10.11.2022

20 Minuten

«Das Resultat einer fördernden Personalpolitik»

Rollentausch beim Pendlermedium: Désirée Pomper wird am 1. Februar 2023 Chefredaktorin, Gaudenz Looser übernimmt die Position als stellvertretender Chefredaktor. Was war die Motivation für diesen Schritt? Im Exklusiv-Interview nehmen beide Stellung.
20 Minuten: «Das Resultat einer fördernden Personalpolitik»
«Es ist mir klar, dass diese Führungsübergabe Fragen aufwirft»: Gaudenz Looser, Chefredaktor von 20 Minuten, und seine Stellvertreterin Désirée Pomper. (Bild: 20 Minuten)
von Christian Beck

Herr Looser, sie räumen Ihren Chefredaktionssessel für Désirée Pomper. Wurde Ihnen nahegelegt abzutreten?
Gaudenz Looser: Diese Übergabe der Führung erfolgt auf meine Initiative, ich habe dies so vorgeschlagen, weil die Zeit reif ist.

Diesen Sommer gab es um Ihre Person nach einem Social-Media-Post ordentlich Wirbel (persoenlich.com berichtete). Inwiefern hat diese Geschichte dazu beigetragen, dass Sie nun in die zweite Reihe zurücktreten?
Looser: In keiner Weise. Désirée und ich arbeiten schon viele Jahre erfolgreich zusammen. Diese Führungsübergabe ist der logische nächste Schritt und vollkommen stimmig für mich.

Hatte die erwähnte Geschichte ein Nachspiel?
Looser: Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes konnten wir im Sommer keine Stellung zu den Details des Falles nehmen. An dieser Situation hat sich nichts geändert.

«Es gab keinen Tag, an dem mir langweilig war»

Frau Pomper, ab 1. Februar 2023 sind Sie als Chefredaktorin verantwortlich für 20 Minuten. Wie gross ist die Vorfreude?
Désirée Pomper: Ich arbeite seit 13 Jahren bei 20 Minuten – zuerst als Inlandsredaktorin, später als Ressortleiterin und zuletzt als stellvertretende Chefredaktorin. Das Unternehmen hat mir die Möglichkeit gegeben, mich journalistisch in so vielen verschiedenen Bereichen zu entfalten. Es gab keinen Tag, an dem mir langweilig war. Darauf, dass ich nun als Chefredaktorin dieses Medium, für das ich brenne, noch stärker mitgestalten darf, freue ich mich riesig. Am meisten aber freue ich mich, diese Aufgabe mit leidenschaftlichen, dynamischen und innovativen Journalistinnen und Journalisten in Angriff zu nehmen, welche mühelos die ganze journalistische Plattform-Klaviatur beherrschen: Print, Online, Video und Social Media. In welcher Redaktion gibt es das schon? Mindestens genauso gross wie die Vorfreude ist auch der Respekt vor dieser neuen Aufgabe. Wir sind das meistgelesene Medium der Schweiz. Das bedeutet auch eine grosse gesellschaftliche Verantwortung.

Ihr jetziger Chef ist künftig ihr Stellvertreter. Ist das nicht eine eigenartige Konstellation?
Pomper: Gaudenz Looser und ich pflegen seit Jahren eine von grossem Respekt geprägte Zusammenarbeit, und wir haben uns über die zentralen strategischen Fragen immer ausgetauscht. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Ich freue mich sehr, weiterhin eng mit Gaudenz arbeiten zu dürfen, der mich vom ersten Tag an gefordert und gefördert hat, wie auch viele meiner ehemaligen Kolleginnen und Kollegen.

Looser: Wir machen die Erfahrung, dass die Mitarbeitenden von 20 Minuten in der Medienbranche sehr begehrt sind. So haben wir Nadine Wozny an Blue verloren, wo sie erfolgreich als Chefredaktorin waltet, und Barbara Lanz an ZüriToday, ebenfalls als erfolgreiche Chefredaktorin. Diese Karriereschritte sind Resultat einer fördernden Personalpolitik innerhalb von 20 Minuten, und daher ist die Ernennung von Désirée nichts anderes als logisch.

Herr Looser, können Sie sich von einem Tag auf den anderen unterordnen?
Looser: Ich habe in meiner Karriere selber ehemalige Vorgesetzte geführt, die mich als Chefs stark geprägt hatten und die mir auch bei diesem Wechsel ein Vorbild sind. Das funktioniert tadellos, wenn der gegenseitige Respekt stimmt.

«Für mich zählen weniger klassische Statusüberlegungen»

Ist Ihre neue Funktion als stellvertretender Chefredaktor nicht einfach ein Ausstieg auf Raten?
Looser: Es ist mir klar, dass diese Führungsübergabe Fragen aufwirft. Der Grund dafür ist wohl, dass solche Schritte nicht üblich sind und selten öffentlich diskutiert werden. Für mich zählen aber weniger klassische Statusüberlegungen. Es ist viel mehr eine Frage der Konsequenz, auch dann das Richtige zu tun, wenn das für Aussenstehende überraschend oder gar irritierend sein mag. Und bin zu 100 Prozent überzeugt, dass Désirée einen hervorragenden Job machen wird.

Laut der Mitteilung werden Sie künftig als Blattmacher wieder vermehrt journalistisch tätig sein. Hat man als Chefredaktor dafür gar keine Zeit?
Looser: Es ist als Chefredaktor in der Tat nicht immer leicht, nebst allen strategischen und administrativen Verpflichtungen regelmässig und substanziell operativ mitzuwirken.

Und Sie, Frau Pomper, werden im Umkehrschluss künftig für Journalismus weniger Zeit haben. Haben Sie damit kein Problem?
Pomper: Ich liebe das Adrenalin bei der Recherche, das gemeinsame Tüfteln an einer Schlagzeile, das Brainstormen mit meinen Kolleginnen und Kollegen über die wichtigste Story des Tages. Zu sehen, wie bei einer Big News all die Zahnrädchen unserer Redaktion geschmeidig ineinandergreifen und dieses Land verlässlich mit Nachrichten versorgen. Genau so faszinieren mich aber auch die übergeordneten publizistischen Fragen: Was ist ein zeitgemässer Journalismus? Welches sind die inhaltlichen und technologischen Bedürfnisse unserer User und inwiefern haben sich diese verändert? Entspricht unser Produkt noch diesen neuen Bedürfnissen? Und falls nicht: Welche Möglichkeiten gibt es, 20 Minuten noch attraktiver zu gestalten und für die Zukunft zu wappnen? Und natürlich: Wie kann 20 Minuten auch in Zukunft weiterhin wirtschaftlich erfolgreich bleiben? Als Vorgesetzte ist es mir wichtig, dass meine Mitarbeitenden leidenschaftlich bei der Sache sind und die Fähigkeit haben, sich gemeinsam mit verschiedenen Teams erfolgreich zu bewegen.

«Wie viele Medienhäuser steht 20 Minuten vor einigen Herausforderungen»

Was packen Sie als Erstes an, wenn Sie Chefredaktorin sind?
Pomper: Wie viele Medienhäuser steht 20 Minuten vor einigen Herausforderungen. Um diese anzupacken, befindet sich die Geschäftsleitung in einem strategischen Prozess, in den nun auch ich meine Ideen einbringen darf. Und glauben Sie mir: Es denkt. Die Notizenliste auf meinem Handy wird mit jedem Tag länger. Aber ich werde mich davor hüten, jetzt unbedachte Entscheidungen zu treffen und Dinge übers Knie zu brechen.

In einem persoenlich.com-Interview sagten Sie kürzlich, dass 20 Minuten mit der Social-Media-First-Strategie einen Fokus auf TikTok legt. Sind ältere Leserinnen und Leser überhaupt noch erwünscht?
Pomper: Es ging nie um die Frage: Setzen wir auf die ältere Leserschaft oder auf die junge? Es ist klar, dass wir nach wie vor alle Zielgruppen erreichen wollen. Das ist ja eben das Tolle an Social Media First: Wir gewinnen junge Userinnen und User dazu, ohne die ältere Leserschaft abzuschrecken oder gar zu verlieren. Wir erreichen Letztere mit der Zeitung, der Webseite und der App nach wie vor. Erstere dagegen können unseren Content zusätzlich auch auf den sozialen Plattformen konsumieren.

«Bewegtbild ist der grösste Wachstumsbereich von 20 Minuten», sagten Sie, Herr Looser, Ende 2019 zu persoenlich.com. Sind Sie zufrieden mit dem Erreichten?
Looser: 20 Minuten verfügt heute über vier spezialisierte Videoteams, die das ganze publizistische Spektrum von 20 Minuten in Bewegtbild abdecken und zudem über eine überdurchschnittliche Videokompetenz in zahlreichen Fachressorts. Damit gelingt es uns nicht nur, jederzeit einen attraktiven Mix aus News, Unterhaltung und wichtigen Gesellschaftsthemen in Bewegtbild anzubieten, diese umfassende Verankerung ist auch Grundlage für unsere äusserst erfolgreiche Social-Media-First-Strategie, wo wir alle bisherigen Platzhirsche weit hinter uns gelassen haben. Also ja, ich bin zufrieden und sehr gespannt auf unsere nächsten Schritte.

Blick TV Paroli bieten konnten Sie nie. Haben Sie den Bewegtbildtrend verschlafen?
Looser: Ich lese diese Einschätzung als Ausdruck Ihrer persönlichen Inhaltsvorlieben, die ich nicht weiter kommentieren kann. Richtig ist, dass wir sehr konsequent nur Bewegtbild produzieren, für das auch eine nennenswerte Nachfrage im Publikum besteht. Dem und einer sehr schlanken Studioinfrastruktur verdanken wir schwarze Zahlen in diesem Bereich seit 2019. Darauf dürfen wir alle sehr stolz sein.

«20 Minuten war auch unter meiner Führung konstant im Wandel»

Wie hat sich 20 Minuten in den letzten paar Jahren verändert?
Looser: Wie immer viel. 20 Minuten war auch während der dreieinhalb Jahre unter meiner Führung konstant im Wandel. Video hat massiv an Bedeutung gewonnen, was sich auch in der Redaktionszusammensetzung widerspiegelt. Wir haben als gesamte Redaktion Social Media gelernt und sind darin Meister geworden. Wir mussten herausfinden, wie wir mit einer Gesellschaft umgehen, die eine exponentiell wachsende Menge an Fake News konsumiert, und lernen, dies als Chance für den Journalismus zu begreifen. Wir mussten Wege finden, wie wir in einer zunehmend ideologisierten und gespaltenen Gesellschaft weiterhin eine verlässliche Newsquelle für alle Gruppierungen sein können. Wir haben uns von Keystone-SDA getrennt und fanden Wege, die frei werdenden Mittel effektiver einzusetzen und den wegfallenden Nachrichten- und Bilderfluss nach unseren spezifischen Bedürfnissen zu ersetzen.

Pomper: Was sich aber kontinuierlich durch unsere Arbeitskultur bei 20 Minuten zieht, ist unsere Just-Do-it-Mentalität. Wir antizipieren Trends und freuen uns über neue publizistische und technologische Möglichkeiten, die sie uns bieten, anstatt uns ihnen gegenüber zu verschliessen. Unsere Entscheidungswege sind kurz und die Umsetzung genauso pragmatisch wie professionell. Bei uns gilt: Eine gute Idee ist eine gute Idee. Da spielt es keine Rolle, ob sie von der Chefin kommt oder vom Praktikanten.

Welchen Einfluss hatte die Coronapandemie auf die jüngsten Veränderungen?
Looser: Die Coronapandemie hat die ganze Gesellschaft dauerhaft erschüttert und die davor herrschende Leistungs- und Konsumkultur relativiert. Das ging auch an uns nicht vorbei, und wir mussten uns darauf einstellen. Die echte Schattenseite der Pandemie ist aber die gestiegene latente Aggression in allen Gesellschaftsschichten und die reflexartige Annahme von böser Absicht und Verschwörung allenthalben. Als Vermittler von News gerät man dabei schnell in die Rolle des Laternenpfahls der Nation für Dinge, die sich weit ausserhalb unseres Einflussbereichs bewegen. Auch deshalb müssen wir der psychischen Gesundheit unserer Mitarbeitenden besonders Sorge tragen.

Herr Looser, was kann Désirée Pomper besser als Sie?
Looser: Was ich immer bewundert habe an Desiree, ist, dass sie keine mentalen Stoppschilder im Kopf hat. Ihr Denken ist nie bequem, nie 0815, und sie geht schon, seit ich sie kenne, konsequent die intellektuelle Extrameile.

Frau Pomper, was kann Gaudenz Looser besser als Sie?
Pomper: Ich kenne wenige Menschen, die so scharfsinnig, leidenschaftlich und wortgewandt argumentieren können wie Gaudenz Looser und auch komplexe Gedankengänge mit solch einer Leichtigkeit und in so hohem Tempo niederschreiben können. Das beeindruckt mich immer wieder aufs Neue.



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