25.02.2014

Wolfgang Koydl

"Spitzkehren werden in der Schweiz nur von Postautos befahren"

Der Schweiz scheint es im Vergleich zu ihren Nachbarländern besser zu gehen. Woran liegt das? Was macht die Schweiz besser? Wolfgang Koydl, Schweiz-Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung", geht in seinem neuen Buch "Die Besserkönner. Was die Schweiz so besonders macht" (Orell Füssli) dem helvetischen Erfolgsgeheimnis auf den Grund. Dafür hat er neben Christoph Blocher auch mit den drei Rogers gesprochen - de Weck, Schawinski und Köppel.
Wolfgang Koydl: "Spitzkehren werden in der Schweiz nur von Postautos befahren"

Herr Koydl, warum trägt Ihr neustes Buch den Titel "Die Besserkönner"?
Es gibt Besserwisser und Weltverbesserer. Die einen reden nur naseweis daher, den handfesten Beweis für ihr Gerede bleiben sie meist schuldig. Die anderen errichten kühne theoretische Gebäude mit vermeintlich ewiger Gültigkeit, doch Kleinigkeiten wie die menschliche Natur vernachlässigen sie gerne. Schweizer mögen weder die einen, noch die anderen. Sie mögen ja noch nicht einmal das Wort "besser“. Was sie machen, das machen sie halt gut – nicht mehr und nicht weniger. Aber im Vergleich zum Rest der Welt machen sie vieles eben doch besser. Und "Die Gutmacher“ hätte zu sehr nach Gutmensch geklungen.

Bezieht sich dies auch auf die Abstimmung vom 9. Februar?
Ob und welche konkreten Folgen die Abstimmung im Verhältnis zur EU haben wird, lässt sich noch nicht abschätzen. Sicher lässt sich sagen, dass es besser ist, ein Thema wie die Zuwanderung offen zu diskutieren, zu thematisieren und zur Abstimmung zu stellen. In Europa wird das Problem ignoriert, negiert oder mit dem Knüppel-Argument "Rassismus" zum Schweigen gebracht. Keine Frage, was besser ist.

Hat sich das Schweizbild im Ausland seit der Masseneinwanderungsabstimmung nachhaltig verändert?
Nein und ja. Wer in den Schweizern schon immer abgefeimte Hinterwäldler mit tiefsitzenden Ressentiments gegen alles Fremde sah, der fühlte sich von dem Votum bestätigt. Wer sich einen offenen Blick – und ein aufgeschlossenes Hirn – bewahrt hat, der sieht das Land plötzlich in einem neuen Licht: Hoppla, die können und machen ja was, was wir auch gerne täten. So viel Interesse an der Schweiz und an ihrem politischen und gesellschaftlichen System wie nach dem 9. Februar habe ich noch nie erlebt.

Sie haben als einer der wenigen deutschen Journalisten Verständnis für den Schweizer Entscheid gezeigt. Bekamen Sie dafür "Prügel"?
Kommt darauf an, von wem man spricht. Ich bin sicher, dass sich einige Kollegen bei der Lektüre meiner Stücke an den Kopf getippt und gesagt haben, jetzt spinnt der Koydl wieder. Von Leserinnen und Lesern hingegen habe ich nur Zuspruch erfahren. Okay, fast nur Zuspruch. Von hundert Zuschriften – und es war eine ungewöhnliche Sturzflut an Zuschriften – waren zwei oder drei negativ.

In Ihrem Buch loben Sie die Schweiz für Ihr politisches System aber auch die Lebensweise. Gab es ein Schlüsselmoment für diese "Liebe"?
Das würde bedeuten, dass die Schweiz und die Schweizer zu grossem Drama neigen, zu atemberaubenden Kehrtwenden und bedeutungsschwanger-historischen Entscheidungen aus heiterem Himmel. Aber das Klima hier ist gemässigt, und Spitzkehren werden in der Schweiz nur von Postautos befahren – stetig, zuverlässig, vorsichtig. So tickt die ganze Schweiz, und deshalb ist diese Liebe auch bei mir allmählich herangereift – stetig, zuverlässig, und – ja, auch das, vorsichtig. Man will ja nicht enttäuscht werden. Das wurde ich auch nicht.

Wie sind Sie beim Verfassen des Buches vorgegangen?
Die Idee kam von meiner Frau, der auffiel, dass nicht nur wir von einem Aha-Erlebnis zum anderen stolperten bei der Betrachtung der Schweizer Realität. Auch unseren Freunden im Ausland ging es so: Was? Wirklich? Ist ja toll! Das wusste ich gar nicht. Das Ziel war anfangs, die Vorzüge dieses unerklärlicherweise so unbekannten Landes einer grösseren Öffentlichkeit nahe zu bringen. Als ich dann immer mehr Schweizer zu dem Thema interviewte, wurde mir klar, dass selbst vielen von ihnen nicht klar war, welchen Schatz sie da eigentlich besitzen. Und so entstand das zweite Ziel: Mit dem Blick des Fremden den Schweizer Leserinnen und Lesern die Vorzüge ihres Landes neu zu erklären, und auf diese Weise vielleicht auch ein bisschen das Selbstbewusstsein zu stärken. Wie gesagt: Ganz entscheidend für das Buch waren die Gespräche, die ich führte.

Mit wem haben Sie für Ihr Buch gesprochen?
Mit jedem, der etwas zu sagen hatte – und das waren eine ganze Menge Leute. Da sich das Buch in die drei Teile Lebensart, Wirtschaft und politisches System gliedert (mit einem Ausflug am Ende zur Vorbild-Funktion der Schweiz für Europa) war der Bogen sowieso weit gespannt. Er reichte von klugen Denkern wie dem Philosophen Alain de Botton über die Schriftsteller Adolf Muschg und Martin Walser hin zu Intellektuellen wie Peter von Matt. Da waren Wirtschaftsführer wie Josef Ackermann, Migros-Chef Herbert Bolliger und der Banken-Doyen Hans Vontobel. Zu den Politikern gehörten die Alt-Bundesräte Christoph Blocher, Ruth Dreyfuss und Pascal Couchepin, zu den Journalisten die drei Rogers – de Weck, Schawinski und Köppel. Aber auch Schweizer aus anderen Lebensbereichen. Viktor Giacobbo etwa, oder der Sternekoch Roland Schmid. Besonders gefreut hat mich, dass die beiden politischen Antipoden Blocher und Jean Ziegler jeweils ein Nachwort beigesteuert haben. Wenn es um die Vorzüge der Schweiz geht, sind sich die beiden sehr einig.

Welches Schweiz-Klischee hat sich bei der Recherche nicht bestätigt?
Alle und keines. Natürlich die bekannten Sekundärtugenden Fleiss, Disziplin, Ehrlichkeit, Pünktlichkeit, Erfindungsreichtum, Sparsamkeit, etc. Für mich persönlich am überraschendsten aber war die Erkenntnis, dass all dies und mehr auf zweierlei zurückzuführen ist: einen ausgeprägten Freiheitssinn und auf ein starkes Verantwortungsgefühl. Beides gehört zusammen: Echte Freiheit beinhaltet immer Risiko. Mit ihm kann ich nur umgehen, wenn ich verantwortlich handele. Eigentlich ganz banal. Aber ich musste erst mal drauf kommen.

Präsentieren Sie Ihr Buch auch im Ausland?
Liebend gerne, aber aufdrängen will ich mich nicht. Dazu bin ich vielleicht auch zu sehr verschweizert. Sobald Anfragen kommen, werde ich mich aber bestimmt nicht zieren. Schliesslich geht es darum, das ewige Rätsel Schweiz zumindest ein wenig zu lüften.

Fragen: Matthias Ackeret, Bild: Keystone


Das Buch "Die Besserkönner. Was die Schweiz so besonders macht" von Wolfgang Koydl erscheint am 1. März im Orell Füssli Verlag. Details auf der Verlags-Seite.



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