04.03.2017

Matthias Ackeret

«Sind wir nicht alle manchmal ein bisschen Hochstapler?»

Der «persönlich»-Verleger und Chefredaktor hat mit «Eden Roc» seinen vierten Roman und damit sein siebtes Buch vorgelegt. Im Interview sagt der Autor, wer die Inspirationsquelle für seinen Romanhelden war, warum er sich ein Fernduell mit Max Frisch liefert und weshalb die Schauplätze keine Fake News sind.
Matthias Ackeret: «Sind wir nicht alle manchmal ein bisschen Hochstapler?»
«Eden Roc»-Autor Matthias Ackeret: «Der Leitfaden meines Buches lautet: Wie fest muss man sich tarnen, um die Wirklichkeit zu ertragen?» (Bild: Alberto Venzago)
von Christian Beck

Herr Ackeret, «Eden Roc» ist eine gute Investition. Man kriegt gleich zwei Bücher zum Preis von einem.

(lacht) Sie haben nicht ganz unrecht. Mein Hauptprotagonist, die Boulevard-Ikone Marcel du Chèvre, bekommt von einer ihm unbekannten Brett ein Manuskript mit dem Titel «Montauk zwei» zugesteckt. Es ist die Geschichte von Lynn, der ehemaligen Geliebten von Max Frisch, die sich nach dem Tod von Frisch noch einmal nach Montauk am nördlichen Ende von Long Island begibt. Dort will sie von Frisch Abschied nehmen, lernt dabei aber den Meeresbiologen Charles Hemingway kennen, mit dem sie eine neue Affäre beginnt.

Ist die Geschichte in der Geschichte einfach eine, die für einen eigenständigen Roman nicht gereicht hätte – oder war das Ihr Plan?

Vielleicht hätte es sogar für einen eigenständigen Roman gereicht. Lynn gibt es wirklich. Sie war die Hauptakteurin des besten Buches, das Max Frisch geschrieben hat: «Montauk». Ich bin sozusagen – obwohl es ein bisschen vermessen tönt – in ein Fernduell mit Frisch getreten. Neu ist aber die Kombination von Frisch und Hemingway. «Montauk» ist übrigens eines meines Lieblingsbücher. Nachdem ich es im Jahr 2000 erstmals gelesen habe, bin ich in den Flieger gestiegen, nach New York geflogen und mit dem Mietwagen nach Montauk gefahren. Es war kalt und stürmisch. Ich weiss also, wovon ich schreibe. Keine Fake News (lacht).

«Eden Roc» haben Sie Ihrem verstorbenen Freund Helmut-Maria Glogger gewidmet. Wie viel Glogger steckt in der Hauptfigur Marcel du Chèvre?

Marcel du Chèvre ist ein bisschen Glogger und auch nicht. Auf jeden Fall war Helmut-Maria, der ein grossartiger Journalist alter Schule war, die Inspirationsquelle für meinen Romanhelden. Glogger hat Marcel du Chèvre sehr gemocht. Und er hat auch das Manuskript von «Eden Roc» gekannt. Eine Woche vor seinem Tod haben wir noch darauf angestossen, dass es im Frühjahr, also jetzt, erscheinen wird.

Schon in Ihrem Roman «Elvis», der von den Medien sehr gelobt wurde, kam du Chèvre vor. Ist «Eden Roc» ein Fortsetzungsroman?

Nein. Als ich «Elvis» aber vor bald fünf Jahren beendet hatte, spürte ich, dass du Chèvre nochmals Stoff für eine Story gäbe. Mein Ziel war es, über die Hochstapler, wie wir sie alle ein bisschen sind, zu schreiben. Dabei führte mich die Erkenntnis: es gibt immer noch einen grösseren Hochstapler. Das unterscheidet den Menschen vom Tier. Der Leitfaden meines Buches lautet: Wie fest muss man sich tarnen, um die Wirklichkeit zu ertragen? Marcel du Chèvre hat seinem Verleger Manni M. in der Kronenhalle versprochen, ein Sachbuch mit dem Titel «Das Napoleon-Prinzip» zu schreiben. Weil er aber bereits bei der Zusage und der Übergabe des ersten Vorschusses wusste, dass ihm dies nie gelingen wird, flüchtete er ins legendäre Eden Roc an der Côte d’Azur. Um unterzutauchen, muss man nicht immer hässliche Orte suchen. Im Gegenteil.

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Mich erstaunt die Faktentreue. So zum Beispiel stimmen alle Details des Hotels Eden Roc. Waren Sie auf Recherche dort?

Ich glaube, es ist schon wichtig, dass man seine Akteure und Schauplätze kennt. Das Zürcher In-Restaurant Totò im Zürcher Seefeld, in welchem ein Grossteil der Story spielt, ist mir sehr vertraut. Ich habe in all meinen Romanen eine Zürcher Lokalität eingebaut: in «Hammermann» war es die Kronenhalle, in «Elvis» das Casa Aurelio an der Langstrasse. «Eden Roc» ist also auch ein Zürich-Roman, der in diesem Fall grossenteils in der Ferne – also an der Côte d’Azur, in Montauk, New York und Pamplona – spielt. Das Eden Roc an der Côte d’Azur kenne ich sehr gut. Ich war vor 15 Jahren während dem Werbefestival Cannes Lions erstmals dort. Eden Roc ist ein magischer Platz. Kurz bevor ich das Manuskript im vergangenen Sommer definitiv abgeschlossen habe, bin ich nochmals hin gegangen und musste feststellen, dass es in meiner Fantasie aber viel grösser ist als in Wirklichkeit. Das ist doch eine interessante Erfahrung.

Der omnipräsente Radiounternehmer, der Starfotograf aus dem Kreis 5, die witzige Grafikerin Corinne oder Herr Rö. Viele Figuren kennen Sie auch im echten Leben. Wie schafft man es in Ihre Bücher?

Indem man ein literaturgerechtes Leben führt (lacht). Ich versetze mich während des Schreibens so intensiv in meine Figuren, dass ich manchmal erstaunt bin, dass sie im reellen Leben auch danach handeln.

Gibt es auch erfundene Charaktere?

Die Hauptfiguren setzen sich immer aus mehreren Personen zusammen. Aber wenn Sie so fragen: Brett, die Hauptakteurin, ist ein Subjekt meiner Fantasie. Und Charles Hemingway, der Neffe des grossen Schriftstellers. Dort faszinierte mich der Name und sein Beruf: Charles Hemingway, Meeresbiologe (lacht). Wer so heisst, kann nur ein Hochstapler sein. Übrigens Lynn, die Hauptfigur aus «Montauk» von Frisch, gibt es wirklich. Sie lebt – soviel ich weiss – in den USA. Nur heisst sie anders. Dafür ist sie jetzt in zwei Romanen verewigt.

Und Sie selbst kommen auch vor? Ich tippe auf den Verliebten, der im Totò im Seefeld sitzt.

Sie sind ein guter Beobachter. Und in diesem Fall nicht falsch. Es war nur ein kleiner Wink.

Einerseits Faktentreue, dann angelehnte Figuren, aber auch frei erfundene Charaktere. Ein Wechselbad zwischen Fiktion und Realität. Bewusst?

Klar. Eine Geschichte muss spannend sein. Das ist doch das Hauptkriterium eines guten Romans. Es ist doch für den Leser unerheblich, wieviel Wirklichkeit in den einzelnen Figuren steckt. Während dem Schreiben habe ich die einzelnen Kapitel dem Schriftsteller Martin Walser, den ich gut kenne, zugemailt. Aus seinen SMS-Antworten spürte ich, dass die Geschichte funktionieren könnte.

Wie kommt man eigentlich auf so eine Geschichte?

Pathetisch würde ich sagen: die Geschichte kommt zu einem. Und wenn man sich lange mit ihr beschäftigt, sogar von selbst. Ich habe mit der Beschreibung von Marcel du Chèvre begonnen, wie er im Eden Roc eine unbekannte Schönheit namens Brett anstarrt. Das rief bereits nach einer Fortsetzung. Und dann als Gegenschnitt, wie Manni M. im Totò sitzt und verzweifelt seinen abtrünnigen Starautoren zu erreichen versucht. Dass ich einmal eine Story mit dem Namen «Montauk zwei» schreiben würde, war mir immer klar. Plötzlich hat sie reingepasst.

Hatten Sie das Ende von Beginn weg vor Ihrem geistigen Auge?

Ich wusste, dass Marcel du Chèvre am Ende zum weissen Floss mit der Aufschrift «Eden Roc» hinausschwimmen wird. Ich habe es getestet, es ist ein grandioses Lebensgefühl.

«Eden Roc» hätte früher erscheinen können. Das Manuskript lag lange in der Schublade. Warum?

Ich habe die erste Fassung kurz vor dem Kauf des «persönlich»-Verlages vor zweieinhalb Jahren beendet. Dann wurde ich plötzlich Verleger und hatte andere Sorgen. Im vergangenen Sommer hat mich der Basler Autor Claude Cueni, der meinen Roman «Elvis» sehr schätzte, gefragt, ob ich etwas Neues in der Pipeline hätte. Daraufhin habe ich ihm «Eden Roc» gemailt. Einen Tag später rief er mich an, ob er es seinem Verleger Manfred Hiefner vom Offizin-Verlag empfehlen dürfte. Ich sagte ja. Kurz danach hat mir Herr Hiefner den Vertrag zugeschickt.
 
Und liegt das nächste Manuskript bereits in der Schublade?

Ich war während des US-Wahlkampfes in Pennsylvania und habe Donald Trump gesehen. Das wäre vielleicht die Basis für einen guten Plot. Doch momentan ist die Realität viel besser als jegliche Fiktion. Da muss man auch resignieren können. 


«Eden Roc» von Matthias Ackeret ist in Buchhandlungen wie Orell Füssli oder fast sämtlichen Online-Shops erhältlich. Die Erstlesung findet am 15. März, 19 Uhr, im Sphères in Zürich statt (Moderation: Marc Jäggi, Radio 1). Weitere Lesungen: 2. April, 9.30 Uhr, «Erzählzeit ohne Grenzen», Werkgebäude, Laufen-Uhwiesen; Ostersonntag, 16. April, 20.30 Uhr, Hotel Hof Weissbad, Appenzell.



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