27.04.2022

Hannes Britschgi

«Wir dürfen unseren Beruf nicht schlechtreden»

Ende dieser Woche geht die 17-jährige Zeit von Hannes Britschgi bei Ringier zu Ende. Ein Gespräch mit dem langjährigen Jouschu-Leiter über seine Höhepunkte als Journalist, die direkte Medienförderung – und den Entscheid des SRF, die Stages um drei Jahre zu verschieben.
Hannes Britschgi: «Wir dürfen unseren Beruf nicht schlechtreden»
«Meine Kündigung bei Ringier bedeutet nicht, dass ich mit dem Journalismus fertig bin», sagt Hannes Britschgi, der zwölf Jahre lang als Leiter der Ringier-Journalistenschule (Jouschu) den Nachwuchs ausgebildet hat. (Bild: zVg)
von Tim Frei

Macht es Sie wehmütig, dass Sie sich ab nächster Woche offiziell aus dem Journalismus verabschieden und in den Ruhestand gehen?
Moment! Ich habe bei Ringier auf Ende April gekündigt. Das heisst nicht, dass ich mit dem Journalismus fertig bin. Vor drei Wochen habe ich meinem Nachfolger Peter Hossli die Schlüssel der Villa Römerhalde übergeben. Sie liegt an toller Lage in einem weiten, lichten Park hoch über Zofingen. Ein ideales Schulhaus. Da war ein Schuss Wehmut, aber auch etwas Stolz, dass ich bei Ringier in einem guten Moment loslassen kann.

«Noch nicht mit dem Journalismus fertig»: Was bedeutet das konkret? Wollen Sie uns bereits etwas in Ihre Pläne einweihen?
Ich kann Sie nicht in meine Pläne einweihen, weil ich noch keine konkreten habe. 

Nun verlassen Sie Ringier nach fast zwei Jahrzehnten: Was werden Sie am meisten vermissen?
Die jungen Berufskolleginnen und -kollegen an der Schule und auf den Redaktionen. Ringier, Ringier Axel Springer Schweiz und Energy ziehen neugierige Menschen an, die in einem der modernsten Verlagshäuser Europas arbeiten wollen. Sicher wird mir auch die zeitgenössische Kunst fehlen, die der Verleger in allen Räumlichkeiten immer wieder neu hängen lässt.

Worauf freuen Sie sich besonders?
Jetzt bin ich gespannt, was ich in den kommenden Jahren beruflich und privat erleben darf.

«Karussell»- und «Rundschau»-Moderator, «Kassensturz»-Produzent bei SRF, Chefredaktor des Schweizer Nachrichtenmagazins Facts und zuletzt 17 Jahre für Ringier als Programmleiter von «Ringier TV», SonntagsBlick-Chefredaktor, Publizist und Leiter der Jouschu (Ringier-Journalistenschule): Was sind Ihre persönlichen Höhepunkte Ihrer 40-jährigen Medienkarriere?
Ein ganz besonderer Tag war «9/11» im Jahr 2001. Am Tag der Terroranschläge auf die Twin Towers in New York, es war ein Dienstag, hatten wir beim Facts Redaktionsschluss. Wir arbeiteten die ganze Nacht hindurch. Am Donnerstag hatte die Facts-Leserschaft 24 Seiten zu diesem schrecklichen Angriff im Heft. In der «Rundschau» gelangen uns harte, erhellende Streitgespräche wie zum Beispiel mit dem Präsidenten der Schweizerischen Bankgesellschaft Robert Studer zur Aktenvernichtungsaktion, die Wachmann Christoph Meili hatte auffliegen lassen. Mit Bundesrat Kaspar Villiger diskutierte ich über fragwürdige Geschäfte seines Vaters Max in Nazi-Deutschland. Hart am Wind berichteten wir bei Facts über Sicherheitsmängel bei der Swiss. Das kostete uns damals elf Prozent der Auflage, weil die Swiss Facts aus dem Board-Sortiment schmiss. Zu zentralen Abstimmungen – Uno-Beitritt, Masseneinwanderungsinitiative – organisierte ich grosse «Blick on Tour»-Veranstaltungen oder Facts-Debatten. Beim SonntagsBlick deckten wir eine Millionenabzocke bei einer Krankenkasse auf und lösten damit eine Gesetzesrevision aus.

«In der Rundschau gelang uns mit einer neuen Formel ein Generationenwechsel»

Sie waren nicht nur an der «journalistischen Front» tätig, sondern haben viele neue Formate ins Leben gerufen – zum Beispiel, wie erwähnt, «Blick on Tour». Worauf sind Sie besonders stolz?
Als Jusstudent habe ich 1981 mit Gleichgesinnten das 20-jährige Jubiläum von Amnesty International Schweiz im Matte-Quartier organisiert. In allerletzter Minute fluteten wir die Stadt mit einer Festzeitung. Das waren meine ersten Schritte im Print. Beim Schweizer Fernsehen habe ich 1989 mit Barbara Bürer, Ruedi Küng, Daniel Blickenstorfer und Kaspar Kasics das Format «Max» entwickelt. Eine Experimentalsendung zur Primetime, eine kreative Tischbombe, eine Fanfare für Peter Schellenberg, der signalisieren wollte: Am Leutschenbach tanzt der Bär. Bei «Ringier TV» sicherte ich die Rechte von «Genial daneben» für eine schweizerdeutsche Fassung. Eine wunderbare Erfahrung mit den Schweizer Comedy-Grössen. In der «Rundschau» gelang uns mit einer neuen Formel ein Generationenwechsel.

Welcher Interviewpartner hat Sie stark beeindruckt?
Oh, da gibt es viele. Einer meiner ersten Gäste auf dem «Rundschau»-Stuhl war der damalige FDP-Präsident Franz Steinegger. Ich ging ihn hart an. Parteikollegen forderten umgehend meinen Kopf. Steinegger selbst sah kein Problem mit mir. Monika Weber, die Präsidentin des Landesrings der Unabhängigen, meinte, bevor sie sich auf den Stuhl setzte, sie sei gewarnt, denn ihr Medientrainer habe mich als «charmanten Henker» bezeichnet. Silvia Blocher begleitete ihren Mann Christoph Blocher fast immer an seine Fernsehauftritte. Als sie mir nach einem sehr harten Interview im Studio schwor, dass ihr Mann nie mehr auf den «Rundschau»-Stuhl kommen werde, meinte dieser: «Silvia, der Britschgi macht doch nur seinen Job.» Bei der nächsten Einladung sass er wieder auf dem Stuhl. Unvergesslich bleibt mir die Wortwahl des päpstlichen Nuntius in der Schweiz. Auf seine eigene Sexualität angesprochen, antwortete er mir: «Das ist harte Arbeit und fällt einem nicht einfach in den Schoss.»

1997 wurden Sie für Ihre «kultivierte, charmant-hartnäckige Fragetechnik» mit dem Tele-Preis ausgezeichnet. Hat sich diese Technik einfach so ergeben oder hatten Sie ein Vorbild?
In der Sache knallhart, im Ton verbindlich, in der direkten Begegnung charmant bis bissig: Das hat sich so entwickelt. Vorbild war mir die angelsächsische Interviewkultur. In der Schweiz war bis dato nur Roger Schawinski so hart.

«Wir müssen unsere Arbeitsweise viel konsequenter in jeder Arbeit nachvollziehbar machen»

Über welchen Fehler oder welche Panne können Sie heute schmunzeln?
Zweimal bin ich als Redaktionsleiter laut geworden. Einmal gegen oben, einmal gegen unten. Es gab Gründe, aber das geht natürlich gar nicht. Und wenn ich meine Klamotten in alten Sendungen sehe, kann ich mich leider nicht fremdschämen. So bin ich aufgetreten – schrecklich!

Wenn Sie auf Ihre Laufbahn zurückblicken: Welche Veränderung im Journalismus hat Sie am stärksten geprägt und weshalb?
Die alles dominierende Dimension ist ohne Zweifel die Digitalisierung. Wer neben dem klassischen Handwerk das digitale nicht beherrscht, hat heute wenig Chancen im Beruf.

Können Sie ein Beispiel dafür nennen?
Bei der Bundesratswahl von Johann Schneider-Ammann und Simonetta Sommaruga im September 2010 berichtete ich mit einer einzigen Kamerafrau im Livestream-Modus aus dem Bundeshaus. Als Kamera benutzte sie ihr Mobiltelefon. Zu zweit gegen gefühlte Hundertschaften der SRF-Crew. Ein ehemaliger SRF-Kollege und Nationalrat fragte mich, wie wir das machen würden. Meine Antwort: «TV! Du bist live auf Sendung!» Mit der Digitalisierung hat das Tempo im Journalismus schwindelerregende Ausmasse erreicht. Und schliesslich ist an dieser Stelle unbedingt die Verrechtlichung unseres Berufs zu erwähnen.

Was meinen Sie damit?
Medienanwälte schüchtern im Auftrag von Betroffenen Redaktionen und Medienleute vorauseilend mit massiven Klage- und Schadenersatzandrohungen ein. Und das Schweizer Parlament gibt den Unternehmen und Privatleuten neue rechtliche Mittel, Veröffentlichungen zu verhindern. Stichworte wären superprovisorische Verfügung und Bankengesetz.

Als Leiter der Ringier-Journalistenschule haben Sie zwölf Jahre lang den Nachwuchs ausgebildet. Wie ist es Ihnen gelungen, die junge Generation für diesen Beruf zu begeistern, dessen Ruf in den letzten Jahren gelitten hat?
Das könnten jetzt «meine» Jouschus besser beantworten. Es war wichtig, dass nicht nur die Lehrenden aktiv im Beruf stehen. Auch ich als Schulleiter hatte immer mindestens einen Fuss im Journalismus. So konnte ich den Klassen mein Feuer für diesen Beruf am besten vermitteln.

Das deutliche Nein zum Mediengesetz war jedoch ein klares Zeichen der Bevölkerung an die Medienhäuser und an den Journalismus. Was braucht es, um das Vertrauen zurückzugewinnen?
Journalismus ist eine Arbeitsmethode. Wir arbeiten ehrlich – wahrhaftig –, fair, unabhängig und transparent. Wir müssen unsere Arbeitsweise viel konsequenter in jeder Arbeit darstellen, nachvollziehbar machen. Das kann helfen.

«Mittel- bis langfristig müssen wir uns an den Gedanken einer direkten Medienförderung gewöhnen»

Sie waren nahe am Puls der Absolventinnen und Absolventen: Was muss sich im Journalismus konkret verändern, damit der Job für den Nachwuchs wieder attraktiver wird?
Es gibt immer noch viele jungen Menschen, die diesen Beruf attraktiv finden. Wir dürfen ihn nicht selbst schlechtreden und ständig jammern. Wir sollten unsere Leistungen gegenseitig feiern, statt uns der Neidkultur hinzugeben.

Viele Journalistinnen und Journalisten wechseln in die PR-Branche. Das dürfte Ihnen kaum gefallen. Machen Sie sich Sorgen um den Journalismus?
Ja, natürlich nervt es mich, wenn grosse Talente in die PR-Branche wechseln, weil sie dort weniger Angst um ihren Arbeitsplatz haben oder für ihre Familien mehr Einkommen generieren können.

Wie bewerten Sie den Entscheid von SRF, die Stages um drei Jahre zu verschieben?
Freundlich gesagt: Es hat mich irritiert. Das öffentliche Fernsehen finanziert sich grösstenteils über gesetzliche Gebühren. In meinem Verständnis verpflichtet diese Sonderstellung das Schweizer Fernsehen, seinen Teil in der Aus- und Weiterbildung von jungen Berufsleuten zu leisten – ohne Wenn und Aber.

Was wünschen Sie sich für den Journalismus?
Es wäre dringend notwendig, dass wir in einer mehr oder weniger gemeinsamen Anstrengung belastbare Businessmodelle für die digitalen Realitäten unserer Branche finden. Wenigstens lassen publizistische Start-ups hoffen. Mittel- bis langfristig müssen wir uns an den Gedanken einer direkten Medienförderung gewöhnen. Medien sind das kritische Gewissen einer Gesellschaft. Wenn es wegfällt, gibt es vermehrt Korruption, Machtmissbrauch und andere Missstände, wie Untersuchungen aus den USA belegen. 

Lassen Sie uns zum Schluss nochmals an den Anfang zurückkehren. Abgesehen von Ihrer Tätigkeit als Stiftungsrat und Jurypräsident des Zürcher Journalistenpreises: Was werden Sie beim neu gegründeten Netzwerk The Boomers machen?
Die Co-Gründerin der Agentur ist eine von mir geschätzte Berufskollegin. Deshalb mache ich dort mit. Man kann mich als Tagungsleiter, Coach oder Diskussionsleiter engagieren. Wenn ich so einen Beitrag für dieses Start-up leisten kann, wäre das sympa.



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Kommentare

  • Victor Brunner, 28.04.2022 12:16 Uhr
    Britschgi: "Wir arbeiten ehrlich – wahrhaftig –, fair, unabhängig und transparent". Die vergangenen Jahre haben gezeigt dass dem nicht immer so ist. Beispiel für Einflussnahme in die Redaktionen ist Walder und Transparenz ist bei den grossen Medienhäuser Wunschdenken und die Fairness lässt in vielen fällen zu wünschen übrig. Bestes Beispiel BLICK, wenn es um Sensation geht fällt jeder Respekt vor Opfern weg!
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