28.04.2021

UKW-Abschaltung

«Dieses Konzept ist nicht durchdacht»

Medienpionier Roger Schawinski wehrt sich vehement gegen das Abschalten von UKW. Aber warum eigentlich? persoenlich.com hat dem 75-Jährigen in einem Clubhouse-Talk auf den Zahn gefühlt. Ein Gespräch über unnötiges DAB+, schlechte Argumente und weisse Fahnen.
UKW-Abschaltung: «Dieses Konzept ist nicht durchdacht»
«DAB+ ist eine Fehlentwicklung, die von der SRG und dem Bakom bereits in den 1990er-Jahren initiiert wurde», sagt Roger Schawinski, CEO von Radio 1. (Bild: zVg)
von Christian Beck

Herr Schawinski, Sie kündigten an, gegen die UKW-Abschaltung beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde einzulegen. Warum erst jetzt?
Das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) hat den betroffenen UKW-Radios kürzlich den Entwurf der Widerrufsverfügung der Funkkonzession zum rechtlichen Gehör geschickt. Ich habe natürlich Stellung genommen. Es brennt jetzt tatsächlich: In gut einem Jahr wird die SRG alle UKW-Sender abschalten, ein halbes Jahr später auch die Privaten. Ich will das nun gerichtlich anfechten, da ich diese Entwicklung verheerend und völlig unbedacht finde.

«Schawinski gegen alle», so titelte kürzlich der Tages-Anzeiger (persoenlich.com berichtete). Gab es keine Koalitionen?
Überhaupt nicht. Und ich habe diese auch nicht gesucht. Die anderen Privaten sind wie Schafe hinterhergetrottet und haben sich von gewissen Argumenten beindrucken lassen. Beispielsweise, dass mit der UKW-Abschaltung viele Kosten gespart werden können. Die DAB+-Verbreitungsfirma SwissMediaCast hat sie zudem auch mit Rabatten geködert. Dass eine private Organisation versucht, mit solchen Methoden die Leute zu kaufen, würde ich beinahe schon als Korruption bezeichnen. Ich will unser Land davor retten, dass wir mit offenen Augen in ein Desaster laufen und das schöne Medium Radio arg beschädigt wird. Und die Radiokonsumenten dafür die Zeche in vielfacher Millionenhöhe bezahlen müssen.

Weshalb Desaster?
DAB ist eine 25 Jahre alte Zwischentechnologie, die man nun den Leuten aufzwingen will, nachdem es trotz der vielen, teuren Werbekampagnen für DAB+ nicht so richtig geklappt hat. DAB+ ist völlig unnötig. Bald werden alle Anwendung über eine einzige Plattform laufen, nämlich über IP und 5G – das heisst mit der Ausnahme von DAB+-Radios mit einer eigenen Infrastruktur und eigenen Apparaten bei den Konsumenten. Dies ist unsinnig.

Und warum?
Es zwingt die Leute jetzt dazu, DAB+-Empfänger zu kaufen, die in 10, 15 Jahren wieder wertlos sind. Zuvor müssen aber Millionen von UKW-Radiogeräten entsorgt werden, was allein die Verkäufer von DAB+-Geräten jubeln lässt. Einen solchen ökologischen Unsinn kann man sich nicht einmal in der Theorie ausdenken. DAB+ ist eine Fehlentwicklung, die von der SRG und dem Bakom bereits in den 1990er-Jahren initiiert wurde. Und jetzt will man diesen Fehler mit einem zweiten, noch grösseren zudecken: mit der zwangsmässigen Abschaltung von UKW, um so endlich die Notwendigkeit von DAB+ unter Beweis zu stellen. Sowohl bei der SRG als auch im Bakom und im Uvek haben die heutigen Chefs dieses Malheur geerbt. Aber sie machen offenbar die Augen zu und rennen damit mit Vollgas ins Desaster.

Die Schuldigen verorten Sie also bei der SRG und dem Bund?
Bei der SRG, dem Bakom und bei Swisscom. Die dortigen Techniker und Chefs hatten damals das Gefühl, dass sie ganz coole Typen seien, wenn sie vom drögen Analogen aufs sexy Digitale wechseln würden. Doch leider haben sie aufs falsche Pferd gesetzt. Zuerst versuchten sie es mit DAB. Die Leute kauften diese neuen Radioempfänger und investierten Millionen. Dann merkte man, dass diese Technologie nicht funktioniert. Damit waren all diese Empfänger nutzloser Elektroschrott. Anschliessend wurde DAB+ lanciert, die verbesserte Version. Wieder wurden neue Geräte auf den Markt geworfen. Aber eine Technologie, die sich innerhalb von fünf, sechs Jahren nicht durchsetzt, ist keine gute Technologie. Und eine, die man den Leuten mit der Brechstange aufzwängt, eine noch viel schlechtere.

«Für mich ist Radio eine ernsthafte Sache»

Es sind also Ihre klassischen Feinde. Wie sieht es aus bei den Privaten?
Ich hatte hier keine Kontakte. Ich habe vielleicht auch eine andere Sichtweise und Erfahrung. Ich denke nicht nur kurzfristig. Bei den Privaten der grossen Konzerne sind heute überall Manager, Funktionäre und Erben am Ruder. Ich hingegen bin vor allem Journalist und Radiomacher. Ich wollte schon 1979 ein tolles, journalistisch gemachtes Radio möglichst allen Leuten zugänglich machen. Nicht nur Musik abnudeln, wie es die meisten Sender heute machen – und ein paar Sprüche von Moderatoren, die ins Studio gesetzt werden. Für mich ist Radio eine ernsthafte Sache, inhaltlich als auch vom Anspruch her. Radio ist über 100 Jahre alt und konnte sich immer wieder modernisieren. Radio ist mobil empfangbar, man hat Podcasts, es ist auch über Internet zu hören. Radio konnte sich im gesamten Medienmix unglaublich gut halten, besser als die gedruckte Presse. Das kann man doch jetzt nicht einfach künstlich amputieren. Dagegen wehre ich mich.

So falsch machen es diese Manager aber offenbar nicht. Bei der letzten Radiostatistik von Mediapulse – vom zweiten Semester 2020 – hatten zwölf Sender mehr Hörerinnen und Hörer als Ihr Radio 1 …
Die NZZ hat auch nicht so viele Leser wie der Blick. Qualität und Quantität ist nicht ganz dasselbe. Und alle diese Sender sind 20, 30 Jahre älter als Radio 1. Bei den Radios gibt es eben die Gnade der frühen Geburt. Die Qualität der meisten dieser Sender ist immer weiter zurückgegangen, wenn ich mir erlauben darf, das zu sagen. Es wurde immer mehr gespart, es gibt kaum noch echten Inhalt. Der einzige private Sender, der lange Wortsendungen, Hintergründe, tägliche Morgenkolumnen und Talkformate macht, ist Radio 1. Das ist Qualität. Wir machen das einzige Premiumradio im privaten Bereich. Darauf bin ich stolz. Und wir sind auch stolz auf unsere Hörer, die Qualität schätzen.

Sie sprachen zu Beginn die Kosten an. Laut Bakom ist es für einen Sender rund eineinhalbmal so teuer, Infrastrukturen für UKW und DAB+ gleichzeitig zu unterhalten. Ist das für Sie kein Argument?
Die Investitionen sind gemacht. Die Sendeanlagen sind abgeschrieben. Das ist eine lächerliche Milchmädchenrechnung. Auch die SRG behauptet, sie könnte mit der UKW-Abschaltung 15 Millionen Franken sparen. Da habe ich einen Tipp: Man müsste nicht einfach auf null runterfahren. Die SRG hat eine gewaltige Überversorgung mit UKW – allein in der Region Zürich empfange ich Radio SRF 1 auf acht Frequenzen. Man könnte den Grossteil der Sender einmotten, sich nur auf die Höhenstandorte konzentrieren, und das Land wäre immer noch zu rund 90 Prozent mit UKW versorgt. Das ist um einiges besser als eine Nulldiät. Und viel billiger dazu.

Radio 1 hat bereits sechs seiner zehn UKW-Sender abgestellt. Warum, wenn doch die Sendeanlagen abgeschrieben sind?
Die mussten wir damals bauen. Es gab das Versorgungsgebiet Grossraum Zürich, Schaffhausen und Glarus. Es hiess damals, dass wir im Glarnerland zwei, drei Sender aufstellen müssen, obwohl dort sehr wenig Leute wohnen und wir kein Programm für das Glarnerland machen. Das verursachte Kosten, die wir nun heruntergefahren haben, weil es uns keinen Mehrwert brachte. Wir senden nur noch über vier wichtige Anlagen …

… Feusisberg, Winterthur, Uetliberg und Züriberg …
… genau. Und das funktioniert. So wollen wir es auch beibehalten. Andere Radiostationen haben eine Grosszahl kleiner Sender im Betrieb. Bei Radio Central sind es nicht weniger als 21, bei Radio Sunshine 15. Das ist eindeutig eine Überversorgung, die viel Sparpotenzial beinhaltet.

«Das war eine etwas steile Schutzbehauptung»

«DAB+ ist die Verbreitungsform der Zukunft. Darüber herrscht Einigkeit», begründeten Sie damals den Schritt des Ausschaltens Ihrer UKW-Sender im Glarnerland gegenüber der Südostschweiz. Jene, die ein DAB+-fähiges Radio haben, müssen auf den Sender gar nicht verzichten …
Das war eine etwas steile Schutzbehauptung. Als wir die dortigen Sender abschalteten, gab es überhaupt keine negativen Rückmeldungen. Nutzen und Ertrag für das Glarnerland funktionierten für uns eben nicht. Die Situation gegenüber der Konzessionsvergabe 2008 hat sich ohnehin stark verändert. Heute haben viele Privatsender gar keine Veranstalterkonzession und damit auch keinen Informationsauftrag oder Versorgungsauftrag mehr.

Sie sind nun also vor allem der Ökologie wegen gegen DAB+, damit es keine neuen Geräte braucht?
Nein, ich bin nicht gegen DAB+. Diese Technologie ist da. Ich habe sie mir zwar nicht gewünscht, aber nun ist es so. Ich bin hingegen strikt dagegen, dass man UKW abschaltet. In der jüngsten Untersuchung der DAB+-PR-Organisation DigiMig heisst es, dass knapp ein Drittel des Radiokonsums weiterhin über UKW erfolgt. Das ist enorm viel. Das sind ganze Bevölkerungsgruppen, vor allem auch ältere Leute, die kein DAB+-Radio haben. Im Auto ist es noch viel schlimmer. Nur 42 Prozent haben gemäss DigiMig DAB+ eingebaut – das heisst, mehr als die Hälfte aller Autofahrer werden schon bald keinen einzigen Schweizer Sender empfangen können. Das ist grotesk. Ein fachmännischer Einbau von DAB+ im Auto kostet 1000 bis 1500 Franken. Das wird einen Sturm auslösen, wie man ihn in den letzten Jahren noch nie erlebt hat. Deshalb muss jetzt gehandelt werden.

Könnten Sie sich vorstellen, wieder eine Volksbewegung anzuführen wie damals bei Radio 24?
Ich habe schon meine Ideen und werde bald informieren. Aber ich gehe bestimmt nicht mehr auf den Pizzo Groppera. Dort in Italien stellte ich damals den ersten Schweizer Privatradiosender hin, damit die Radiofreiheit in die Schweiz kommt. Jetzt sind andere Mittel gefragt.

«Ich bin kein Retro-Mensch, wie man mich nun darstellen will»

Damals hängten die Fans noch weisse Fähnchen an die Autoantennen …
… und heute gibt es ja gar keine Antennen an den Autos mehr (lacht). Ich bin kein Retro-Mensch, wie man mich nun darstellen will. Damals, 1979, gab es Autoantennen, aber noch kein Internet. Neue Zeiten verlangen neue Methoden. Ich überlege zusammen mit meinen Leuten, wie wir vorgehen wollen. Den meisten Personen leuchten meine Argumente auf Anhieb ein, wenn ich sie ihnen präsentiere. Sehr viele wissen aber noch gar nicht, was da geplant ist. Sie sollen es nicht erst dann erfahren, wenn es zu spät ist. Dafür möchte ich sorgen.

Sie haben es erwähnt: Es laufen seit Jahren Kampagnen, die auf den Umstieg von UKW auf DAB+ aufmerksam machen sollen. Weshalb funktionieren diese Kampagnen nicht?
Der Zusatznutzen von DAB+ ist im Vergleich mit UKW einfach zu klein. Als man von der Mittelwelle auf UKW umstellte, gab es eine echte Qualitätsverbesserung. Es gibt viele Fachleute, die sagen, die Soundqualität sei sogar schlechter als bei UKW, weil bei DAB+ zu wenig Bandbreite eingesetzt werde. Deshalb kann man noch so viel Werbung für DAB+ machen, viele sehen den Sinn einer solchen Neuinvestition nicht ein. Es kann einfach nicht sein, dass die Schweiz im Herzen von Europa als einziges Land die wichtigste Radiotechnologie ausradiert. Dies führt zu grossen Verwerfungen.

Für die Information der Bevölkerung bei Katastrophen bleibt die UKW-Technologie ohnehin im Einsatz, auch nach der offiziellen Abschaltung. Der Bund wird weiterhin ein UKW-Notsendernetz unterhalten …
Wie grotesk ist denn das? Das zeigt besonders eindrücklich, dass dieses Konzept nicht durchdacht ist. Tatsächlich ist der Empfang von DAB+ hinter dicken Mauern – also im Bunker – nicht möglich. UKW, die angeblich veraltete Technologie, ist hier einfach viel besser. Bis 2027 plant man deshalb, im Krisenfall UKW-Sender wieder in Betrieb zu nehmen. Ob die Leute dann noch UKW-Radios haben, ist völlig unklar. Und was danach kommt, weiss niemand. Das ist alles sehr, sehr hilflos.



Dieses Interview ist eine Transkription des letzten «persoenlich.com Feierabend-Talks» auf der Audio-App Clubhouse. Durch das Gespräch mit Roger Schawinski führten Matthias Ackeret, Verleger und Chefredaktor, und Redaktor Christian Beck.

 



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Kommentare

  • Thomas Schaerer, 06.05.2021 20:36 Uhr
    UKW im Autoradio: Wenn man im Auto z.B. eine wichtige Verkehrsmeldung empfängt und zufällig gerade die Feldstärke, bzw. die HF-Spannung an der Antenne zu schwach wird, hört man zusätzlich zu den Nachrichten auch Rauschen. Oft ist es aber so, dass man trotzdem noch die Nachrichten versteht. DAB+ im Autoradio: Das was ich eben bei UKW (FM) beschreiben habe, funktioniert nicht bei DAB+. Ist die Feldstärke nur etwas zu schwach, fällt der Empfang aus, weil die digitale Information fehlerhaft empfangen wird. Dieses Problem kann je nach Verkehrsituation folgenschwer sein!!! Ich wünsche mir, dass es eine Newsgruppe, bzw. ein Diskussionsforum gibt zu dieser Thematik. Ich bitte um eine hoffentlich positive Antwort. Mit freundlichen Grüssen, Thomas Schaerer (sthomas@retired.ethz.ch) PS.: Ich bin wie Schawinsky kein Retrorianer. :-) Darum, wenn er hier mitliest, würde es mich freuen von ihm eine kurze Mail zu bekommen. Ich bin gleich alt, äh jung, wie er. :-)
  • Klaus-Jürg Aeschlimann, 02.05.2021 17:34 Uhr
    Die geplante Umstellung von UKW auf DAB ist ein Beweis mehr, wie wir Bürger von unseren Politikern und Wirtschaftsführern des Geldes wegen ständig veräppelt werden. Das Ziel ist nämlich nicht mehr Qualität fürs Volk sondern ein Mittel zum Eintreiben von Geld in den Sack der Wirtschaft. Dabei ist die Branche für Mediengeräte wie Smartphones und Empfänger für alle Kanäle schon genug gefüttert. Sonst kämen nicht jede Woche stapelweise Prospekte ins Haus geliefert was man noch unbedingt anschaffen müsse. Die Politik unterstützt diese Geldmacherei noch: Siehe die höchsten Roaminggebühren fürs Handy. Dank an Roger Schawinsky für die Initiative zum Stopp des DAB-Irrsinns!!!
  • Reto Capeder, 28.04.2021 20:55 Uhr
    DAB+ ist extrem Gesundheitsschädigend. Die digitale Modulation, die eine Pulsung bei 10.4 Hz ergibt, führt beim Sender Valzeina und Umgebung zu sehr dramatischen Unverträglichkeiten bei Menschen. Die Leistung ist um ca. Faktor 5 höher als bei UKW. Eine Katastrophe! Man kann kaum etwas dagegen tun.
  • Remo Civatti, 28.04.2021 08:00 Uhr
    Internet Radio, da spielt die Musik.
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