09.01.2023

Republik

«Menschen benötigen Selbstwirksamkeit»

Das Onlinemagazin startet am Dienstag das Klimalabor. Gemeinsam mit den Leserinnen und Lesern will die Republik herausfinden, wie man dem Thema Klimakrise gerecht werden kann. Initiant Elia Blülle über konstruktiven Journalismus, die Abgrenzung zu Aktivismus sowie über das Budget.
Republik: «Menschen benötigen Selbstwirksamkeit»
«Unser Ziel ist es, aus dem Klimalabor eine Form von Journalismus zu entwickeln, die in ihrer Dringlichkeit und Ambition der Klimakrise gerecht wird», so Elia Blülle, Redaktor der Republik und Initiant des Klimalabors. (Bild: Nick Lobeck)
von Christian Beck

Herr Blülle, können Sie mir kurz und knapp den Unterschied zwischen Wetter und Klima erklären?
Schauen Sie aus dem Fenster: Das ist das Wetter. Schauen Sie die Wetterstatistiken der letzten Jahrzehnte an: Das ist das Klima.

Ich fragte deshalb: Immer, wenn es wieder ein paar Tage eisig kalt wird, liest man in den sozialen Medien, dass es die Klimaerwärmung ja gar nicht gäbe. Nerven Sie solche Aussagen?
Seit ich mich erinnern kann, fahre ich Ski. Über Neujahr war ich im Engadin, wo viele Skilifte und Loipen geschlossen blieben, weil der Schnee fehlte. So etwas habe ich in fast 30 Jahren noch nie erlebt. In den sozialen Medien habe ich primär Bilder von braunen Pisten gesehen. Natürlich gibt es dann noch einige, die behaupten, das hätte alles nichts mit der Klimaerwärmung zu tun. Die Kohlelobby, Öl- und Gaskonzerne streuen seit Jahrzehnten wissentlich falsche Informationen, um die Dekarbonisierung zu blockieren. Besonders auf Twitter haben die Aktivitäten von Bots, die Fehlinformation verbreiten, gerade wieder signifikant zugenommen. 

Am Dienstag startet die Republik mit dem Klimalabor (persoenlich.com berichtete). Was wird passieren?
Ab Dienstag steht das Klimalabor allen offen – natürlich den Verlegerinnen der Republik, aber auch allen anderen. Es geht uns in den ersten Wochen zunächst darum, möglichst viele, möglichst unterschiedliche Menschen zusammenzubringen, die mit uns über die Zukunft reden wollen und darüber, wie Journalismus seiner Rolle in der Klimakrise gerecht werden kann. Per Newsletter werden wir etwa alle ein bis zwei Wochen über den Stand des Projekts informieren und darüber, wie sich die Leute einbringen können. Wir starten mit einem Fokus darauf, wie wir es schaffen können, trotz aller Krisen und düsteren Prognosen zuversichtlich in die Zukunft zu blicken.

«Wir wollen mehrere Tausend Personen mit unterschiedlichen Hintergründen und Perspektiven zusammenbringen»

Mitte Dezember sagte Republik-Co-Geschäftsführerin Katharina Hemmer in einem persoenlich.com-Interview, dass sich bereits 1500 Personen für den Newsletter eingeschrieben hätten. Welches Ziel für die Anzahl der Newsletter-Empfängerinnen und -Empfänger haben Sie definiert?
Wichtiger als die Anzahl der Newsletter-Empfänger ist, wie viele Menschen sich aktiv am Klimalabor beteiligen. Wir wollen mehrere Tausend Personen mit unterschiedlichen Hintergründen und Perspektiven zusammenbringen. Ausserdem muss es uns gelingen, viele Menschen davon zu überzeugen, den Journalismus der Republik mitzufinanzieren und als Verlegerinnen an Bord zu kommen, damit wir langfristig in klimarelevanten Journalismus investieren können.

Und welche Zielgruppe haben Sie im Visier?
Menschen, die sich mit der Klimakrise auseinandersetzen – und nach Orientierung suchen.

Streben Sie auch die Märkte Österreich und Deutschland an?
Unser Fokus wird erst einmal auf der Schweiz liegen. Aber es wäre absurd, bei einer Krise wie der Klimaerwärmung an der Landesgrenze haltzumachen.

Ein grosser Erfolg für die Republik war der Corona-Newsletter. Was haben Sie daraus gelernt?
Dass brauchbare Informationen, freundlich und empathisch vermittelt, sehr geschätzt werden.

Katharina Hemmer sagte auch, dass die Republik wissen wolle, «was die Leserinnen und Leser von uns brauchen im Bereich Klima». Machen Sie es sich nicht etwas einfach damit?
Wir machen Journalismus für unsere Leserinnen und Leser. Also ist es doch nur logisch, dass wir direkt von ihnen erfahren möchten, was sie bewegt und welche Bedürfnisse sie haben. Die Republik ist damit immer gut gefahren.

Und trotzdem: Sie lagern die Denkarbeit aus. Glauben Sie daran, dass sie genügend Leute mobilisieren können, um hier aktiv mitzuarbeiten?
Jein. Wir glauben tatsächlich, dass wir vielfältigeren Klimajournalismus nur entwickeln können, wenn wir uns von Anfang an öffnen und viele unterschiedliche Menschen dazu bewegen, ihre Ideen, ihre Expertise, ihre Bedürfnisse mit uns – und untereinander – zu teilen. Das heisst aber nicht, dass wir uns aus der Pflicht nehmen. Aus all diesen Anregungen ein Angebot zu entwickeln, das zur Republik passt und nachhaltig bestehen kann, liegt letztlich in unserer Verantwortung. 

Sie werden also ausschliesslich Informationen liefern, die die Leserschaft will?
Nein. Wir erwarten auch gar nicht, dass uns die Leute genau sagen können, was sie wollen. Wir möchten verstehen, in welchen Situationen sie zusätzliche Orientierung benötigen: Wollen sie wissen, wie sie selbst einen Unterschied machen können? Möchten sie in Diskussionen bessere Argumente zur Hand haben? Suchen sie den Austausch mit Menschen, die ganz anders von der Klimakrise betroffen sind als sie selbst? Was brauchen sie, um selbst aktiv zu werden? Wenn man möchte, kann man das konstruktiven Journalismus nennen.

«Ich glaube nicht, dass die vielen News-Resignierten faul sind, sondern eher hilflos und überfordert»

Konstruktiver Journalismus basiert auf lösungsorientierten statt negativen Nachrichten. Ist Klimajournalismus bisher zu negativ?
Konstruktiver Journalismus wird oft missverstanden als Happy-Clappy-Hippie-Berichterstattung. Darum geht es aber nicht. Es ist unsere Aufgabe als Journalisten und Journalistinnen, die Wirklichkeit mit all ihren Facetten abzubilden – insbesondere den unangenehmen. Konstruktiver Journalismus hört aber nicht da auf. Er benennt klar: Okay, wir haben hier ein grosses Problem. Und fragt dann: Was jetzt? Wie lösen wir das gemeinsam? Menschen benötigen Selbstwirksamkeit, das ist für eine Demokratie essenziell. Ansonsten werden sie ohnmächtig. Ich glaube nicht, dass die vielen News-Resignierten faul sind, sondern eher hilflos und überfordert.

«Wir können die negativen Folgen des Klimawandels nicht ausblenden», sagte Sabrina Weiss in einem persoenlich.com-Interview. Sie ist Mitgründerin des Klimanetzwerks Schweiz – wie Sie auch. Wie kann man also auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam machen, ohne negativ zu wirken?
Ich stimme meiner Kollegin zu. Wie zuvor besprochen: Es bleibt die Aufgabe des Journalismus, Kritik an der Macht zu üben, staatliches Handeln zu kontrollieren, die Wirklichkeit abzubilden. Unsere Leserinnen und Leser muss man nicht beschützen vor Negativem. Im Gegenteil. Bisher ist es nicht gelungen, die Dringlichkeit zu vermitteln. Noch immer verstehen viel zu wenig Leute, insbesondere auch in Entscheidungs- und Machpositionen, wie drastisch die Krise ist. Und um ganz ehrlich zu sein: Bis vor zwei, drei Jahren war das auch bei mir nicht viel anders.

Und wie könnte lösungsorientierter Klimajournalismus nun aussehen? Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Meine Eltern werden bald pensioniert, besitzen ein altes Haus, das sie mit Erdöl heizen. Sie haben nicht viel Geld auf der Seite und sie werden das Haus in den nächsten Jahren wohl auch verkaufen. Ihr Anreiz, jetzt alles zu sanieren und umzubauen, ist klein. Viele Menschen in ihrem Alter stehen vor ähnlichen Fragen – und oft fehlt schlichtweg das Wissen, was man eigentlich alles tun kann, ohne sich dabei massiv zu verschulden. Ich plane einen Artikel, in dem ich versuche, mit Expertinnen herauszufinden, wie man das Haus möglichst schnell und günstig sanieren kann – und frage, ob das alte Einfamilienhaus überhaupt noch eine Zukunft hat und die heutigen politischen Anreize ausreichen. Spoiler: Alles gar nicht so einfach.

Das Klimalabor soll mehr sein als ein regelmässig erscheinender Newsletter. Geplant sind auch Events. Was muss ich mir da vorstellen?
Am 27. Februar wird es im Kraftwerk in Zürich die erste Veranstaltung des Klimalabors geben. Es soll eine Gelegenheit sein, sich inspirieren zu lassen und sich mit anderen Menschen auszutauschen, die der Klimakrise etwas entgegensetzen wollen. Wir planen auch Workshops in kleinerem Rahmen und Online-Events, das hängt aber auch noch stark davon ab, was sich die Leute vom Klimalabor wünschen. 

«Als Journalist gehe ich neugierig durch die Welt»

Sie als Journalist werden also auch zum Aktivisten? Oder wo ziehen Sie hier die Grenzen?
Es hat System, dass man diese Frage nur Journalisten und Journalistinnen stellt, die sich mit der Klimakrise befassen – und nicht jenen, die seit Jahrzehnten fern jeglicher wissenschaftlicher Evidenz die Krise verharmlosen oder offensichtliche Scheinlösungen propagieren. Als Journalist gehe ich neugierig durch die Welt – unabhängig, ohne dass ich mich dabei instrumentalisieren lasse. Solange ich mich an diese Prinzipien halte und Wahrheiten nicht weglasse, nur weil sie nicht in mein Weltbild passen, bin ich ein Journalist. Wer hingegen heute die Klimakrise als Dimension in seiner Berichterstattung nicht mitdenkt, hat in seinem Job versagt.

Und glauben Sie wirklich, etwas bewegen zu können, wenn künftig ein paar Dutzend, im Idealfall ein paar Hundert Klimalabor-Leserinnen und -Leser zusammensitzen und diskutieren, wie sie die Welt retten wollen?
Wenn wir nur zusammensitzen würden, sicher nicht. Wir wollen im Verlauf des Klimalabors viel ausprobieren und immer wieder das liefern, was wir unter gutem Klimajournalismus verstehen. Eines ist klar: Weitermachen wie bisher können wir uns nicht leisten, in keiner Branche – auch nicht im Journalismus. Und deshalb gehen wir neue Wege. Wir sind aber auch überzeugt, mit gutem und nützlichem Journalismus bei der Republik noch mehr Leserinnen erreichen zu können als bisher. 

In Ihrem Team sind auch Theresa Leisgang und David Bauer, der das Projekt Klimalabor leitet. Sie hatten die Idee dazu. Wie teilen Sie sich untereinander auf?
Wir sind ein kleines Team und es gibt viel zu tun, das bedeutet, dass alle alles machen, von Konzeptarbeit, Planung, Texte schreiben, Geschichten recherchieren, Events organisieren, Social Media und so weiter. David sorgt als erfahrener Projektmanager dafür, dass wir unsere Ziele nicht aus den Augen verlieren. Theresa hat einen Fokus auf Community-Aufbau. Ich selbst konzentriere mich primär weiterhin auf die journalistische Arbeit. Und natürlich ist darüber hinaus auch das ganze Republik-Team daran beteiligt. 

Der Klimalabor-Newsletter kostet nichts. Wie finanzieren Sie sich?
In der Projektphase, das heisst bis im Sommer 2023, ist das Klimalabor aus dem laufenden Budget und den laufenden Einnahmen der Republik finanziert.

Von welcher Budget-Grössenordnung sprechen wir hier?
Rund 200'000 Franken.

Und dann, wenn im Sommer das Geld aufgebraucht ist: Wie geht es weiter?
Zum Projektauftrag gehört auch eine langfristige Finanzierungsstrategie – wie alles bei der Republik, muss sich auch dieses Projekt letztlich rechnen. Wir sind ein privatwirtschaftliches Unternehmen. Das heisst, wir müssen bis im Sommer genügend Leute von unserer Idee überzeugen, die für guten Klimajournalismus bei der Republik bezahlen wollen. Da wir das Angebot mit unseren Leserinnen und Lesern gemeinsam entwickeln, sind wir aber positiv gestimmt. Derzeit halten wir für eine Startfinanzierung auch nach Drittmitteln Ausschau und sind mit interessierten Geldgebern in Kontakt. Im Moment ist aber noch nichts spruchreif.

Wie sieht Ihre Vision aus: Wo steht das Klimalabor in einem Jahr – oder dann in fünf oder zehn Jahren?
Unser Ziel ist es, aus dem Klimalabor eine Form von Journalismus zu entwickeln, die in ihrer Dringlichkeit und Ambition der Klimakrise gerecht wird. Etwas, von dem viele Menschen sagen, dass es sie wirklich weiterbringt – und etwas, das auch andere Medien und Journalistinnen inspiriert.



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