24.03.2020

Radio SRF

«Alles braucht mehr Zeit als gewohnt»

Journalistische Information ist gefragt wie selten, das spürt auch Radio SRF. Im Interview spricht Chefredaktorin Lis Borner über Sendungen aus dem Homeoffice und die Frage, wie man reduziert, wenn plötzlich vieles umständlich ist.
Radio SRF: «Alles braucht mehr Zeit als gewohnt»
«Wir erinnern unsere Leute daran, ihre Kräfte einzuteilen, dass wir einen Marathon laufen, keinen Sprint»: Lis Borner, Radiochefredaktorin SRF. (Bild: zVg.)
von Michèle Widmer

Frau Borner, wie arbeitet man in diesen Tagen als Radio-Chefredaktorin bei SRF? Sind Sie zuhause oder im Studio?
Wie in anderen Unternehmen sind auch bei uns so viele wie möglich im Homeoffice. Ich arbeite momentan im Radiostudio in Bern und bin, zusammen mit einem Kollegen und einer Kollegin, Ansprechperson für alle publizistischen und organisatorischen Fragen, die in diesen Corona-Tagen auftauchen.

Wer ist sonst in der Redaktion, wer kann daheim arbeiten?
Wir haben definiert, welche Funktionen wirklich im Studio präsent sein müssen. Moderieren kann man zum Beispiel nicht von zu Hause aus. Der Technik-Support ist physisch präsent. Und auch bei den Nachrichten und Senderedaktionen gibt es Aufgaben, die via Fernzugriff kaum zuverlässig zu erledigen sind. Auch weil die technischen Systeme auf Primetimes hin hart an der Belastungsgrenze sind. Interessant ist, was wir täglich dazu lernen. Noch vor einer Woche waren wir uns einig, dass ein Sendungsproduzent zwingend im Studio sein muss, am Montag wurde das «Rendez-vous» erstmals von einem Redaktor im Homeoffice produziert. Es hat geklappt.

«Was wir lernen müssen: alles braucht mehr Zeit als gewohnt»

Ganz konkret: Wie muss man sich das vorstellen, wenn eine Radiojournalistin von zuhause aus ein Interview oder einen Beitrag produziert?
Unsere Leute sind mit «mobile computing» ausgerüstet. Mit ihren Laptops oder in Ausnahmefällen Smartphones haben sie ein kleines «Radiostudio» dabei. Klar ist damit nicht alles möglich, was im Studio möglich ist, aber Interviews aufnehmen und schneiden geht. Was wir allerdings lernen müssen: Alles braucht mehr Zeit als gewohnt. Für Radioleute, die häufig auf den letzten Drücker produzieren, ist das ein schwieriger Lernschritt. Auch wenn alle von Tag zu Tag schneller werden, müssen wir diese Extrazeit einrechnen.

Wie organisiert sich die Redaktion? Mit welchen Tools arbeitet Sie für Video-Sitzungen oder den Austausch durch den Tag?
Unser 24-Stunden-Betrieb erfordert viel Austausch und Koordination, mehrmals am Tag für alle Teams und jeweils davor die Teams für sich. Dafür nützen wir alles, was möglich ist. Smartphones, Chats, Mails, Telefonkonferenzen, Skype, Reporter-Apps. Wenn nötig, werden wir auch Brieftauben schicken, um unseren Auftrag zu erfüllen (lacht).

Wie stellen Sie sicher, dass die Radio-Berichterstattung trotz der vom BAG empfohlenen Massnahmen Ihre Qualität behält?
Wir achten natürlich streng darauf, die Verhaltensmassnahmen des BAG in unserem Alltag umzusetzen. Nur wenn unsere Leute gesund bleiben, können sie für unser Publikum weiterhin Programm machen. Publizistisch halten wir an den gewohnten Qualitätskriterien fest, ganz besonders am Fakten- und Quellencheck, an Sachlichkeit und Perspektivenvielfalt. Wenn es gar nicht anders gehen sollte, werden wir die Menge reduzieren, nicht aber die Qualität der Beiträge.

Welches Fazit ziehen Sie nach der ersten Woche? Wo müssen Sie in der Organisation noch schrauben?
Das Wichtigste zuerst: Ich bin mit unserem publizistischen Angebot sehr zufrieden. Was unsere Teams unter solch erschwerten Bedingungen 24 Stunden am Tag an Service public bieten, verlangt mir grossen Respekt ab. Motivierend ist, dass aus dem Publikum viel positives Feedback kommt. Unsere Organisation verlangt Flexibilität und Improvisationstalent, funktioniert aber recht gut. Wir lernen aus unseren Erfahrungen – auch um noch mehr Personen von zu Hause aus mitarbeiten zu lassen.

«Ganz schwierig ist die Arbeit für die meisten unserer Auslandkorrespondentinnen und -korrespondenten»

Was waren die grössten Herausforderungen?
Es war recht aufwändig, in sehr kurzer Zeit sicherzustellen, dass alle in technischer Hinsicht auf dem neusten Stand fürs Homeoffice sind. Dank unserer Kolleginnen und Kollegen in der Technik haben wir das geschafft. Ganz schwierig ist die Arbeit für die meisten unserer Auslandkorrespondentinnen und -korrespondenten, natürlich in China, aber auch in Rom und grad aktuell auch Amman, wo seit heute eine totale Ausgangssperre gilt. Und natürlich haben wir im Privaten dieselben Herausforderungen wie andere auch: geschlossene Schulen, pflegebedürftige Verwandte, Quarantäne. Und wir von der Chefredaktion sind dabei mit vielen Kolleginnen und Kollegen vorauszudenken, was es bedeuten würde, sollten beträchtliche Teile der Belegschaft am Coronavirus erkranken und nicht mehr einsatzfähig sein. Wie schaffen wir es dann, den Grundauftrag aufrecht zu erhalten, worauf müsste man verzichten? Auf diese Fragen müssen wir jetzt Antworten finden.

Wo haben sich allenfalls auch Chancen ergeben durch die neue Arbeitsweise?
In technischer Hinsicht sind wir inzwischen alle kleine Digitalprofis und machen im Alltag Dinge, die bisher nur Theorie waren. Und die Corona-Krise zeigt meines Erachtens sehr klar, wie wichtig korrekte Informationen für eine Gesellschaft sind, wie wichtig professionelle, glaubwürdige Medien sind. Und die Tatsache, dass unsere unendlichen Möglichkeiten plötzlich nicht mehr selbstverständlich sind, bringt uns dazu, uns aufs Wesentliche zu konzentrieren – privat und journalistisch.

Gegenüber dem «Echo der Zeit» sagten Sie, dass es wichtig ist, einen Überdruss an Information zu vermeiden. Laut dem SMD sind von Mitte Februar bis Mitte März über 18’000 Artikel zu Covid-19 erschienen. Ist das zu viel?
Ich finde, die Schweizer Medien bieten insgesamt eine sehr gute Corona-Berichterstattung. Bei SRF haben es uns zum Ziel gesetzt, auf die wichtigen Fragen zu Corona verlässliche und verständliche Antworten zu liefern. Gleichzeitig wollen wir auch den Rest der Welt und die anderen Themen nicht aus den Augen verlieren: Syrien zum Beispiel oder Wahlen in Schweizer Kantonen.

Aufgrund der Homeoffice-Situation rechnen Sie mit mehr Gesprächen und Eigenberichten. Wie wichtig wären Reportagen in diesen Tagen?
Reportagen sind wichtig, weil sie Kino im Kopf sind. Sie bieten dem Publikum direkte Einblicke in besondere Lebenswelten. Auch für die journalistische Qualität sind sie langfristig wichtig. Denn ein persönlicher Augenschein am Ort des Geschehens ermöglicht es unseren Leuten, Fakten zu überprüfen und die Zusammenhänge besser zu verstehen. Aber klar können wir auch über längere Zeit ohne viele Reportagen gute Sendungen machen. Unsere Korrespondentinnen und Fachredaktoren haben alle ein Netz von Kontakten und überprüften Quellen.

«Wir erhalten im Moment sehr viele Rückmeldungen aus dem Publikum»

Die «Tagesschau»-Quoten sind zurzeit im Hoch, genauso wie andere Informationssendungen. Wie schauen die Hörerzahlen bei Radio SRF aus?
Anders als Fernsehquoten oder Zugriffszahlen im Internet lassen sich Radiozahlen nicht für einzelne Sendungen oder Tage ausweisen, sondern nur quartalsweise. Was für uns ein wichtiger Indikator ist, dass die Hörerinnen und Hörer unser Angebot schätzen: Wir erhalten im Moment sehr viele Rückmeldungen aus dem Publikum, die sich für unsere Berichterstattung bedanken und uns viel Lob aussprechen. Das motiviert!

Wie rege und in welcher Art suchen Sie als Chefredaktorin in diesen Zeiten den Austausch mit Ihren Mitarbeiterinnen? Und was sagen Sie Ihnen?
Wir von der Chefredaktion sind in ständigem Kontakt mit unseren Teams. Wir sagen ihnen vor allem «Dank» für ihre Leistung. Und erinnern sie daran, ihre Kräfte einzuteilen, dass wir einen Marathon laufen, keinen Sprint.



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