29.11.2018

Aus für den Blick am Abend

Einstellung als Indiz für Kannibalisierung

Gewisse Verlage würden mit ihren Gratiszeitung den eigenen Bezahlzeitungen schaden, heisst es beim Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation. Dass der gedruckte «Blick am Abend» eingestellt wird, wusste das Departement Leuthard nicht vorab.
Aus für den Blick am Abend: Einstellung als Indiz für Kannibalisierung
Erscheint am 21. Dezember zum letzten Mal als gedruckte Zeitung: «Blick am Abend». (Bild: Christian Beck)

«Ich würde Gratiszeitungen sofort abschaffen». Diese Aussage von Medienministerin Doris Leuthard vor einer Woche macht seither medial die Runde. Dabei ist es nur die halbe Wahrheit respektive nur die halbe Aussage, welche Leuthard am Journalismustag 18 in Winterthur gemacht hatte (persoenlich.com berichtete).

«Die Aussagen von Bundesrätin Leuthard zu den Gratiszeitungen erfolgten im Kontext einer Fragerunde, die unter anderem im Zusammenhang mit den strukturellen Schwierigkeiten der Printpresse stand», betont Annetta Bundi, stellvertretende Leiterin des Presse- und Informationsdienstes beim Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek), auf Anfrage von persoenlich.com.

Die klassischen Tageszeitungen würden sich seit längerem mit stark rückläufigen Erträgen aus dem Werbemarkt und sinkenden Abo-Zahlen konfrontiert sehen. «Bundesrätin Leuthard wies darum dann auf die Frage, was sie als Verlegerin tun würde, um einen Ausweg aus der schwierigen Situation zu finden, darauf hin, dass sie in so einer Situation Gratiszeitungen abschaffen würde, weil sie nie verstanden habe, ‹warum man journalistischen Content einfach verschenkt›», so Bundi weiter (siehe Video oben). Leuthard habe damit zum Ausdruck gebracht, dass sie die journalistische Arbeit für wichtig und wertvoll halte.

«Allein Sache der Verlage»

«Gewisse Verlage kannibalisieren mit Gratisangeboten ihre bezahlpflichtigen Tageszeitungen selbst», sagt Bundi zu persoenlich.com. Die per Ende Jahr beschlossene Einstellung des «Blick am Abend» sei wohl als weiteres Indiz dafür zu werten. «Über die Einstellung des ‹Blick am Abend› war das Uvek im Übrigen vorab nicht im Bild. Der Bund hat mit solch unternehmerischen Entscheiden nichts zu tun, es ist allein Sache der Verlage, solche Entscheide zu treffen», so die Mediensprecherin. Damit stützt Bundi die Aussage von «Blick»-Chefredaktor Christian Dorer, der am Mittwoch gegenüber persoenlich.com von «purem Zufall» sprach. «Es wäre abwegig zu glauben, dass wir wegen so einer Aussage innerhalb einer Woche eine Tageszeitung einstellen», so Dorer.

Bundi will klarstellen, dass der Bund sich hier nicht einmischt: «Es ist den Verlagshäusern, für die das Geschäftsmodell mit Gratisangeboten und Werbung weiterhin aufgeht, selbstverständlich unbenommen, dabei zu bleiben», sagt sie. Viele Verlage seien aber in einer anderen Situation – sie seien darum inzwischen auch im Online dazu übergegangen, einen Teil der journalistisch recherchierten Texte wieder kostenpflichtig zu machen beziehungsweise einer Bezahlschranke zu unterstellen, weil sie ihre Angebote sonst nicht mehr finanzieren könnten.

 

 


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Lorenzo Ancona
30.11.2018 12:57 Uhr
Man sieht im Internet problemlos, dass Sie CVP-Mitglied sind, Herr Custer. Für mich ist es kein Problem, was Doris Leuthard gesagt hat, egal ob sie das als Privatperson, als Bundesrätin oder als "Verlegerin" tat. Aber: Eine Bundesrätin darf nicht erstaunt sein, wenn ihr Gedankenspiel aufgenommen wird, wenn sie dies vor Hunderten Journalisten kundtut. Und ergo sollte auch das CVP-Umfeld dies akzeptieren.
Ueli Custer
30.11.2018 08:35 Uhr
Da sieht man wieder einmal, wie man mit unzulässigen Verkürzungen Fake News produziert. So wie sie zitiert wurde, wurde der Eindruck erweckt, dass sie diese Aussage als Bundesrätin gemacht habe. Das Video zeigt aber, dass sie die Aussage auf eine konkrete Frage machte, was sie als Verlegerin machen würde. Ein wesentlicher Unterschied.
Kommentarfunktion wurde geschlossen
Neue Podcast-Folge: Jetzt reinhören