Jessica Peppel-Schulz, Tamedia strukturiert sich neu: Print und Digital werden getrennt, künstliche Intelligenz (KI) wird zur zentralen Einheit, ein Chefredaktionsposten wird neu besetzt (persoenlich.com berichtete). Was ist der Kern dieser Transformation?
Der Kern ist Fokus und Zukunftsfähigkeit. Wir richten Tamedia konsequent auf eine Medienrealität aus, die sich strukturell verändert hat – in Nutzung, Erlösmodellen und Technologie. Wir leben heute in einer anderen Realität. Unser Ziel ist es, Qualitätsjournalismus langfristig unabhängig zu sichern. Dafür brauchen wir klare Verantwortlichkeiten, weniger Komplexität und schnellere Entscheidungswege.
Warum erfolgt die organisatorische Trennung von Print und Digital gerade jetzt?
Unser oberstes Ziel ist es, unsere Leserschaft mit unseren Inhalten und Produkten tagtäglich immer wieder neu zu begeistern. Nun ist es aber so, dass die beiden Zielgruppen Print und Digital sehr verschieden sind in ihren Bedürfnissen. Das ergibt sich schon allein aus den demografischen Unterschieden der jeweiligen Leserschaft. Dem wollen wir mit der organisatorischen Trennung stärker als zuvor gerecht werden. Print bleibt wirtschaftlich relevant, folgt aber einer Stabilitäts- und Effizienzlogik, während Digital Wachstum, Innovation und Tempo verlangt. Diese Unterschiede lassen sich organisatorisch besser abbilden, wenn man sie klar trennt.
«Print ist weiterhin ein zentraler Ertragspfeiler»
Bedeutet diese Trennung, dass Print künftig zweitklassig behandelt wird – oder ist das gar der Anfang vom Ende für die gedruckten Ausgaben?
Nein, das Gegenteil ist der Fall. Print ist weiterhin ein zentraler Ertragspfeiler und erhält mit einem eigenen Geschäftsbereich erstmals eine klare, eigenständige Verantwortung. Ziel ist es, Qualität und Wirtschaftlichkeit langfristig zu sichern.
Sie wollen laut einer Mitteilung «das attraktivste digitale Bezahlangebot der Schweiz» schaffen. Was heisst das konkret – ganz ohne Marketingsprache?
Es heisst: Inhalte, für die Menschen bewusst bezahlen wollen. Also relevanter, einordnender und ausgewogener Journalismus, kombiniert mit Produkten, die einen Mehrwert bringen. Premium bedeutet für uns Differenzierung, Tiefe und Vertrauen – nicht Lautstärke oder Klickzahlen. Am Ende entscheidet das Publikum, ob wir diesen Anspruch einlösen.
Die vier digitalen Kernmarken – also Tages-Anzeiger, Basler Zeitung, Berner Zeitung und 24 heures – stehen im Fokus. Werden Titel wie Tribune de Genève oder Der Bund künftig nur noch im Print geführt?
Nein. Alle unsere Marken bleiben publizistisch relevant und Teil unseres Angebots. Die vier Kernmarken stehen im Zentrum des digitalen Wachstums, andere Titel behalten je nach Region und Nutzung ihre spezifische Rolle. Die Tribune de Genève und Der Bund haben ihre digitalen Heimaten, und in der Kombination gelingt es uns, die Reichweite auf den lokalen Inhalten zu steigern.
«AI & Data» wird direkt Ihnen unterstellt. Warum diese prominente Positionierung?
Weil künstliche Intelligenz kein isoliertes Technologieprojekt ist, sondern alle Bereiche betrifft. Sie beeinflusst Redaktion, Produkte, Vermarktung, HR, Finance und generell unsere internen Prozesse gleichermassen. Die direkte Verankerung stellt sicher, dass KI strategisch, koordiniert und verantwortungsvoll eingesetzt wird. Das ist eine Führungsaufgabe.
«KI ist ein Werkzeug, kein Absender»
Sie sagen, künstliche Intelligenz ermögliche «differenzierenden Journalismus». Was meinen Sie damit konkret?
KI kann helfen, Inhalte besser zu analysieren, Nutzungsmuster zu verstehen und Angebote gezielter auszuspielen. Das schafft Raum für relevantere Themen, tiefere Recherchen und neue Darstellungsformen. Die journalistische Entscheidung bleibt dabei immer menschlich. KI ist ein Werkzeug, kein Absender.
KI-Tools halluzinieren, erfinden Fakten. Wie sorgen Sie für Faktentreue im Journalismus?
Durch klare Regeln, transparente Abläufe und eindeutige Verantwortlichkeiten. KI unterstützt unsere Journalistinnen und Journalisten, ersetzt sie aber nicht. Inhalte werden grundsätzlich von Menschen geprüft, bevor sie veröffentlicht werden. Aber auch dort, wo Prozesse automatisiert sind, werden die Systeme von Menschen überwacht und bei Fehlern angepasst. So lauten unsere KI-Richtlinien. Wenn Inhalte in eng begrenzten Fällen ohne vorgängige Prüfung erscheinen, ist das klar gekennzeichnet. Unsere journalistischen Grundwerte – Wahrhaftigkeit, Ausgewogenheit, Sorgfalt und Transparenz – gelten unverändert. Faktentreue ist nicht verhandelbar; die Verantwortung liegt immer bei der Redaktion, nicht bei der Technologie.
Gibt es rote Linien beim KI-Einsatz – Bereiche, wo Sie bewusst darauf verzichten?
Ja. Entscheidungen über Relevanz, Bewertung, Haltung oder ethische Einordnung treffen immer Menschen. Auch die Verantwortung für Inhalte liegt ausschliesslich bei der Redaktion. Wo diese Prinzipien nicht gewährleistet sind, setzen wir KI nicht ein.
Marcel Rohr leitete die Basler Zeitung sieben Jahre. Auf ihn folgt Nina Jecker. Wie kam es zur Ablösung – seine Entscheidung oder jene von Tamedia?
Es war eine strategische Entscheidung, die wir gemeinsam getroffen haben. Marcel Rohr hat die BaZ über viele Jahre erfolgreich geführt – dafür danken wir ihm ausdrücklich. Und er bleibt als Senior Editor ja auch bei der BaZ. Für die nächste Phase möchten wir die Rolle nun neu ausrichten – mit Kontinuität im publizistischen Anspruch und modernen Technologien aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz.
In der Kommunikation wird bei Nina Jecker ihre KI-Expertise hervorgehoben. Ist das heute wichtiger als klassisches journalistisches Handwerk?
Nein. Klassisches journalistisches Handwerk bleibt die Grundlage unserer Arbeit. KI-Kompetenz ist aber eine zusätzliche Fähigkeit, die hilft, Qualität, Effizienz und Wirkung zu steigern. Entscheidend ist die Verbindung von journalistischer Erfahrung, Führungskompetenz und technologischer Offenheit.
«Der Stellenabbau schmerzt»
25 bis 30 Vollzeitstellen fallen weg. Wo genau – Redaktion, Management, Technik?
Der Abbau betrifft vor allem die kommerziellen Bereiche; die Redaktionen der vier Kernmarken sind nicht betroffen. Die Entscheidungen haben zudem nichts mit individueller Leistung zu tun, gewisse Rollen gibt es einfach bald nicht mehr. Der Stellenabbau schmerzt – jede verlorene Kollegin, jeder verlorene Kollege schmerzt. Besonders belastend ist es natürlich für die Betroffenen selbst, aber auch für die Teams und für das gesamte Tamedia-Management ist das schwierig. Wir müssen diese Verantwortung aber übernehmen, um Journalismus und Tamedia eine Zukunft zu geben. Umso wichtiger ist es, diese Schritte verantwortungsvoll, mit Respekt und Würde umzusetzen – und mit einem Sozialplan, der die Betroffenen bei den nächsten Schritten unterstützt und beispielsweise bei Frühpensionierungen von länger bei Tamedia tätigen Mitarbeitenden später die volle Rente vorsieht.
Sie investieren massiv in KI. Ersetzt KI hier also Mitarbeitende?
Nein. KI ersetzt keine Menschen, sondern unterstützt bei bestimmten Aufgaben. Sie hilft, Prozesse effizienter zu machen und Ressourcen gezielter einzusetzen. Der Stellenabbau ist eine Folge struktureller Marktveränderungen – nicht der KI-Investitionen. Wir investieren aber tatsächlich massiv, besonders in die Aus- und Weiterbildung unserer Mitarbeitenden, wenn es um KI geht. Dort setzen wir an.
Welche Konditionen bietet der Sozialplan für Betroffene?
Es kommt ein Sozialplan zur Anwendung, der weit über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinausgeht. Er umfasst finanzielle Leistungen, Unterstützung bei der beruflichen Neuorientierung und individuelle Beratung. Unser Anspruch ist ein fairer und respektvoller Umgang mit allen Betroffenen.
Sie sprechen von einer massiven Verschiebung der Werbegelder zu globalen Plattformen. Wie dramatisch ist die Situation konkret?
Die Entwicklung ist sehr deutlich, seit Jahren anhaltend, und ich finde sie sehr besorgniserregend. Ein grosser Teil des Werbemarkts fliesst heute zu internationalen Tech-Plattformen, während klassische Medien kontinuierlich verlieren. Das ist eine strukturelle Verschiebung, die alle Medienhäuser betrifft. Sie zwingt uns zu klaren, auch unbequemen Entscheidungen.
«Veränderung ist kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung dafür, dass Vielfalt überhaupt bestehen bleibt»
Kritiker sagen, der Sparkurs gefährde die Medienvielfalt in der Schweiz. Was entgegnen Sie?
Medienvielfalt ist nur dann nachhaltig, wenn sie wirtschaftlich tragfähig ist. Unser Ziel ist es, starke Marken und hochwertigen Journalismus langfristig zu sichern. Veränderung ist kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung dafür, dass Vielfalt überhaupt bestehen bleibt. Und wir sind sehr stolz darauf, dass es uns gelungen ist, so die Reichweite lokaler Inhalte zu steigern und den journalistischen Austausch zwischen Deutsch- und Westschweiz stark auszubauen.
Wie sieht Tamedia in fünf Jahren aus? Arbeiten da noch Journalistinnen und Journalisten – oder vor allem Techniker und Datenspezialistinnen?
Tamedia wird auch in fünf Jahren ein journalistisch geprägtes Unternehmen sein. Journalistinnen und Journalisten bleiben das Herz unserer Arbeit. Gleichzeitig werden technologische Kompetenzen wichtiger, um Journalismus besser, relevanter und zugänglicher zu machen. Es wird andere Rollen, neue Profile und neue Arbeitsweisen geben. Es geht um Ergänzung, nicht um Ersatz.
Und wann werden Sie selbst durch eine KI ersetzt?
Solange Führung Verantwortung, Abwägung und Haltung erfordert, sehe ich dafür keinen Zeitpunkt. KI kann analysieren und unterstützen, aber keine Entscheidungen im gesellschaftlichen Kontext treffen. Und falls sich das eines Tages ändert, werden wir auch diesen Wandel verantwortungsvoll gestalten.
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