02.09.2020

20 Minuten

«Das ist unseriös und geschäftsschädigend»

20 Minuten spürt einen «verhaltenen» Aufschwung im Werbemarkt – stärker digital als im Print. Geschäftsführer Marcel Kohler über den neuen Lifestyle-Channel, mögliche Umstrukturierungen sowie den NZZ-Artikel über die angebliche Einstellung der gedruckten Ausgabe.
20 Minuten: «Das ist unseriös und geschäftsschädigend»
von Matthias Ackeret

Herr Kohler, 20 Minuten plant mit «Lifestyle» einen neuen Channel. Was bezwecken Sie damit?
Wir wollen eine Wohlfühloase im Newsumfeld schaffen. 20 Minuten-Leserinnen und Leser suchen erfahrungsgemäss nicht nur die News des Tages, sondern lassen sich auch gerne für den nächsten Ausflug inspirieren oder lesen Tipps für einen gesunden Lebensstil bei Body & Soul. Mit unserem neuen Angebot bringen wir die Lifestyle-Themen, die bislang bei 20 Minuten beheimatet waren, mit denjenigen von Friday zusammen. Damit wird die Leserführung klarer und wir werden thematisch breiter. Während sich Friday auf die weibliche Zielgruppe fokussiert hat, sprechen wir mit Lifestyle alle jungen Menschen an.

Ist der Lifestyle-Markt nicht schon übersättigt oder wo sehen Sie noch ein zusätzliches Potential?
In letzter Zeit sind diverse Publikationen im Lifestyle-Bereich verschwunden, wir füllen diese Lücke mit einem attraktiven Angebot. Es ist ein Mix von positiven Themen, der zum Verweilen einlädt und ein Gefühl von Leichtigkeit, Genuss und Entspannung vermitteln soll. Dieses Angebot kommt damit genau zum richtigen Zeitpunkt. 

Worauf setzen Sie mit Ihrem Channel? Auf Print oder Online?
Beides. In der App sowie der Desktopversion belegt Lifestyle den Channel von Friday, wird also prominent mit vielen verschiedenen Inhalten vertreten sein. Im Print wird  jeden Donnerstag eine Doppelseite Lifestyle erscheinen. Ein Best-of der digitalen Inhalte. 

«Wir haben mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass dieses Gerücht jeder Grundlage entbehrt»

Gibt es da nicht Überkreuzungen mit der Beilage der «Coopzeitung Weekend»? Die «Coopzeitung Weekend» wird komplett von Coop verantwortet und uns fertig angeliefert. Sie erscheint ausschliesslich in unserer Pendlerzeitung, jeweils am Freitag. Lifestyle ist digital präsent und am Donnerstag im Print. Wir glauben daher, dass sich die Angebote ergänzen, nicht konkurrenzieren.   

Nun hat die NZZ vermeldet, dass 20 Minuten plane seine Printausgabe einzustellen. Was ist wahr an dieser Meldung?
Es gibt keinen Grund, über eine Einstellung der mit grossem Abstand meistgelesenen Tageszeitung der Schweiz zu spekulieren. Wir haben die beiden Autoren des betreffenden Artikels, Reto Stauffacher und Lucien Scherrer, mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass dieses Gerücht jeder Grundlage entbehrt. Sie haben es wider besseres Wissen trotzdem behauptet. Das ist unseriös und geschäftsschädigend, daher werden wir rechtliche Schritte prüfen. Neben dem Festhalten an einer falschen These arbeitete die NZZ mit falschen Zahlen für den Artikel – nur eine haben sie auf unsere Intervention hin korrigiert.

Welche Strategie mit der Printausgabe verfolgen Sie?
Print ist für uns aus den folgenden Gründen unverändert wichtig: 1. Wir hatten bis 2019 im Print mehr Leser als im Internet. 2. Bis vor Beginn der Coronakrise haben wir mit Print mehr Geld verdient als online. 3. Der Werbeeffekt unserer Vertriebsboxen ist nicht zu unterschätzen: Wir sind an 2500 Standorten an bester Lage mit unserer Marke präsent, was auch das digitale Angebot stärkt.

Was könnte der Grund für solche Berichte sein?
Es gibt wohl noch immer Uneinsichtige, die 20 Minuten den Untergang des Journalismus zuschreiben und sich nun diebisch freuen, dass die Coronakrise 20 Minuten auch trifft.  Wir gehen davon aus, dass jemand ein solches Gerücht aus purer Boshaftigkeit in die Welt gesetzt hat und bei der NZZ auf offene Ohren gestossen ist. Es ist uns unerklärlich, wie  fahrlässig die Redaktion der NZZ an dieser offensichtlich frei erfundenen These festhalten konnte. Dafür sind wir umso einiger mit dem NZZ-CEO Felix Graf. In der letzten Ausgabe der Bilanz hat er auf die Frage, was ihn in der Branche am meisten störe, geantwortet: «Wie Medien über Medien schreiben».

«Mittlerweile erholt sich die Auflage – aktuell sind wir bei rund 90 Prozent»

Wie haben sich die Veränderungen des Pendlerströme während der Coronazeit auf 20 Minuten ausgewirkt?
Wir mussten schnell reagieren und haben beispielsweise temporär auf die Publikation der Regionalausgaben verzichtet, da ja auch die lokalen Veranstaltungen komplett abgesagt wurden. Zudem wurde der Umfang der Zeitung auf teilweise 16-Seiten reduziert. Dafür konnten wir in Zusammenarbeit mit dem Detailhandel zusätzliche Boxenstandorte erschliessen und so immer über 60 Prozent unserer Auflage absetzen. Mittlerweile erholt sich die Auflage – aktuell sind wir bei rund 90 Prozent – und die Regionalausgaben erscheinen wieder, was uns sehr freut.

Wie erleben Sie momentan den Werbemarkt? Ist bereits wieder ein Aufschwung sichtbar?
Ja, ein Aufschwung ist sichtbar, wenn auch noch recht verhalten. Im Digitalen geht er schneller voran aber auch der Printumsatz erholt sich langsam. Damit werden auch die Zeitungsumfänge wieder zunehmen. 

Kommt es innerhalb der 20-Minuten-Gruppe in den nächsten Monaten auch zu Umstrukturierungen oder gar einem Personalabbau?
Wie Sie den am 25. August publizierten Halbjahreszahlen der TX Group entnehmen konnten, sank der Umsatz von 20 Minuten von 70,5 auf 39,8 Millionen Franken, wodurch wir ein negatives Betriebsergebnis erzielt haben. Seit jeher ist ein sparsamer Umgang mit Ressourcen Teil der 20 Minuten-Kultur, was auch in Zukunft so bleiben wird.

«Wenn die Politik zum Schluss kommt, dass die Publizistik unterstützt werden soll, gehört 20 Minuten auch dazu»

Nun ist überall von staatlichen Unterstützungsmassnahmen die Rede. Rechnen Sie damit, dass irgendwann auch 20 Minuten davon profitieren könnte?
Wir haben für unser Radio eine einmalige Corona-Unterstützung in der Höhe von rund einer halben Million Franken und eine Ermässigung für die SDA-Gebühr erhalten. Ansonsten rechnen wir nicht mit Unterstützungsmassnahmen, da diese bislang für rein werbefinanzierte Medien nicht vorgesehen sind. Dies finden wir nicht nachvollziehbar. Wenn die Politik zum Schluss kommt, dass die Publizistik unterstützt werden soll, gehört 20 Minuten als demokratierelevantes Medium auch dazu. 20 Minuten ist gemäss Medienmonitor des Bakom das Medium, das am stärksten zur Meinungsbildung in der Schweiz beiträgt. Wir leisten einen grossen Beitrag zur journalistischen Grundversorgung, indem wir unsere Inhalte kostenlos anbieten und damit auch Menschen zugänglich machen, die sich kein Abonnement leisten können. 

Haben Sie noch weitere Neuerungen in petto?
Ja, wir arbeiten mit Hochdruck an Neuerungen im Video-Bereich, welche noch im Laufe des vierten Quartals eingeführt werden sollen. Lassen Sie sich überraschen.



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Kommentare

  • Thomas Läubli, 04.09.2020 23:01 Uhr
    20Minuten ist doch schon längst mit ihrer Werbung für Entertainment und dem Lifestyle-Gewäsch als Wohlfühloase konzipiert - quasi als Gegengewicht zu der rechtslastigen politischen Meinungsmache. Wozu braucht es jetzt noch diesen Zusatz? Alle Artikel im Bereich "People" sind regelmässig schlecht bewertet, was zeigt, dass diese bildungsfeindliche Zeitung im Grunde in dieser Form gar nicht mehr erwünscht ist. Für solche Irrelevanz soll dann noch der Steuerzahler hinhalten? Nein, danke!
  • Robert Stadler, 02.09.2020 11:12 Uhr
    20 Minuten ist ein demokratierelevantes Medium? Weit ist es mit unserer Demokratie gekommen.
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