24.06.2019

Republik

«Die Abweichung vom Businessplan ist überschaubar»

Constantin Seibt nimmt eine Auszeit, die ETH reicht Klage ein und noch fundamentaler: Der «Republik» fehlen tausende Abonnenten. Mit-Gründer und Chefredaktor Christof Moser erklärt, wie das Online-Magazin auf den Wachstumskurs zurückkehren soll.
Republik: «Die Abweichung vom Businessplan ist überschaubar»
«Wir werden den Fokus wieder stärker auf die Bekanntmachung der Republik legen», sagt Christof Moser. Er ist Mit-Gründer des 2018 lancierten Online-Magazins. (Bild: Keystone/Christian Beutler)
von Edith Hollenstein

Herr Moser, die Klage, die die ETH beim Bezirksgericht eingereicht hat oder die fehlenden 7000 Abos: Was beschäftigt Sie persönlich derzeit stärker?
Meine Aufgabe als Chefredaktor ist es, mit dem ganzen Team von Tag zu Tag, von Woche zu Woche den bestmöglichen Journalismus in die «Republik» zu bringen. Mit dem Geschäftsgang habe ich nur am Rande zu tun, das ist Aufgabe der Geschäftsleitung. Die Klage der ETH hat mich vor allem zeitlich beschäftigt, wobei wir da auf die herausragende Arbeit unserer Anwältin abstützen können.

Was war so aufwändig?
Wir haben von der ETH insgesamt neun Gegendarstellungen erhalten, mit denen die Hochschule ihre Sicht der Dinge durchzusetzen versucht und die wir als offensichtlich unrichtig zurückweisen. Wenn Gegendarstellungen als PR-Vehikel genutzt werden, und dann erst noch von einer öffentlichen Institution, halten wir es für zwingend angezeigt, nicht nur die Arbeit des eigenen Teams zu verteidigen, sondern auch die Rolle des kritischen und unangenehmen Journalismus an uns für sich. Es ist vielsagend, dass die Vollmacht des ETH-Anwalts auf «Vertretung in Sachen Reputationsschutz» lautet, nicht auf Gegendarstellung. Wir sind, was unsere Recherche-Serie zum Fall ETH betrifft, ausserordentlich gut dokumentiert und gehen sehr zuversichtlich in diese juristische Auseinandersetzung.

Im neusten «Republik»-Newsletter vom Freitag ist von Schwierigkeiten zu lesen. Was ist nötig, damit Sie auch nach November weitermachen können wie bisher?
Weitermachen wie bisher ist keine Option – für niemanden in der Medienbranche und für ein Start-up wie die «Republik» schon gar nicht.

«Journalismus zu machen, der weh tut – das gelingt uns immer besser»

Wie gehen Sie nun vor?
Wir entwickeln uns ständig weiter und arbeiten über die Sommermonate an einer neuen Navigation und Übersicht für das Magazin. Ausserdem schärfen wir das Profil des Feuilletons und denken über neue Formate und Rubriken nach. Mit den journalistischen Leistungen der letzten Monate bin ich sehr zufrieden. Wir haben zum Fall ETH und zu den verstörenden Grundrechtsverletzungen des Justizvollzugs im Fall des Intensivtäters Carlos zwei Recherchen publiziert, wie sie in dieser Tiefe fast nur die »Republik» bieten kann. Wir haben uns als Ziel gesetzt, Journalismus zu machen, der weh tut – das gelingt uns immer besser.

Sie wollen aber mit gleichen Budget ins 2020 gehen, doch es fehlen 7'000 Abonnenten, wie Sie am Freitag im Newsletter schrieben.
Nun, es war ja nie anzunehmen, dass wir mit einem Start-up im zweiten Jahr selbsttragend sind. Die aktuelle Abweichung vom Businessplan ist überschaubar. Wir geben uns für das Erreichen der Gewinnschwelle fünf Jahre. Entscheidend ist, dass wir unsere Pläne laufend anpassen. Nach den Kostenanpassungen im laufenden Geschäftsjahr haben wir für das kommende Geschäftsjahr ab Juli derzeit keine Veränderungen beim Budget vorgesehen, auch keine Erhöhung, und konzentrieren uns jetzt auf die Weiterentwicklung des Produkts.

Das Sabbatical von Constantin Seibt kommt zu einem eher ungünstigen Zeitpunkt, in einer schwierigen, aber entscheidenden Phase des Unternehmens. Wie hat das Team darauf reagiert?
Die wievielte entscheidende Phase ist das nun schon? Ich habe aufgehört zu zählen. Ich finde den Zeitpunkt eher günstig. Wir haben journalistisch eine gute Phase hinter uns, die Abläufe funktionieren, das Team hat sich gefunden und das Zusammenspiel zwischen Journalistinnen und Entwicklern kommt publizistisch immer mehr zum Tragen. Das war ein prioritäres Ziel. Constantin Seibt wird voraussichtlich nach dem Sommer wieder an Bord sein, wir freuen uns darauf.

«Die Gebrüder Meili mischen sich nicht ein»

Wie ist die Stimmung im Team?
Soweit ich weiss, sehr gut. Alle arbeiten sehr konzentriert und immer häufiger auch in Teams, was für das Chefredaktionsteam um Brigitte Meyer, Oliver Fuchs und mich ebenfalls ein wichtiger Weiterentwicklungsschritt darstellt.

Die «NZZ am Sonntag» hatte Anfang Jahr geschrieben, Sie suchten bis im Sommer 2019 nach einem Geldgeber, der eine Million Franken einschiesse. Dieser Zeitpunkt wäre jetzt. Wie weit sind Sie diesbezüglich?
Der Verwaltungsrat arbeitet an der zweiten Finanzierungsrunde, die wir auf dem Weg zum selbsttragenden Unternehmen brauchen. Ich bin nicht involviert in diese Arbeiten.

Werden sich die Gebrüder Meili erneut finanziell beteiligen oder haben sie sich nun ganz zurückgezogen?
Die Gebrüder Meili haben sich nicht zurückgezogen, sie sind und bleiben zusammen mit den zwei weiteren Investoren in der Republik investiert.

In welchem Verhältnis respektive Kontakt stehen Sie zu den Gebrüdern Meili?
Sie nehmen ihre Rolle als Investoren eines Mediums sehr ernst, was bedeutet, dass sie sich nicht einmischen. Von daher ist mein Kontakt mit ihnen lose, aber immer sehr herzlich. Was unternehmerische Herausforderungen betrifft, sind sie sehr erfahren, und ich nutze wenn immer möglich die Gelegenheit, mich mit ihnen darüber auszutauschen.

Werden die Gebrüder Meili in der zweiten Finanzierungsrund weiteres Geld einschiessen?
Davon gehe ich persönlich nicht aus, aber wie erwähnt, bin ich als Chefredaktor in die Organisation der zweiten Finanzierungsrunde nicht involviert.

Wie viele Abonnenten hat die «Republik» aktuell?
Stand heute 17'929 Mitgliedschaften und Abonnements. Das sind etwa 800 unter Plan. Diese Kennzahl gefällt mir etwas weniger gut als der Eigenfinanzierungsgrad von 72,5 Prozent, der laut unserem Finanzchef für ein Start-up im zweiten Jahr ziemlich beeindruckend ist.

«Wir werden in Cafés gedruckte Kostproben der Republik auflegen»

Wie, mit welcher Strategie, wollen Sie die Abonnentenzahl erhöhen?
Der Aufbau der Publikation und des Unternehmens hat uns im vergangenen Jahr stark gefordert. Dieses Jahr müssen wir den Fokus wieder stärker auf die Bekanntmachung der «Republik» legen. Eine vielversprechende Aktion sind die 100 Cafés, Bars und Restaurants in der ganzen Deutschschweiz, die über die Sommermonate gedruckte Kostproben der Republik auflegen. Im Bereich Marketing haben wir für solche und weitere Aktionen aktuell eine Stelle ausgeschrieben. Vielleicht haben wir nach dem erfolgreichen Crowdfunding das Marketing etwas unterschätzt, aber da sind wir ja in guter Gesellschaft: auch das AZ-Portal Watson musste in diesem Bereich die Anstrengungen intensivieren, bevor der Durchbruch gelang.

Was passiert, wenn kein Wachstum erfolgt? Was für ein Szenario tritt dann ein?
Dann passen wir unsere Pläne an. Wir haben sie in der jungen Geschichte des Unternehmens bereits einmal nach oben angepasst, dann wieder etwas nach unten – so wird das noch eine zeitlang weitergehen, bis das Unternehmen stabil ist. Ehrlich gesagt, ist das ja auch das, was das Unternehmertum ausmacht. Wie LinkedIn-Co-Gründer Reid Hoffmann gesagt hat: Man springt als Unternehmer von einer Klippe und baut auf dem Weg nach unten das Flugzeug zusammen. Mich fasziniert die unternehmerische Herausforderung total.

Sie haben einmal gesagt, Sie würden gerne nach Deutschland expandieren. Ist dies weiterhin eine Option?
Das hat die Deutsche Presse-Agentur verbreitet und basierte auf einem Missverständnis. Wir haben einige Abonnenten aus Deutschland, haben aber keinen spezifischen Plan, um diesen Anteil zu erhöhen. Wichtig ist für uns der Austausch und die Zusammenarbeit mit ähnlich konzipierten Projekten in ganz Europa. Davon profitieren wir enorm.

*Das Interview wurde schriftlich geführt.



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