Frau Fehr, mit Blick auf das Jahr 2020 und den Schweizer Journalismus: Ist das ein verlorenes Jahr?
Nein, überhaupt nicht. Die Journalisten und Journalistinnen hatten die Chance, zu zeigen, wie wichtig ihre Arbeit ist, denn viele Menschen realisierten durch die Pandemie, dass die Gesellschaft auf guten Journalismus angewiesen ist. Daneben war es, wie für die meisten anderen Branchen, natürlich ein sehr herausforderndes Jahr.
Die wirtschaftliche Lage der Redaktionen hat sich gleichzeitig massiv verschlechtert. Oder woran denken Sie?
Vieles erschwerte die Arbeit. Die schwierige Finanzlage und der damit zusammenhängende Spardruck ist natürlich ein Faktor. Dazu kommt, dass nur schon die Pandemie-Situation mit dem Shutdown im Frühling an sich – mit Homeoffice und fehlenden Austauschmöglichkeiten an Veranstaltungen, Medienkonferenzen oder mit Interviewpartnern – das journalistische Arbeiten massiv erschwerte. Man muss sich vorstellen, dass auch Journalistinnen und Journalisten im Homeoffice arbeiteten und teilweise Homeschooling machen mussten – parallel zu ihrer Arbeit. Viele waren stark auf sich allein gestellt, der informelle und kreative Austausch in den Redaktionen fehlte, unter anderem auch wegen der Kurzarbeit. Es sind also viele Faktoren, die grossen Druck auf die Schweizer Journalistinnen und Journalisten ausübten.
Können Sie die Schwierigkeiten noch etwas konkreter beschreiben?
Ein grosses Problem war die Arbeitsorganisation. Daher lancierten wir vom MAZ kurzfristig eine Online-Schulung zu Fragen wie: Wie komme ich auf Story-Ideen, wenn die Redaktionssitzung ausfällt und der Abgleich mit anderen wegfällt? Wie setze ich mir selbst Abgabefristen? Wie organisiere ich mich oder ein professionelles Feedback auf einen Artikel-Entwurf? Wir hatten einen Fall, wo ein Journalist drei Tage lang auf die Rückmeldung seines Chefs warten musste. Es zeigte sich, dass wohl auch viele Führungskräfte enorm unter Druck standen und es auch für sie schwierig war, in dieser Situation zu agieren. Feedbacks und Rückmeldungen von Kollegen sind enorm wichtig, sie machen journalistische Erzeugnisse gehaltvoller. Die Tatsache, dass dies eingeschränkt war, spürte man den Artikeln und Beiträgen an, finde ich. Vieles ist eindimensionaler geworden.
Ist das eine Erklärung dafür, dass man den Eindruck hat, man lese bei allen Medien ungefähr das Gleiche?
Ja. Es sind viele Veranstaltungen weggefallen, daher gibt es weniger Themen. Und über die noch verbliebenen Pressekonferenzen berichten alle ähnlich, weil die informellen Gespräche am Rande nicht möglich sind. Eindrücke und Informationen aus solchen Gesprächen lenken normalerweise den Fokus auf andere Aspekte. Dadurch werden die Artikel vielfältiger.
«Bevor Entwicklungen kritisch eingeschätzt werden können, müssen Details darüber bekannt sein»
Das «Jahrbuch Qualität der Medien» der Universität Zürich attestiert den Journalisten, in der Pandemie einen guten Job gemacht zu haben. Die Medien hätten keine Panik geschürt. Wenn ich Ihnen zuhöre, wie Sie über die erschwerten Bedingungen sprechen, kann das doch fast nicht sein.
Doch. Die Schweizer Journalisten machen unter stark erschwerten, widrigen Umständen mit grossem Engagement einen guten Job.
Die Forscher stellten ein Manko im Wissenschaftsjournalismus fest und kritisierten, die Medien hätten zu Beginn, also vor dem ersten Shutdown, zu wenig kritisch berichtet.
Das sehe ich anders. Eine wichtige Aufgabe der Journalistinnen und Journalisten ist es, zu informieren. Und bevor Entwicklungen kritisch eingeschätzt werden können, müssen Details darüber bekannt sein. Die Menschen im Land müssen ja wissen, was genau denn passiert, bevor sie die Kritik verstehen können. Die kritische Auseinandersetzung mit den Massnahmen des Bundes erfolgte dann etwas später durchaus und gründlich.
Dennoch hat der Spardruck nochmals stark zugenommen. Wohl auch am MAZ?
Ja, der Spardruck auf den Redaktionen ist hoch. Wir spüren das, für die Journalistinnen und Journalisten ist es zunehmend ein Problem, eine Woche oder auch nur tageweise von ihrer Arbeitsstelle fernzublieben für eine Weiterbildung etwa. Auch die Bedingungen für diejenigen, die eine MAZ-Diplomausbildung machen wollen, sind härter geworden. Zudem müssen die Journalistinnen und Journalisten ihre Weiterbildung vermehrt selbst zahlen oder sie vollständig in ihrer Freizeit machen. Trotzdem: In der Abteilung Journalismus haben wir bei der Anzahl der Studierenden oder Kursteilnehmenden im Vergleich zum Vorjahr keinen grossen Rückgang zu verzeichnen, was erfreulich ist.
Was für Pläne haben Sie, um die mittelfristige Finanzierung des MAZ sicherzustellen?
Mehrere. Für unsere Finanzierung ist die Abteilung Kommunikation zentral. Diesen Bereich stellen wir im Moment neu und breiter auf. Kooperationen sind bei uns immer ein Thema. Des Weiteren hat die Pandemie auch bei uns einen Digitalisierungsschub ausgelöst. Hier gilt es, neue Online-Formate für beide Abteilungen zu lancieren, damit wir nahe an unserer Kundschaft sind, ihre Bedürfnisse besser und ressourcenschonender erfüllen können. Und klar: Ein wichtiger Punkt für eine bessere Kursauslastung wird auch die Förderung der Aus- und Weiterbildung von Journalistinnen und Journalisten durch den Bund sein. Die Medienförderung, Stand heute, wird aber wohl erst im Jahr 2023 zum Tragen kommen.
«In der aktuellen Übergangsphase ist es wichtig, dass neben der Technologieförderung auch die Printförderung weitergeführt wird, denn das Alte einfach so sterben zu lassen, ist nicht richtig»
Ein weiteres Novum dieses Jahr: Le Temps wird als erste Schweizer Tageszeitung von einer Stiftung finanziert. Könnte dieses Modell bei weiteren Zeitungen zum Tragen kommen?
Die aktuelle Lage zeigt, dass der Journalismus ein strukturelles Problem hat. Daher macht es Sinn, dass es neue Formen der Finanzierung gibt, sei es über Stiftungen oder etwa solche Modelle wie bei der Republik. Wichtig ist, dass die Grundhaltung gewährleistet ist: Journalismus ist die vierte Macht und diese muss in guten Händen sein, sonst wird es schwierig.
Was meinen Sie mit «Grundhaltung»?
Meinungsjournalismus, bei dem nicht klar ist, welche Geldgeber dahinterstecken. Die Absicht der Geldgeber muss klar sein, sodass eine Hidden Agenda ausgeschlossen werden kann.
Was ist eigentlich Ihre Meinung zu den ganzen Fragen der Medienfinanzierung?
Ich befürworte das vom Bundesrat vorgeschlagene Medienpaket, zugegebenermassen nicht ganz uneigennützig. Institute wie das MAZ oder das CFJM in Lausanne werden ebenfalls davon profitieren. Grundsätzlich ist es wichtig, dass das Fördergeld in den Journalismus fliesst und in den Erhalt der vierten Macht investiert wird. Es ist jedoch falsch, Verlage zu finanzieren, die das Geld anderweitig einsetzen. In der aktuellen Übergangsphase ist es zudem wichtig, dass neben der Technologieförderung auch die Printförderung weitergeführt wird, denn das Alte einfach so sterben zu lassen, ist nicht richtig. Noch ist die Bevölkerungsgruppe, die via Print erreicht wird, zu gross, als dass man etwa die indirekte Presseförderung über die Zustellverbilligung einfach so streichen könnte.
Wie werden Sie Weihnachten und Silvester verbringen?
Leider nicht mit der ganzen Familie, sondern aufgesplittert mit maximal zwei Haushalten. Das ist sehr schade; es bleibt ein Jahr des Verzichts, halt auch an Weihnachten.
Und was wünschen Sie sich fürs neue Jahr?
Dass wir diese Pandemie in Griff bekommen, damit soziale Kontakte wieder möglich sind.
In der Serie «Das war 2020» greifen wir die grossen Themen des Jahres in kompakter Form nochmals auf. Hier finden Sie die Übersicht.
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03.01.2021 16:54 Uhr

