schäden verursachte (persoenlich.com berichtete), riss viele Zürcherinnen und Zürcher aus dem Schlaf. Wie haben Medienschaffende, die in Zürich wohnen, das Unwetter vor der eigenen Haustür erlebt? persoenlich.com hat am Tag danach nachgefragt:

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«Ich wohne anscheinend auf der richtigen Seite der Stadt, wo Regen und Hagel mehr Lärm machten als der Sturm Bäume fällte. Jedenfalls habe ich mitten in der Nacht bloss die Terrassentür schliessen müssen, um danach friedlich den Sturm zu verschlafen. Währenddessen verwandelten sich Teile der Stadt in eine Masoala Halle ohne Dach: Viel grün überall, sehr feucht. Die Überraschung meinerseits war gross, als ich um sechs Uhr las, was passierte. Da war unser fliegender Reporter Beat Kälin bereits seit Stunden am Drehen. Und unsere Zürich-Korrespondentin Anna Wepfer war innert Minuten ebenfalls mit der Kamera unterwegs. Tolles Team – Danke! Ich hätte eigentlich weiterschlafen können.»

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«Irgendwann in der Nacht hörte ich im Halbschlaf ein gewaltiges Rumpeln. Am Morgen gab es ein wenig Aufräumarbeit auf dem Dachgarten und vor dem Haus. Ein Unwetter, wie es halt gelegentlich vorkommt. Schön, dass wir Schweizer insgesamt doch recht gut versichert und abgesichert sind. Anders als in Entwicklungsländern, wo Unwetter regelmässig ganze Familien und Dörfer in grosse Not stürzen, gibt es bei uns ja kaum echte Härten. Und wo es sie gibt, findet sich immer eine Lösung. Ein paar Hagelbeulen auf meiner alten Karre, ein paar zerbrochene Blumentöpfe, eine demolierte Store – das kann ich verkraften. Was mich viel mehr genervt hat als der Sachschaden ist die Berichterstattung über einen angeblichen Zusammenhang zwischen Klimaerwärmung und Unwetter. Das ist schlicht Mumpitz. Unwetter hat es schon immer gegeben, Klimaveränderungen übrigens auch. Das Einzige, was wir mit Sicherheit sagen können: Wir sind heute viel besser gegen jegliche Unbill geschützt, als es unsere Vorfahren je waren – doch wir fürchten uns mehr davor, als sie es je taten. Irgendwie pervers – oder nicht?»

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«Kurz nach 1 Uhr wurde ich von wahnsinnigem Lärm geweckt. Ich schloss ein Fenster und hatte den Eindruck, direkt davor dutzende Blitze gleichzeitig zu sehen. Nun war auch meine Tochter wach und etwas verängstigt, weil sie sicher war, dass die Fenster alle kaputtgehen würden. Der Lärm in ihrem Zimmer mit Dachfenster war ohrenbetäubend. Wir leben im dritten und vierten Stock, auf einer Seite stehen hundertjährige Bäume – meist ist das Gefühl, neben den Baumwipfeln zu leben, wunderschön. In dieser Nacht aber eher bedrohlich: Die Stämme wankten bedrohlich, und die Erinnerung daran, wie einer im Februar dem Schnee zum Opfer und auf den Sitzplatz einer Nachbarsfamilie fiel, war noch frisch. Wir schliefen zur Sicherheit auf der baumabgewandten Seite der Wohnung … Am Morgen im Tram zur Arbeit wanderte mein Blick zwischen Handy und draussen hin und her: Im Kommunikationstool unserer Redaktion trafen aus den Stadtquartieren und Zürcher Gemeinden beklemmende Bilder ein. Draussen am Bellevue war eine Hälfte des Tramgleises an der Haltestelle wie eine Badewanne gefüllt. Verrückte Eindrücke, begleitet vom Satz ‹Sowas habe ich noch nie erlebt›.»

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«01.43 Uhr: Ich wach auf. Regen prasselt ans halboffene Fenster. Ich schliesse es. Keine Minute zu früh. 01.45: Eine weisse Wand zieht am Fenster vorbei. Hagel knallt aufs Haus. Blitze wie ein Stroboskop. 01.49: Ich informiere den Blick-Nachtdienst in Thailand, dass er wohl eine interessante Schicht haben wird. 01.55: Auf Twitter checke ich andere Sturmmeldungen. Eine Kollegin schreibt: ‹Zum ersten Mal im (Erwachsenenleben) zu Hause Angst gehabt vor einem Unwetter. Crazy shit.› 02.00: Mir kommt in den Sinn, ich könnte mal checken, ob das Trampolin noch im Garten steht. Uff! Tut es. Aber daneben ein mysteriöser Schatten. 02.02: Ich schnappe die Stirnlampe und gehe im Sturm auf Erkundungstour: Eine unserer 15-Meter-Tannen liegt im Gras. Stamm in der Mitte durchgeknickt. Zum Glück. So ist sie nur minim ins Haus gekracht. An Schlaf ist nicht mehr zu denken.»

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«In der Schock-des-Lebens-Skala von 1 bis 10 kann das gewaltige Gewitter locker eine 10 für sich beanspruchen. Innert Sekunden herrschte das komplette Chaos. Auf dem Balkon war der Kaninchenstall umgeflogen, alle Blumenkistli lagen verstreut auf dem Boden. Ich befürchtete das Schlimmste. Als die gröbste Gewitterfront vorbeigezogen war, richtete ich den Holzstall wieder auf. Und, oh Wunder: Das erste Zwergkaninchen kroch hervor und flüchtete in die Wohnung. Nach einer beklemmenden Suche fand ich auch das zweite Tier: lebend! Die Tochter und ich waren erleichtert und richteten eine Notunterkunft im Badezimmer ein. Nach einer schlaflosen Nacht dann das grosse Aufräumen: Nach fünf Stunden war der Balkon wieder hergerichtet, der Kaninchenstall repariert und bereit für den Wiederbezug. Nur der rund 20 Kilogramm schwere Ikea-Esstisch Äpplarö stand nicht mehr auf dem Balkon, sondern lag draussen in der Wiese – wieder in Einzelteile zerlegt.»

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«In dieser Heftigkeit habe ich noch kein solches Unwetter erlebt. Was gestern Nacht in Zürich passierte, waren apokalyptische Minuten: Ein Hagelsturm mit unglaublicher Gewalt, der wirklich Furcht einflössend war. Unser Quartier wurde hart getroffen. Fazit: Extremereignisse werden immer häufiger. Das macht mir echt Sorgen, mehr als unser kaputter Garten.»

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«Ich wache sonst niemals auf in der Nacht. Weder Nachbarsstreit noch Kanonendonner bringen mich um den Schlaf. Heute Morgen um 1.50 Uhr erlebte ich meine Premiere. Ein Inferno trieb mich aus dem Bett, nicht so schön, aber so laut, wie wenn ich im Orchestergraben des Opernhauses gesessen wäre. Der Himmel liess alles hernieder, was er in seinen Wolken hatte. Dabei wohnen wir am Sonnenberg. Aber die Sonne macht ja dieses Jahr sowieso Pause. Sturzbäche ergossen sich die Strassen hinab. Hagelschlag bedrohte die Autos auf der Strasse. Eine Unterwasserwelt. Was für ein immenses Gefühl, der Natur so ausgeliefert zu sein. Fand ich. Meine Frau und unseren Sohn beschäftigten das Inferno erst am nächsten Tag. Sie schliefen weiter. Und träumten vom Sonnenberg, auf dem wir wohnen.»

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«Das Tosen des Sturms reisst mich aus dem Schlaf. Ein erster Gedanke: Wie auf einem Schiff im wütenden Ozean. Ein Blick aus dem Wohnzimmerfenster zeigt eine trommelnde Flut aus Regen und Hagel, undurchdringlich, beängstigend. Als ob Zürich-Altstetten, mein Stadtquartier, untergehen würde. Noch einmal bäumt sich der Orkan auf, um wenig später, ermattet, sein Zerstörungswerk zu offenbaren. Jetzt wagen sich die ersten Quartierbewohner und Nachbarn aus dem Haus. In Pyjamas und Trainern bahnen sie sich einen Weg durchs Chaos, Zigarette rauchend, Fotos schiessend. Und ich mit ihnen. Gespenstisch der Nebel des verdunstenden Hagels vor den Ungetümen zerfetzter Bäume. In einer Strasse türmt sich im Schutt der verbogene Rest eines Kupferdachs. ‹Wie ein Kunstwerk›, sagt einer. ‹Wie im Krieg›, sagt ein anderer. Man kommt ins Gespräch. Geplauder vor apokalyptischer Kulisse.»

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«Ich wurde durch das ohrenbetäubende Trommeln des Regens wach und dachte, jemand schiesst ‹Chlüre› gegen den Rollladen. Sofort rannte ich in den Keller, denn vor einigen Jahren regnete es so stark, dass der Wasserpegel der Limmat extrem anstieg und somit auch das Grundwasser. Damals standen wir im Keller bis zu den Knien im Wasser. Unser Keller, der auch als Übungs- und Sprecheraufnahmeraum fungiert, war zwar feucht, aber noch nicht besorgniserregend nass. Wir konnten alle wichtigen Gegenstände, u.a. alle Instrumente, rechtzeitig ins Trockene bringen. Da ich in einem alten Haus wohne, bei dem der Abflussschlauch der Waschmaschine direkt in ein praktisch offenes Loch führt, spritzte aus diesem Loch vergangene Nacht eine Fontäne aus Dreck und Abwasser heraus. Unsere Waschküche sah zwischenzeitlich aus wie das Open Air St. Gallen.»

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«Als Sturm Lothar 1999 durch die Schweiz zog, sass ich noch in der Nachrichtenzentrale von TV3. Beim Sturmtief Bernd in der Nacht auf Dienstag lag ich schon im Bett. Am Kirchenhügel in Witikon, im Zürcher Kreis 7, war vom Unwetter wenig zu spüren. Ein paar kräftige Windböen, viel Regen und meine Frau, die nach der Katze ruft; das wars dann auch schon. Als ich am Morgen die Bilder der Verwüstung sah und hörte, dass keine Personen zu Schaden gekommen waren, dachte ich als gelernter News-Journalist mit Stationen bei TeleZüri und Blick: Schade, dass ich nicht an vorderster Front dabei war, Gummistiefel und Regenpelerine inklusive. Als Chefredaktor der Coopzeitung hingegen war ich nicht unglücklich, dass ich liegen bleiben konnte: Um 7.30 Uhr stand bereits ein Interview mit unserem CEO im aargauischen Oftringen auf dem Terminplan. Die Zeiten ändern sich. Das Wetter auch.»

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«Mitten in Zürich. Ein Stoss, ein Hammer, Wachtraum? Dann unbändiges Gepolter, plötzlich Rauschen und Schlagen. Am Morgen die Bescherung. Die unbändige Kraft der Natur macht bescheiden.»



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Kommentare

  • Victor Brunner, 14.07.2021 14:43 Uhr
    "apokalyptische Minuten", es war ein starkes, zeitlich und regional begrenztes Unwetter, eine Apokalypse war es nicht. Schäden überschaubar und behebbar, keine Toten. Aber für die Medien ein gefundenes Fressen. Daher auch die grenzwärtige und überhöhte Berichterstattung.
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