19.10.2021

Hauptstadt

Die Crowdfunding-Kampagne ist gestartet

Mit der Sammelaktion vom 19. Oktober bis 19. November wagt das Medienprojekt den Realitätstest am Markt. Lösen in dieser Zeit 1000 Personen ein Jahresabo, besteht laut der «Hauptstadt» die Nachfrage für ein lokales Portal.
Hauptstadt: Die Crowdfunding-Kampagne ist gestartet
Starteten am 19. Oktober mit dem Crowdfunding: Das Team hinter dem neuen Berner Medienprojekt «Hauptstadt». (Bild: Keystone/Anthony Anex)

Vor fast genau einem Jahr, am 27. Oktober 2020, beschloss Tamedia das Ende des «Berner Modells» (persoenlich.com berichtete). Am Mittwoch werden die Redaktionen von Bund und Berner Zeitung offiziell zusammengeführt. Bereits seit wenigen Wochen würden Texte von Bund-Journalistinnen und -Journalisten in der BZ und umgekehrt erscheinen, wie es in einer Mitteilung des neuen Berner Medienprojekts «Hauptstadt» heisst.

Die Ankündigung vom Oktober 2020 war der indirekte Startschuss für die «Hauptstadt», wie es weiter heisst. Eine Gruppe von rund 15 Berner Medienschaffenden habe dem «Aderlass der Medienvielfalt ihren Unternehmergeist entgegengesetzt» und unter dem Arbeitstitel «Neuer Berner Journalismus» begonnen, ein unabhängiges Onlineportal für den Grossraum Bern zu konzipieren. Marina Bolzli, Joël Widmer und Jürg Steiner kündigten ihre Stellen und engagieren sich auf eigenes Risiko für die «Hauptstadt» (persoenlich.com berichtete). Sie bilden das Organisationskomitee, das die Fäden der Projektgruppe zusammenhält, in der neben journalistischer auch IT-, Social-Media-, Fundraising- und Geschäftsführungskompetenz versammelt sind.

Inspiriert von «Republik», «Bajour» und Co.

Von Bern für Bern: Seit Charles von Graffenried 2007 seinen Verlag mit dem Bund und der Berner Zeitung an Tamedia verkaufte, habe Bern seine Medienvielfalt ökonomisch nach Zürich ausgelagert. Die «Hauptstadt» möchte das ein Stück weit ändern und dieser Entwicklung nicht nur publizistisch, sondern auch unternehmerisch etwas entgegensetzen: «Journalismus besteht nicht bloss aus dem, was am Schluss als Text, Ton oder Bild erscheint, sondern auch daraus, wie es entsteht und warum», heisst es in der Mitteilung. Deshalb verfolge die «Hauptstadt» ein gemeinnütziges Geschäftsmodell, das nicht nur auf Klickzahlen fokussiere, sondern auf den Mehrwert für die lokale Demokratie. Das Medienprojekt legt laut eigenen Angaben Wert auf eine transparente, respektvolle und konstruktive Unternehmenskultur und übe diese schon jetzt, in der Projektphase, konsequent ein. Und die «Hauptstadt» wolle einen «verständlichen, zugänglichen, hartnäckigen und konstruktiven Lokaljournalismus» betreiben.

Das alles erfinde das Berner Medienprojekt nicht neu. Neben der «Republik» auf nationaler Ebene sind mit Tsüri.ch in Zürich, Bajour.ch in Basel, Zentralplus.ch und Kultz.ch in Luzern, Saiten.ch in St. Gallen oder Kolt.ch in Olten mindestens ein halbes Dutzend unabhängiger lokaler Onlineportale entstanden. Die «Hauptstadt» wolle Bern unternehmerisch wie publizistisch an diese Entwicklung anschliessen.

Bei 4000 Abonnierenden «praktisch selbsttragend»

Sinn ergebe das allerdings nur, wenn in Bern eine Nachfrage für diese Idee bestehe. Deshalb startet die «Hauptstadt» am 19. Oktober eine Crowdfunding-Kampagne, während der sie möglichst viele Menschen motivieren will, Hauptstädterinnen und Hauptstädter zu werden und für 120 Franken ein erstes Jahresabonnement zu lösen. Bei der Schwelle von 1000 Abonnierenden halten die Macherinnen und Macher die Nachfrage für ausgewiesen, wie es in der Mitteilung heisst. Bei 4000 Abonnierenden sei das Medium «praktisch selbsttragend».

Am Ziel sei die «Hauptstadt» deshalb nach dem Crowdfunding auch mit 1000 Abos noch nicht: Um wirklich starten zu können, sei eine zusätzliche Anschubfinanzierung nötig. Die «Hauptstadt» sei mit verschiedenen Unterstützern im Gespräch, die ihr Engagement unter anderem vom Erfolg des Crowdfundings abhängig machen. Für die Startredaktion rechnet das Berner Medienprojekt mit einer Mindestausstattung von fünf Vollzeitstellen.

Im Erfolgsfall wird im ersten Quartal 2022 gestartet

Sofern das Crowdfunding erfolgreich sei und die Anschubfinanzierung zustande komme, plant die «Hauptstadt» laut eigenen Angaben, im ersten Quartal 2022 publizistisch zu starten. Erreiche das Projekt die dafür notwendige finanzielle Unterstützung nicht, würden die Crowdfunding-Einnahmen zurückbezahlt.

Für die Crowdfunding-Phase betreibt die «Hauptstadt» ein Pop-up-Café im derzeit geschlossenen Restaurant Chun Hee. Die Initiantinnen und Initianten nutzen es als Co-Working-Space, offenen Diskussionsraum und Veranstaltungsort – sie werden verschiedene Feierabend-Talks und Stammtische durchführen.

Von Bern für Bern gilt bereits für die Kampagne, wie es weiter heisst: Das Berner Grafikbüro Büro Destruct hat das optische Erscheinungsbild mit dem Brücken-H designt und über das Thuner Startup Payrexx wickelt die «Hauptstadt» die Crowdfunding-Zahlungen ab. Wichtiges Standbein der Crowdfunding-Kampagne seien 25 Videos von Berner Persönlichkeiten aus dem ganzen Spektrum der Gesellschaft, vom PR-Unternehmer zur Klima-Aktivistin, vom Präsidenten des Wirtschaftsverbands zur aserbaidschanischen Journalistin im Exil. (pd/tim)



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