01.07.2019

Ringier

Software hilft Journalisten beim Storytelling

Bei der Blick-Gruppe nehmen Computer-Programme den Blattmachern künftig Arbeit ab. Die Storys der Journalisten können von den Chefs minutiös durchleuchtet werden. Derweil geht die Sorge um, dass Klickzahlen lohnrelevant sind.
Ringier: Software hilft Journalisten beim Storytelling
Das Programm «Apollo» liefert vertiefte Analysemöglichkeiten aller Artikel der Journalisten. (Bild: Ringier)
von Christian Beck

Die Blick-Gruppe hat seit Anfang Mai einen neuen Mitarbeiter: «Apollo». Er ist sozusagen eine Mischung zwischen Blattmacher, Controller und Supervisor. Konkret handelt es sich um ein Analyse-Tool, das dem Newsroom helfen soll, die Leser besser zu verstehen. Verantwortlich für die Einführung von «Apollo» sind gemäss Ringier-Medienstelle Katia Murmann, Chefredaktorin Digital Blick-Gruppe, und Peter Wälty, Geschäftsführer Digital Blick-Gruppe. Nachdem persoenlich.com Ringier mit Fragen zu «Apollo» konfrontiert hatte, will Wälty das nicht einfach am Telefon abhandeln. Er lädt zum einstündigen «Besichtigungstermin» an die Dufourstrasse nach Zürich ein. Zum ersten Mal erhält so ein Medium Einblick in «Apollo». Wältys Aussagen bleiben jedoch «Off the record». Die «On the record»-Antworten überlässt er Murmann.

Obwohl erst seit zwei Monaten im Einsatz, trage die Einführung des Programms bereits erste Früchte, sagt sie. «Zum ersten Mal sieht jeder Journalist in seinem persönlichen Dashboard, wie seine Geschichte gelesen wurde. Diese Transparenz führt dazu, dass wir im Newsroom viel mehr über Daten sprechen, sie sind fester Bestandteil bei jeder Sitzung. Damit reden wir auch mehr darüber, was die Leser wirklich interessiert», sagt die «Blick»-Digitalchefin, die im Projekt zuständig für die Umsetzung im Newsroom ist, zu persoenlich.com.

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Weniger ist mehr, das ist künftig die Devise beim «Blick». «Wir werden mit der analytischen Unterstützung von ‹Apollo› weniger nicht relevante und nicht performante Inhalte produzieren, und dafür mehr Geschichten mit hoher Qualität, die eine möglichst grosse Reichweite erzielen», so Murmann. Data-driven Journalism bedeute, zu wissen, für wen man was und mit welchem Effekt schreibe. «Das heisst, dass Entscheidungen nicht nur aus einem Bauchgefühl heraus, sondern im Wissen um deren Wirkung beim Leser getroffen werden. Unsere Journalisten bekommen mit Hilfe von ‹Apollo› eine Datenbasis zur Verfügung gestellt, aufgrund derer sie entscheiden können, in welche Richtung sie die Geschichte entwickeln oder ob es sich lohnt, diese Geschichte überhaupt zu machen», so Murmann.

Wie aber wird verhindert, dass sogenannter Pflichtstoff, der erfahrungsgemäss für weniger Reichweite sorgt – beispielsweise ein Entscheid einer Ständeratskommission –, trotzdem thematisiert wird? «‹Apollo› zeigt uns: Relevanz und Reichweite sind kein Gegensatz. Es kommt darauf an, wie wir die Inhalte machen», so Murmann. Es gelte aber auch der Grundsatz: «Wir ziehen Daten für jede Inhalts-Entscheidung bei – aber wir können natürlich auch gegen die Daten entscheiden, wenn uns etwas wichtig ist.» Das mache die Marke «Blick» aus. Klicks seien somit nicht die einzige Währung. «Wir möchten zukünftig einfach wissen, warum wir einen Artikel machen. Wenn die Antwort ist, weil es demokratierelevant ist oder zur DNA des ‹Blick› gehört, dann bringen wir den Artikel und die Klickzahlen spielen dann eine untergeordnete Rolle», sagt die Digital-Chefredaktorin.

Sorge um lohnrelevante Komponente

Im Ringier-Pressehaus geht derweil die Sorge um, dass «Apollo» einen Einfluss auf den Lohn haben könnte. Ein Insider sagt zu persoenlich.com, das Programm würde «aufgrund der Klickzahlen ein Ranking aller Mitarbeiter» erstellen. Die Ressortleiter würden Ende Jahr dann den Bonus aufgrund der Klickzahlen ihres Teams erhalten. «Finden wahrscheinlich alle mässig lustig», so der Insider weiter.

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Das weckt Erinnerungen. Wälty («James Bond des Onlinejournalismus»), seit letztem Jahr bei Ringier, sorgte 2017 für Schlagzeilen, als er bei der Tamedia-hauseigenen Nachrichtenagentur Newsexpress ein neues Bonussystem testete. Journalisten, die Meldungen besonders leserfreundlich aufbereiten, sollten einen Bonus bekommen. Nach Wältys Ankündigung auf persoenlich.com hagelte es Kritik, der «Beobachter» kürte seine Idee zur «Blamage der Woche» (persoenlich.com berichtete). «Der Test fand 2017 statt und wurde im selben Jahr im Rahmen der Neuorganisation des Newsdesk von ‹20 Minuten› beendet», sagt Tamedia-Sprecherin Nicole Bänninger heute auf eine entsprechende Anfrage von persoenlich.com.

Bei der Blick-Gruppe soll die lohnrelevante Komponente keine Rolle spielen. «So ein System ist nicht jetzt und auch nicht in Zukunft geplant», versichert Murmann.

Smarte Frontpage in Vorbereitung

Wie bei anderen Medienhäusern Usus, testet auch «Blick» bei ein und derselben Geschichte verschiedene Titelvarianten aus. Auf denjenigen Titel, der den grössten Traffic generiert, wird gesetzt. «Apollo», entwickelt vom US-amerikanischen Software-Hersteller Palantir, soll dabei bei der Auswertung helfen. Gibt es also künftig vermehrt stark zugespitzte Titel? «Wenn ein Titel etwas verspricht, was der Text nicht liefert, springen die Leser schnell wieder ab. Das lohnt sich nicht», so Murmann. Die digitalen Blattmacher hätten den Auftrag, jede Geschichte bestmöglich zu verkaufen – aber immer so, dass der Leser nicht enttäuscht werde.

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Während «Apollo» – das Programm wird laufend weiterentwickelt – eher im Hintergrund arbeitet, soll der Leser auch sichtbare Änderungen erfahren. Im Herbst soll eine smarte Frontpage eingeführt werden. Dabei setzt der Blattmacher «Blick»-typische Geschichten, die anderen Storys werden von «Apollo» und «Sherlock», einer preisgekrönten auf künstlicher Intelligenz basierenden Ringier-Plattform, automatisch zusammengestellt. Dabei erhält nicht jede Leserin und jeder Leser dieselbe Auswahl, diese werden sogenannten Segmentgruppen zugeordnet. «Unser Ziel ist, Leser und Inhalt bestmöglich zusammenzubringen. Jeder soll direkt finden, was ihn interessiert, und kann auf den ersten Blick die für ihn relevanten Themen lesen», so Murmann.

Wenn eine der definierten Segmentgruppen – beispielsweise «junge Frauen mit Interesse an Sport» – nicht wie erhofft performt, können die Parameter geändert werden. Das erinnert stark an Performance Marketing aus der Werbung. «Es geht dabei sowohl um die Themenwahl als auch um die Distribution. Also darum, wie eine Geschichte ausgespielt wird. Das heisst nun absolut nicht, dass Performance alles entscheidet», so Murmann.

Zurück zur Sorge der Mitarbeitenden. Auch wenn mit «Apollo» keine lohnrelevante Komponente eingeführt werden soll: Die Chefs können fortan sehr genau kontrollieren, wer welche Storys produziert.



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