28.01.2020

Medienart

«Die Annabelle wird wieder politischer»

Vor vier Monaten hat Medienart die Annabelle übernommen. Das Heft soll mutiger und souveräner werden, sagt Mitinhaber Valentin Kälin. Um die Erträge zu steigern, prüft der Aargauer Verlag Investitionen im Eventbereich. Zudem spricht Kälin über Entlassungen in der Führung.
Medienart: «Die Annabelle wird wieder politischer»
«Nach Gesprächen mit allen Mitarbeitern wurde bald klar, dass in der Vergangenheit an der Basis gespart wurde, nicht aber in der Führung»: Medienart-Mitinhaber Valentin Kälin. (Bild: zVg.)
von Michèle Widmer

Herr Kälin, Sie haben die Annabelle im Oktober erworben. Welchen Eindruck haben Sie in den letzten Monaten vom Magazin und dem Team gewonnen?
Zuerst zum Team: Wir waren uns anfänglich nicht sicher, wie die Reaktion auf die Medienart AG als neue Herausgeberin sein würde. Denn die Verunsicherung nach der Mitteilung für den Verkauf war selbstverständlich gross. Wir haben aber eine hochmotivierte und engagierte Redaktion angetroffen, welche Lust hat, Neues anzupacken. Wir waren sehr positiv überrascht, erleichtert und hocherfreut. Das Magazin hat an inhaltlicher Qualität trotz der schwierigen Phase gewonnen und nicht verloren. Wir dürfen uns aber nicht einfach zufriedengeben und wollen noch so einiges verbessern und unseren Abonnenten neben Qualitätsjournalismus auch einen echten Nutzwert bieten.

Warum haben Sie sich im Herbst für den Kauf der Annabelle entschieden?
Die Annabelle ist eine unglaublich starke Marke – die Resonanz auf den Kauf hat uns nochmals darin bestätigt. Und mit einer solch starken Marke ist sehr vieles möglich. Denn heute lesen noch immer 210'000 Frauen und Männer das Printmagazin. Innert 72 Stunden war der im Oktober durchgeführte Event Annabelle soirée mit über 300 Teilnehmerinnen ausverkauft. Wir werden daher weiter in diese starke Marke, in Print, aber auch in digitalen Kanälen, investieren.

«Unsere Chefredaktion hat sich eine sanfte Profilschärfung vorgenommen»

Marke, Mitarbeiterinnen oder Kundenkontakte – was ist der grösste Wert der Annabelle?
Die Kombination macht es aus: Der starke Brand zieht die besten Mitarbeiter an. Und ohne unsere Kunden gäbe es uns nicht.

Wie werden Sie die Zeitschrift ausrichten? Wird sie wieder politischer werden wie in der Zeit vor 2012?
Wir glauben an unseren einzigartigen Mix aus Reportagen und Lifestyle. Unsere neu aufgestellte Chefredaktion hat sich aber eine sanfte Profilschärfung vorgenommen und möchte in allen Ressorts noch mehr auf Storytelling setzen. Auch im Lifestyle: Modegeschichten, die einfach nur schön sind, reichen eben nicht. Der Anspruch unserer Modechefin Nathalie De Geyter und unserer Chefredaktorin Jacqueline Krause-Blouin ist auch in Sachen Fashion mit jedem Bild eine Geschichte zu erzählen, bestenfalls eine, die den Zeitgeist reflektiert. Insgesamt wollen wir durchaus mutiger und souveräner werden und nicht davor zurückscheuen auch mal zu polarisieren. Und ja: Die Annabelle wird wieder politischer und selbstbewusst für die Anliegen der Schweizer Frauen eintreten.

Weiterhin mit Mode, Beauty, Wohnen und Lifestyle oder mit welchen Themen soll das Blatt von sich reden machen?
Zu reden geben werden wir mit unseren Reportagen – soeben ist unsere Redaktorin Helene Aecherli als Reporterin des Jahres ausgezeichnet worden –, starken Meinungen, oder auch mit unserer Eventreihe Annabelle soirée, in der wir kontroverse Themen, wie etwa die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, verhandeln. Wir setzen weiterhin auf einen starken Lifestyle-Teil, aber auch Gesellschafts- und Popkulturthemen sind sehr wichtig, mit denen wir hoffentlich die Millennials noch besser abholen können. 

Woher wollen Sie Einnahmen erwirtschaften: Zu welchen Anteilen sollen diese aus dem Aboverkauf und aus dem Werbeverkauf stammen?
Aktuell stammt der grössere Anteil aus dem Werbeverkauf. Wir haben jedoch ein hoch kompetitives Marktumfeld und werden auch anderweitige Ertragskanäle prüfen.

An welche anderen Ertragskanäle denken Sie konkret?
Wir machen bewusst den Fächer auf und prüfen verschiedene Ertragskanäle: Vom Eventbereich wie zum Beispiel der Ausbau der Annabelle soirée bis zu Beteiligungen von digitalen Plattformen im Lifestyle-Segement.

Wollen Sie die Kooperationen mit externen PR- oder Content-Marketing-Lieferanten wie etwa refinery29.com weiterführen und diese ausbauen, oder was ist diesbezüglich geplant?
Die Kooperation mit Refinery 29 ist abgeschlossen. Die Redaktion hat den Austausch unseres Contents als Experiment geprüft, diese Zusammenarbeit aber bereits vor über einem Jahr beendet. Im Moment sind keine derartigen Kooperationen geplant, sondern wir verwerten unsere eigenen Inhalte.

Was für Ziele haben Sie mit annabelle.ch und dem Auftritt in Social Media?
Wir werden die Plattform neu ausrichten und ihr ein neues Aussehen verleihen, auch in Sachen Bewegtbild wird sich etwas tun. Die Präsenz auf Social Media möchten wir mit unserem Content noch stärken.

Welche personellen Veränderungen haben Sie in den letzten Monaten vorgenommen?
Wie bereits im November kommuniziert, konnten wir die Chefredaktorin mit Jacqueline Krause-Blouin bestätigen, aber auch die Chefredaktion mit Kerstin Hasse (Stv. Chefredaktorin, Leitung Digital und Events) sowie mit Barbara Loop (Leitung Lifestyle) verpflichten. Sven Broder bleibt als Leiter Reportagen im Team der Chefredaktion. Wir haben damit eine junge und starke Chefredaktion und sind nun für die Zukunft gerüstet. Erfreulich ist aber auch, dass wir «unsere Basis» stärken und verschiedene befristete Anstellungsverhältnisse oder Freelancer-Mandate in unbefristete Verträge ersetzen konnten. Und schliesslich haben wir noch weitere Stellen ausgeschrieben, um das Team wieder zu komplettieren.

«Es war uns wichtig, der Crew ein ‹Start-up-Feeling› für Innovationen zu geben»

Der Art Director und der Produktionsleiter sollen entlassen worden sein. Was sagen Sie dazu?
Nach Gesprächen mit allen Mitarbeitern wurde bald klar, dass in der Vergangenheit an der Basis gespart wurde, nicht aber in der Führung. Es war im Sinne aller, dass die Basis wieder gestärkt und eine zeitgemässe und damit auch eine agile Führungsstruktur eingeführt wird. Und damit möchte ich auch betonen, dass es sich nicht um eine Sparmassnahme handelt, sondern um eine Prozessoptimierung.

Zurzeit suchen Sie neue Redaktionsräume für die Annabelle. Warum bleiben Sie nicht bei der TX Group (ehemals Tamedia) an der Werdstrasse eingemietet?
Wir haben im Co-Working-Space Citizen-Space in Zürich bereits ein neues Zuhause für die Annabelle gefunden. Uns war es sehr wichtig, der aktuellen Crew ein neues Zuhause zu geben, um ein «Start-up-Feeling» für Innovationen zu geben. Ich bin mir sicher: Die Annabelle wird dadurch agiler und erhält damit einen ganz neuen Spirit. Aber komplett werden wir die Räumlichkeiten an der Werdstrasse trotzdem nicht verlassen: Wir werden weiterhin intensiv mit unserem Werbevermarkter Goldbach Publishing zusammenarbeiten.

Ziehen Sie, sobald sich eine Lokalität findet, mit dem ganzen Verlag von Aarau nach Zürich?
Vorerst bleiben wir an zwei Standorten. Wir möchten diese Entscheidung nicht überstürzen, es gibt aktuell viele Büro-Leerstände und damit auch sehr viele Optionen. Uns läuft hier die Zeit nicht davon.

Was für Büroräume suchen Sie konkret? Welche Kriterien müssen sie erfüllen?
Sobald klar ist, in welche Bereiche wir investieren und wie wir unsere Marken Annabelle und Le menu auch «erlebbar» machen wollen, können wir erst die Kriterien für die konkrete Büroräumlichkeiten definieren.

Wo sehen Sie bei den Titeln Ihres Verlags weiteres Synergiepotenzial?
Kochen ist Lifestyle. Und damit wird Le menu die Expertise im Gourmet-Bereich für die Annabelle einbringen können. Weiterführende Synergien sind vor allem in den Bereichen Werbe- und Nutzermarkt sowie dem technischen Equipment auszumachen – inklusive Fotostudio.

Zum Schluss: Welche Annabelle-Rubrik lesen Sie selber am liebsten?
Das Schöne an der Annabelle ist, dass es für Männer auch eine interessante Lektüre ist. Immerhin sind rund 20 Prozent unserer Leserschaft männlich. Ich persönlich lese gerne die vielfältigen und hochstehenden Reportagen, aber auch «Now Open» und den Kulturteil.



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Kommentare

  • Pierre Rothschild, 30.01.2020 11:04 Uhr
    Lieber Herr Kälin Danke für die liebenswürdige Reaktion. Machen Sie es sich einfach - und schwer zu gleich. Als man Axel Springer oft fragte, was wichtig für eine Publikation ist, sagte er: Sie muss den Lesern helfen, durchs Leben zu gehen.
  • Victor Brunner, 30.01.2020 10:03 Uhr
    Valentin Kälin: Analog fotografieren heisst nicht zwingend dass das Resultat schlecht sein muss. Besonders bei Modefotografien sollten auch Details erkennbar sein. Mit solchen Bildstrecken holen sie keine neuen Leserinnen! Gags müssen nicht zwingend schlecht sein!
  • Maxime Detreuve, 29.01.2020 12:19 Uhr
    bei der letzten oder vorletzten Ausgabe habe ich genau 4 Inserate gezählt. Wie kann das überhaupt die Produktionskosten decken, geschweige Gewinn abwerfen?
  • Valentin Kälin, 29.01.2020 12:18 Uhr
    @Victor Brunner: Jeder Trend hat einen Gegentrend. Das haben Sie korrekt erkannt, dass diese Fotografien gewollt sind. Es wurde analog fotografiert. Schön, dass wir damit Ihre Aufmerksamkeit auf uns ziehen konnten. @Pierre Rothschild: Herzlichen Dank für Ihren Input! Geben Sie uns noch etwas Zeit - und beobachten Sie uns weiterhin. Wir haben noch einiges vor.
  • Pierre Rothschild, 29.01.2020 11:06 Uhr
    Die Annabelle findet die Leserinnen, wenn sie das klassische Fundament einer Zeitschrift für Frauen nie verlässt. - Exotisch ist die Erscheinungsweise... alle 3 Wochen, 18 Ausgaben. Da würde man mit zwölf Ausgaben mehr erreichen. Bessere Abo-Preise, grosse Einsparungen intern. Jetzt strapaziert man den Anzeigen-Markt und das Budget der Leserinnen. Und: viel Swissness.
  • Victor Brunner, 29.01.2020 09:26 Uhr
    Die ANNABELLE sollte in erster Linie besser werden. Neueste Ausgabe, Bildstrecke zu Mode. Alle Bilder leicht verschwommen mit Gelbstich, wie 30 Jahre alte KODAK-Bilder! Sollte wahrscheinlich ein Gag sein!
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