31.10.2015

Oli Dischoe

"Journalisten haben viel zu viel Zeit für irrelevanten Grümpel"

Der frühere Radio 1-Chefredaktor ist nun Praktikant bei der "Kathmandu Post" in Nepal.
Oli Dischoe: "Journalisten haben viel zu viel Zeit für irrelevanten Grümpel"

Bis vor einigen Monaten war Oli Dischoe Chefredaktor von Radio 1. Nun arbeitet er als Praktikant bei der "Kathmandu Post" in Nepal. Was zieht den 32-Jährigen in die Ferne und weshalb kommt er zum Schluss, Schweizer Medien würden zu viel "Schrott" produzieren?

Herr Dischoe, Sie arbeiten zurzeit als Praktikant bei einer Zeitung in Nepal. Weshalb beginnen Sie nochmals von vorne?
Die meisten meiner Mitarbeiter hier wissen nicht, dass ich Chefredaktor war. Das spielt auch keine Rolle. Es tut mir gut, mich einfach mal wieder unterzuordnen.

Sie schreiben für die "Kathmandu Post", eine englischsprachige Zeitung in der Hauptstadt Nepals. Wie ist es dazu gekommen?
Ich wollte etwas anderes machen, aus dem Alltagstrott ausbrechen. Deshalb habe ich mich bei der Journalistenschule Maz um ein Auslandspraktikum beworben.

Nach Ihrer Kündigung bei Radio 1 gingen Sie aber zuerst für drei Monate nach Budapest.
Meine Familie stammt ursprünglich aus Ungarn. Das hat mich sehr lange nicht sonderlich interessiert. In den letzten Jahren hat sich aber der Wunsch verstärkt, mehr darüber herauszufinden, woher ich komme. Mit diesem Ziel ging ich nach Budapest. Es war eine Wurzelsuche.

Haben Sie Ihre Wurzeln gefunden?
Es war ein wichtiger erster Schritt. Meine Suche ist aber noch nicht abgeschlossen. Dieses Thema wird mich weiter beschäftigen. Für mich war es wichtig zu merken, dass ich – obwohl ich in der Schweiz geboren und aufgewachsen bin – auch noch eine andere Heimat habe. Diese Heimat habe ich gefunden.

Wie blicken Sie von der Ferne auf die Schweizer Medien?
Wenn ich ab und zu Schweizer Medien konsumiere, muss ich mir oft an den Kopf fassen. Dieser irrelevante Bullshit! So viel ist einfach nur Schrott, das geht nicht mal als Unterhaltung durch. Obwohl alle Redaktionen sparen müssen, haben offenbar noch viel zu viele Journalisten viel zu viel Zeit für irgendwelchen irrelevanten Grümpel. Ich glaube, es ist wichtig, immer wieder über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Es ist wichtig, sich immer wieder aus dem bekannten Umfeld zu lösen. Auszubrechen.

War Ihre Reise eine Flucht vor dem Schweizer Mediensystem?
Nein. Es gibt viele wahnsinnig gute Journalisten in der Schweiz. Es gibt auch viele sehr gute Publikationen. Ich sagte nicht: Hilfe, ich muss weg. Ich komme sehr wahrscheinlich auch wieder zurück in die Schweiz. Aber ich bin überzeugt: Manchem Zürcher würde es nur schon gut stehen, mal auf Basel zu reisen oder ein Wochenende in Genf zu verbringen. Einfach mal aus dem eigenen Stadtkreis rauskommen.

Was wollen Sie von Nepal mit nach Hause nehmen?
Dinge in der richtigen Relation zu sehen – auch als Journalist. Ganz ehrlich: Ich frage mich, ob es überall einen Liveticker braucht, wenn ein FA-18 abstürzt, der Pilot aber überlebt. Ist das wirklich relevant? Schweizer Medien sind momentan sehr gut darin, ihre eigene Relevanz abzuschaffen. Das macht mir Sorgen. Alle rennen irgendwelchen Hypes nach, die kurz darauf wieder vergessen sind. Hier in Nepal gibt es ganz andere Probleme. Hier gibt es relevante Probleme. Für viele geht es ums Überleben. Diese Einstellung möchte ich mitnehmen.

Im April wurde die Region von einem schweren Erdbeben getroffen. Was ist heute davon noch sichtbar?
Es ist schwer zu sagen, wie sehr das Land durch das Erdbeben zurückgeworfen wurde. Nepal ist sowieso schon eines der ärmsten Länder der Welt – das ärmste Land ausserhalb Afrikas. Von meinem Zimmer aus sehe ich Geröllhalden, Berge von Bachsteine rumliegen. Wenn ich mit Nepali spreche, sagen mir alle: Das Erdbeben reiht sich ein in eine Serie von Ereignissen, die das Land zurückwerfen.

Dann sind die Erdbebenschäden momentan nicht die dringendsten Sorgen?
Die Menschen hier sagen, das Unglück passe eigentlich zur Geschichte des Landes. Kaum ist etwas Schlimmes vergessen, passiert das nächste Unglück. Aktuelle Sorgen sind die neue Verfassung, die neue Regierung, die Unruhen im Süden und die Handelsblockade durch Indien. Dies führt aktuell zu einem akuten Treibstoffmangel.

Bei der Zeitung sind Sie für die Meinungsseite mitverantwortlich. Das erfordert recht hohe Englischkenntnisse. Klappt das gut?
Das ist für mich eine riesige Herausforderung. Es klappt aber meistens gut. Ausserdem habe ich auch Hilfe: Wir sind zu dritt im Team und ich habe mit Darshan Karki, eine der wichtigsten Meinungsmacherinnen in Nepal, eine super Chefin. Da lerne ich auch wahnsinnig viel über das Land, die Kultur und die Menschen.

Ihr Praktikum wurde vom Maz in Zusammenarbeit mit der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) angeboten. Was bedeutet diese Zusammenarbeit?
Durch die Zusammenarbeit kann ich die Arbeit der Schweizer Vertretung kennenlernen. Ich konnte auch ein Interview mit dem Schweizer Botschafter machen für Schweizer Radios. Dabei gehe ich der Frage nach, wie die Lage ein halbes Jahr nach dem Erdbeben ist, ob das viele Geld die Bevölkerung erreicht hat. Die offizielle Schweiz hat etwa dreissig Millionen Franken gesprochen. Das ist viel Geld. Ich kann jetzt schon sagen: Von der internationalen Hilfe ist das Geld noch lange nicht überall und in jedem Fall am gewünschten Ort angekommen.

Darüber haben Sie für Radio 1 berichtet. Sind diese Beiträge Teil eines Deals zwischen Ihnen, dem Maz und der Deza?
Es gibt keinen Deal. Ich habe nicht unterschrieben, dass ich über etwas berichten muss.

Sie haben Arbeitgeber, Medium, Funktion und Land gewechselt: Was prägt am meisten?
Wenn ich hier aus dem Haus gehe, muss ich darauf achten, wo ich hintrete. Es gibt Trottoirs, aber die sind kaputt – nicht erst seit dem Erdbeben. Ich muss aufpassen, dass ich nicht auf tote Ratten stehe. Es ist hier so vieles nicht selbstverständlich. Da ist zum Beispiel die Elektrizität: Wir haben täglich mehrere Stunden Strompause. Ich vermisse das saubere Leitungswasser oder auch einfach mal eine Frucht zu kaufen und direkt reinzubeissen.

Interview: Boas Ruh, Bilder: zVg


Oli Dischoe hat seine journalistische Laufbahn 1997 bei Radio 24 begonnen. Er arbeitete bei Radio Z, Radio Top, Radio 24 und Radio 1, wo er von 2013 bis 2015 als Chefredaktor tätig war. Seit Ende September absolviert der 32-Jährige ein Maz-Auslandstage in Kathmandu, Nepal. Er und andere Stagiaires schreiben in einem Blog über ihre Erlebnisse.


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