26.03.2023

CS-Krise

Premium-Content auf dem Silbertablett

Wer lesen will, was im Inneren von CS und UBS abläuft, kommt nicht um Financial Times und Bloomberg herum. Das geht auch auf Deutsch und gratis bei SWI Swissinfo.ch und cash.ch. Dagegen harzt es mit dem Übersetzen von Beiträgen aus Schweizer Medien für ein internationales Publikum.
CS-Krise: Premium-Content auf dem Silbertablett
Weiss oft schon vor anderen Medien, was sich im Inneren der Banken abspielt: Financial Times. (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)
von Nick Lüthi

Sie zählen zu den meistzitierten ausländischen Medien in der hiesigen Berichterstattung zur CS-Krise. Die Namen der britischen Tageszeitung Financial Times und des New Yorker Finanzinformationsdienstleisters Bloomberg tauchen regelmässig in Beiträgen von Schweizer Medien als Quellen auf.

Besonders grosse Aufmerksamkeit erhielt Anfang letzter Woche ein langes Lesestück der Financial Times, das die Vorgeschichte des CS-Verkaufs detailreich und abgestützt auf zahlreiche Gespräche mit CS- und UBS-Insidern nacherzählt. Viele Redaktionen zitierten passagenweise daraus, andere paraphrasierten die Recherche gleich komplett. Das Wirtschaftsblatt bot nur Stunden nach dem denkwürdigen Entscheid schon Einblicke, die andere nicht (oder noch nicht) hatten.

FT-Chefredaktorin Roula Khalaf erklärte gegenüber dem Westschweizer Radio RTS zur Entstehung, dass ihre Redaktion seit jeher nahe dran war an den Schweizer Banken. Auch für die grosse CS-Geschichte «hatten wir überall Quellen, das heisst auf beiden Seiten, und deshalb konnten wir diesen Artikel so schreiben», sagt Khalaf im RTS-Interview. Und: «Für jede Information hatten wir mindestens drei Quellen.»

52 FT-Artikel pro Jahr auf Swissinfo

Wer das Original lesen will, kann das entweder gegen Bezahlung und in englischer Sprache auf ft.com tun – oder aber gratis auf SWI swissinfo.ch. Das internationale Medienhaus der SRG übernimmt seit 2014 pro Jahr bis zu 52 Artikel der Financial Times, sofern diese einen Bezug zur Schweiz haben und international relevant sind, und übersetzt sie in bis zu zehn Sprachen. Wenn sich nicht gerade die CS in der Krise befindet, bringt swissinfo.ch regelmässig Artikel aus der Financial Times, die sich internationalen Konzernen mit Sitz in der Schweiz widmen – was nicht selten auch UBS und CS sind.

«Am Montag haben wir schnell gesehen, dass wir diese Geschichte der Financial Times zur CS-Krise übernehmen wollen», sagt swissinfo.ch-Chefredaktor Mark Livingston im Gespräch mit persoenlich.com. Schon kurz nach der Veröffentlichung bei der Financial Times stand das englischsprachige Original ohne Paywall auf swissinfo.ch. Seither hat die Redaktion das 13'000-Zeichen-Stück auf Deutsch, Französisch, Italienisch, Russisch, Japanisch und Chinesisch übersetzt.

Deutsche Version nur mässig beachtet

«Das Original läuft sehr gut und war ab der Veröffentlichung der meistgelesene englischsprachige Artikel auf unserer Seite», sagt Mark Livingston. Die deutsche Übersetzung hingegen fand zwar auch Beachtung, doch brachte es trotz Exklusivität und freier Zugänglichkeit nie an die Spitze. Das mag an der internationalen Ausrichtung von swissinfo.ch liegen und daran, dass sich das heimische Publikum anderswo informiert.

Praktisch zeitgleich wie die Financial Times am Montag ihre Recherche zum Untergang der CS veröffentlichte, lieferte auch Bloomberg ein Protokoll der letzten Tage der Grossbank, basierend «auf Gesprächen mit mehr als drei Dutzend Bankern, Beratern, Aktionären und Kunden der Credit Suisse». Auch die Bloomberg-Recherche findet sich auf Schweizer Medienportalen frei zugänglich und auf Deutsch übersetzt. Swissinfo.ch hat den englischsprachigen Agenturdienst von Bloomberg abonniert und bringt diese Meldungen in einer eigenen Rubrik, darunter auch grosse Stücke wie den CS-Abgesang. «Wir stellen diese Artikel aber nicht besonders ins Schaufenster», sagt swissinfo.ch-Chefredaktor Livingston, «zumal wir uns vor allem auf starke Hintergrundgeschichten fokussieren». Die Bloomberg-Business-Meldungen kommen mehr wie ein Ticker daher.

Attraktiver als Swissinfo bereitet Cash.ch die Meldungen von Bloomberg auf. Die Chronik der letzten Tage der Credit Suisse platzierte das Finanzportal von Ringier Axel Springer gross als Aufmacher mit Bild. Was auffällt: Keine andere Schweizer Redaktion veröffentlicht so viele Bloomberg-Nachrichten wie Cash.ch. Entsprechend präsent sind die Agenturmeldungen nun auch in der Berichterstattung zur CS-Krise. «Als kostenfreies Reichweitenportal mit einer vergleichsweise kleinen Redaktion nutzen wir das Angebot von Bloomberg wohl konsequenter als andere», sagt Cash.ch-Chefredaktor Daniel Hügli, der selber einmal als Reporter in Zürich für den Wirtschaftsinformationsdienst gearbeitet hatte.

«Leute kommen nicht wegen Bloomberg»

Dass sich Cash.ch dank Bloomberg einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz verschafft, glaubt er aber nicht. «Die Leute kommen nicht zu uns, weil sie bei uns Meldungen von Bloomberg finden, sondern weil sie wissen, dass sie schnell und sauber informiert werden», sagt Hügli im Gespräch mit persoenlich.com. Für die Publikumsbindung schadet es aber sicher nicht, auf eine verlässliche und gut informierte Nachrichtenagentur zu setzen. «Cash.ch verzeichnet einen hohen Anteil an Direct Traffic, ein Hinweis auf treue Leserinnen und Leser, die immer wieder zu uns kommen», so Hügli weiter.

Während Swissinfo und Cash.ch einem deutschsprachigen Publikum die Lektüre von Financial Times und Bloomberg ermöglichen, gibt es auch Bemühungen in die andere Richtung: Das englischsprachige Publikum soll Zugang zur schweizerischen Berichterstattung erhalten. Federführend wirkt hier SWI swissinfo.ch mit seinem Auftrag fürs Ausland. Neben den eigenen Artikeln in zehn Sprachen für ein an der Schweiz interessiertes Publikum bietet sich swissinfo.ch auch als Plattform für Dritte an. In erster Linie handelt es sich dabei um die SRG-Geschwister SRF, RTS und RSI, deren Beiträge SWI swissinfo.ch punktuell übersetzt.

«Wünschen mehr Austausch mit Verlagen»

Doch SWI swissinfo.ch bemüht sich unter Chefredaktor Livingston vermehrt auch um Beiträge privater Medien, die sie übersetzen und einem globalen Publikum zugänglich machen können. So durfte swissinfo.ch im Februar ein Interview mit Michail Chodorkowski vom Blick übernehmen und übersetzen, unter anderem auf Russisch und Ukrainisch. Im Gegenzug bot swissinfo.ch eine Auslandschweizer-Reportage dem Blick zur Veröffentlichung an. «Einen solchen Austausch würden wir uns auch mit weiteren Verlagen wünschen», sagt Mark Livingston. Bisher gingen sie auf die Redaktionen zu, wenn sie einen Beitrag sahen, den sie einem internationalen Publikum zugänglich machen wollten. «Im Inland ist noch zu wenig bekannt, dass wir den Zugang zum globalen Publikum schaffen können», sagt Mark Livingston. Eine Konkurrenz sei das ja nicht. Tatsächlich unternehmen Schweizer Medien nur wenig, dass man sie auch weltweit wahrnimmt.

Selbst die NZZ, die man ausser Landes am ehesten noch kennt und als kompetent wahrnimmt, hat in der ersten Woche nach dem CS-Verkauf keinen Artikel in der Rubrik NZZ in English veröffentlicht. «Aufgrund der redaktionellen Prozesse zur Übersetzung kann nicht immer eine Tagesaktualität gewährleistet werden», erklärt Unternehmenssprecherin Karin Heim auf Anfrage. Ein fürs Wochenende angekündigter Artikel zur CS-Krise auf Englisch stand bis Sonntagabend noch nicht online.



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Kommentare

  • Erich Heini, 28.03.2023 12:46 Uhr
    Bei der Analyse ist die NZZ viel besser. Die 'FT' und 'Bloomberg' konnten sich in der Berichterstattung profilieren, weil sie mitten aus den Verhandlungen mit Informationen gefüttert wurden.
Kommentarfunktion wurde geschlossen

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