21.08.2019

Trendsport Schwingen

«Es muss nicht immer die Streetparade sein»

In Zug steigen die «Bösen» ins Sägemehl. Warum erlebt die Schweiz einen solchen Schwinger-Boom? Der Zürcher Sportjournalist Thomas Renggli hat darüber ein Buch geschrieben. Ein Gespräch über TV als Beschleuniger und Hipster im Festzelt.
Trendsport Schwingen: «Es muss nicht immer die Streetparade sein»
«Am Schluss wischt der Sieger dem Verlierer das Sägemehl vom Rücken und reicht ihm die Hand», sagt Thomas Renggli. Hier im Bild: zwei Schwinger beim Schwägalpschwinget am Sonntag, 11. August 2019. (Bild: Keystone/Eddy Risch)
von Edith Hollenstein

Herr Renggli, Schwingen ist zu einem Massenphänomen geworden. Was waren die wichtigsten Treiber für diese Entwicklung?
Die Schwinger verkörpern mit ihren Traditionen, der Bodenständigkeit und Volksnähe Werte, die beim Publikum je länger je besser ankommen. Obwohl auch bei den Schwingern mittlerweile viel Geld im Spiel ist, setzen sie einen Gegentrend etwa zu den Fussball-Millionären, die den Bezug zu ihren Fans schon lange verloren haben. Im Schwingen ist das anders: An einem Fest stellen die Sportler selber die Festbänke und Tische auf und verpflegen sich in der Mittagspause gemeinsam mit dem Publikum. Der Begriff der «Schwinger-Familie» ist mehr als ein Pathos.

Welche Rolle spielten hierbei die Medien?
Eine entscheidende. Den grossen Durchbruch erlebte das Schwingen, als das Schweizer Fernsehen 2004 vom Eidgenössischen in Luzern flächendeckend live berichtete. Mit dem Fernsehen sprangen auch die Massenmedien im Print- und später im Online-Bereich auf den Zug auf. Das ist im sprichwörtlichen Sinne eine Win-win-Situation. Einerseits profitieren die Schwinger von der medialen Publizität, andererseits nutzen die Medien die Popularität der Sägemehl-Giganten für ihren eigenen Zweck. Während des Schlussgangs am Eidgenössischen 2016 in Estavayer-le-Lac schauten auf SRF2 815‘000 Zuschauer zu. Das entsprach einem Marktanteil von 78,5 Prozent.

«Der Schwingerkönig kann mit Werbeverträgen in der Höhe von 750‘000 Franken rechnen»

Auch bei Sponsoren stieg das Interesse stetig: Welche Firmen investieren besonders stark?
Alle wollen von der Popularität des Schwingens profitieren. Am Eidgenössischen ist die Zuger Kantonalbank im Lead. Aber auch die UBS setzt aufs Schwingen – ebenso wie die Migros oder Lidl. Harry Knüsel, der Schwinger-König von 1986, wurde gesperrt, weil er neben einer Swissair-Maschine posierte. In der Schweiz kommt heute kaum ein grosses Unternehmen mehr um das Schwingen herum.

Können Sie Zahlen nennen?
Über die Dimension ihrer Engagements hüllen die meisten Firmen den Mantel des Schweigens. Aber wenn man davon ausgeht, dass der Schwingerkönig mit Werbeverträgen in der Höhe von 750‘000 Franken rechnen kann, wird klar, dass es längst um mehr als ein Trinkgeld geht. Das Eidgenössische in Zug weist ein Budget von 37 Millionen Franken aus. Damit ist das ESAF das grösste regelmässig stattfindende Sportereignis des Landes.

Der Trend dürfte anhalten. Was für eine Grösse ist überhaupt verkraftbar, wenn der ursprünglich authentische, bodenständige Charakter des Eidgenössischen erhalten bleiben soll?
Seit 2010 in Frauenfeld steht vor jedem Eidgenössischen die Redimensionierung zur Debatte. Aber umgesetzt hat dieser Gedanke noch kein Veranstalter – auch nicht jetzt in Zug. Die Feste wurden immer grösser und teurer. Der zweifache Schwingerkönig Ernst Schläpfer sagt deshalb: «Das Schwingen verkauft seine Seele». Ob das stimmt, möchte ich nicht abschliessend beurteilen. Was man aber sicher sagen kann: Auch im Schwingen bestimmt die Nachfrage das Angebot. Und die Nachfrage ist ungebrochen gross.

«Mancher Fussballer könnte am nächsten Wochenende am Eidgenössischen in Zug viel lernen»

Schwinger werden mittlerweile gemanagt wie Popstars. Welcher Schwingerkönig konnte sich besonders gut vermarkten?
Vorreiter der Vermarktung ist der dreifache König Jörg Abderhalden. Er schloss sich als erster Schwinger der amerikanischen Vermarktungsfirma IMG an. Dies war zu jener Zeit in der Szene wie ein Tabubruch. Noch neun Jahre nach seinem Rücktritt kassiert Aberdhalden für öffentliche Auftritte 4000 bis 5000 Franken. Aber auch Matthias Sempach, der König von Burgdorf 2013, vergoldete seinen Titel. Abderhalden wie Sempach dürften es im Sägemehl zum Millionär gebracht haben.

Mittlerweile wird die Schweizer Wirtschafts- und Politelite zum Schwingfest eingeladen. Und Sie schreiben im Buch, dass selbst Hipster aus den Städten das Eidgenössische mit Bars und Festzelten als alternatives Tanzparkett entdeckt hätten. Worauf führen Sie dieses Phänomen zurück?
Wie eingangs erwähnt, rücken Brauchtum und Traditionen in dieser schnelllebigen Zeit wieder in den Vordergrund. Es muss nicht immer die Streetparade sein. Das Schwingen hat etwas Archaisches und Urtümliches, das auch dem wohlstandsverwahrlosten Städter imponiert.

Welche anderen Anlässe haben im Gegenzug an Attraktivität verloren?
Grundsätzlich gilt im Sport: Der Fussball überstrahlt alles. Dagegen tun sich Leichtathletik- oder Rad-Events, die früher noch zur Alltagskultur gehörten, immer schwerer. Das Schwingen dagegen floriert, weil es ein eigenständiges Produkt ohne Konkurrenz ist.

Und Sie selber: Woher rührt Ihr persönliches Interesse für das Schwingen?
Es ist dieses gleichsam simple wie komplexe System. Schwingen ist viel mehr als der Kampf Mann gegen Mann. Das Einteilungsverfahren ist hochpolitisch. Die Juryentscheide sind nicht immer ganz nachvollziehbar. Und trotzdem wischt am Schluss jedes Ganges der Sieger dem Verlierer das Sägemehl vom Rücken und reicht ihm die Hand. Schauspieleinlagen und Fanausschreitungen gibt es im Schwingen nicht. Mancher Fussballer könnte am nächsten Wochenende am Eidgenössischen in Zug viel lernen.


Thomas Renggli arbeitete unter anderem als Sportredaktor für die «Neue Zürcher Zeitung», als Kolumnist und Reporter für den «Blick» sowie als Autor für die «Schweizer Illustrierte». Seine Texte erschienen zudem in der «Weltwoche» und in Publikationen der AZ Medien. Renggli hat mehrere Bücher geschrieben.



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