Florian Wanner, am Montag hat das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) die Liste mit allen Gesuchen für Lokalradio- und Regionalfernsehkonzessionen veröffentlicht. Gab es für Sie Überraschungen?
Nein, die grössten Überraschungen waren bereits im Vorfeld bekannt.
In den letzten Wochen wurden mehrere Konzessionsgesuche bekannt. Sie schwiegen eisern. Weshalb?
Wir hatten keine Eile zu kommunizieren und wollten den Zeitpunkt mit der Veröffentlichung vom Bakom synchronisieren. Wir fokussieren uns auf unsere Gesuche und unsere bisherige Arbeit. Neue Mitbewerber haben noch keinen Leistungsausweis und müssen sich mit ihrer Kommunikation deshalb stärker bemerkbar machen.
Das Konzessionsgesuch von TeleZüri dürfte einige überrascht haben. Wir müssen das Pferd nun aber von hinten aufzäumen. Die Sache ist nämlich nicht ganz einfach, nicht zuletzt wegen der sogenannten «2-plus-2-Regel», wonach ein Veranstalter maximal zwei Fernseh- und zwei Radiokonzessionen halten kann. Was sagen Sie eigentlich zu dieser Einschränkung?
Die 2-plus-2-Regel gilt und wir halten uns daran. Aber sie schränkt uns schon seit längerer Zeit ein, und die Marktverhältnisse haben sich stark geändert. Bei unseren Radiosendern haben wir die Konzessionen zurückgegeben, damit wir verschiedene Akquisitionen tätigen konnten. Beim TV gehören die Konzessionsgesellschaften nicht CH Media. Die Tele 1 AG und TVO AG gehören der NZZ Regionalmedien AG – und TeleBärn und Tele M1 der AZ Regionalfernsehen AG. Sie sind unabhängig. Sie kaufen bei CH Media gewisse Dienstleistungen ein wie zum Beispiel Technik-, Produktions-, Vermarktungs- und Managementleistungen. Der ganze publizistische Leistungsauftrag wird von den Sendern selbst erbracht. Damit hat CH Media nichts zu tun.
2018 überwies das Parlament eine Motion, mit der die 2-plus-2-Regel abgeschafft werden sollte (persoenlich.com berichtete). Ist seither nichts mehr passiert?
Auch im Mediengesetz, welches am 13. Februar 2022 vom Volk abgelehnt wurde, wäre die 2-plus-2-Regel gefallen. Es braucht jetzt einen neuen Anlauf beim Parlament.
Sie erwähnten die Besitzverhältnisse der einzelnen Sender. Obwohl TeleBärn und Tele M1 der AZ Regionalfernsehen AG gehören, reichte CH Media die Konzessionsgesuche ein – zusammen mit jenem für TeleZüri. Erklären Sie mir das …
AZ Medien hat per 1. April 2023 die Mehrheit an CH Media übernommen. Mit diesem Schritt hat AZ Medien die Kontrolle über CH Media und wir gehen davon aus, dass AZ Medien und CH Media für die 2-plus-2-Regel als ein Unternehmen betrachtet werden. So gesehen wurden von AZ Medien/CH Media drei TV-Regional-Gesuche eingereicht. Aufgrund der 2-plus-2-Regel können wir aber maximal zwei Konzessionen halten. Deshalb nutzten wir die Möglichkeit der Priorisierung der Bewerbungen, so wie dies das Bakom im Ausschreibungsverfahren vorgesehen hat.
«TeleZüri ist der erfolgreichste regionale TV-Sender der Schweiz»
Sie priorisieren Ihre Sender? Sie ziehen in Betracht, Tele M1 oder TeleBärn fallenzulassen?
Nein, AZ Medien/CH Media priorisiert Tele M1 und TeleBärn als bisherige Konzessionsinhaberinnen. Für den unerwarteten Fall, dass wir eine der beiden Konzessionen nicht erhalten würden, müsste das Bakom das Gesuch von TeleZüri berücksichtigen.
TeleZüri ging bei der letzten Konzessionsvergabe 2008 leer aus. War der Sendebetrieb seither problemlos möglich?
TeleZüri ist der erfolgreichste regionale TV-Sender der Schweiz. Den Publikumserfolg erreichen wir dank einem tollen Team und einem relevanten Programm. Finanziell ist der Betrieb herausfordernd und wir peilen jeweils eine schwarze Null an. In den letzten Jahren haben wir das Ziel aber nicht immer erreicht. Um das Programm weiter auszubauen, wären für TeleZüri die Konzessionsgelder wichtig.
Was würde es für TeleZüri bedeuten, wenn es ab 2025 wieder eine Konzession hätte? Müsste das Programm angepasst werden?
Ja, wir könnten noch stärker in das Programm investieren. Wir haben grossartige Ideen und würden die Berichterstattung aus Zürich, Schaffhausen und Thurgau ausbauen.
Und was würde es für TeleBärn oder Tele M1 bedeuten, ohne Konzession auskommen zu müssen? Wäre dies das Ende?
Diese Gedanken haben wir uns nicht gemacht. Wir haben gute Konzessionsgesuche eingereicht und gehen davon aus, den Zuschlag erneut zu erhalten.
«Letztendlich muss das Bakom beurteilen, welche Bewerbung die beste ist»
Die Liste mit allen Gesuchen wurde veröffentlicht, jetzt beginnt die Vernehmlassung. Um die Konzession in Bern bewirbt sich auch BärnTV. Räumen Sie diesem Projekt Chancen ein?
Letztendlich muss das Bakom beurteilen, welche Bewerbung die beste ist. Wir sind überzeugt von unseren Bewerbungen. Unsere Sender verfügen über einen grossen Leistungsausweis und in den Bewerbungen steckt auch viel Innovation. Wir werden neue Formate einführen und das Programm stark ausbauen. Wir glauben an die Region Bern und haben viel investiert. Deshalb haben wir im letzten Jahr die Onlineplattform BärnToday lanciert und ein Jahr zuvor Radio Bern1 gekauft.
In der Ostschweiz wird TVO von Ostschweiz TV angegriffen. Warum glauben Sie, dass TVO dennoch die besseren Chancen hat?
Zu TVO kann ich nicht Auskunft geben, da dies ein Sender der NZZ Regionalmedien AG ist. Aus meiner Sicht erbringt TVO aber seit jeher einen hervorragenden Service public und ist in der Ostschweiz eine feste Grösse.
Zum Radio: Nur für Radio Central reichen Sie eine Konzession ein. Weshalb?
Der Zentralschweizer Sender erbringt bereits seit Jahren ein grossartiges Programm mit Leistungsauftrag. Es liegt deshalb auf der Hand, dass wir uns im einzigen Gebiet, in welchem es neu eine Konzession mit Gebührenanteil geben wird und wir mit einem Sender aktiv sind, darum bemühen. Bereits bei der Akquisition von Radio Central war für uns wie auch für den bisherigen Inhaber Alfons Spirig klar, dass wir die Konzession holen möchten.
«Die Positionierung von Radio Central wollen wir unbedingt beibehalten»
Wäre es nicht besser, für Radio Central auch gleich auf eine Konzession zu verzichten? Dafür könnten Sie auf sämtliche Auflagen verzichten.
Für die restlichen Sender im Portfolio von CH Media trifft diese Aussage zu. Deshalb haben wir alle Konzessionen zurückgeben, wobei wir bei allen Regionalsendern nach wie vor stark sind in der regionalen Berichterstattung. Im Falle von Radio Central verhält es sich anders. Radio Central betreibt ein aufwendiges Programm und bedient sechs Kantone mit umfangreicher Berichterstattung, die wir ab 2025 auch noch ausbauen wollen. Ohne Konzessionsgelder lässt sich dies in dieser Region nicht meistern. Die Positionierung von Radio Central wollen wir unbedingt beibehalten und sind daher auf die Konzession angewiesen.
Wenn Sie alle TV-Konzessionen wie bisher erhalten plus die Konzession für Radio Central: Wie viel Geld wird Ihnen das insgesamt in die Kasse spülen?
Pro Regionalfernsehen erhalten wir circa 3,5 Millionen Franken im Jahr. Bei Radio Central wären es jährlich 2,6 Millionen Franken. Diese Gelder fliessen vollumfänglich in den Senderbetrieb ein.
Unter der Marke CH Media werden zwölf Radiosender und drei regionale und acht nationale TV-Sender betrieben. Was entgegnen Sie dem Vorwurf, Sie würden «Einheitsbrei» liefern?
Ich nehme nur für die Radiosender und die Regionalfernsehen der AZ Medien/CH Media Stellung, da ich diese verantworte und diese auch publizistische Inhalte produzieren. Natürlich holen wir Synergien bei so vielen Radiosendern. Das kommt dem Programm zugute. Wir haben beispielsweise ein Radio-News-Team, welches nationale und internationale Nachrichten produziert und den Sendern zur Verfügung stellt, oder auch eine nach dem gleichen Prinzip funktionierende Bundeshausredaktion. Jeder Regionalsender hat eine eigene Redaktion und fokussiert auf die regionalen Informationen. Den Regionen steht es frei, wie viel sie vom zentralen News-Team übernehmen und wie viel aus der Region kommt, mit Ausnahme von Radio Central, welches einem programmlichen Leistungsauftrag nachkommen muss. Im Zentrum stehen die Bedürfnisse der HörerInnen und die Aktualität und Relevanz der Nachrichten.
Und beim Regionalfernsehen?
Beim Regionalfernsehen tauschen wir Bildmaterial aus, und der jeweilige Chefredaktor ist frei in der Relevanzbeurteilung. Jede Region hat ein innovatives Regio-Programm, welches mit hochwertigen überregionalen Inhalten angereichert wird. Hier tauschen wir unter anderem erfolgreiche Unterhaltungsformate wie «LifeStyle» und «SwissDinner», welche nichts mit dem Leistungsauftrag zu tun haben, aus. Das Publikum schätzt das, da wir alle Regionen abbilden können. Dank solchen Mantelkooperationen, die auch in anderen Bereichen von CH Media stattfinden, sind wir auf Augenhöhe mit nationalen Medien und können insbesondere Qualitätsjournalismus garantieren, was für eine auf sich allein gestellte Radio- oder Regio-TV-Station nur schwer umsetzbar wäre.
«Wir machen über alle Regionen hinweg relevanten Servic public»
Aber Hand aufs Herz: Ganz unbegründet ist dieser Vorwurf nicht. Immerhin gibt es nun beispielsweise «TalkTäglich» oder den «SonnTalk» vom Bodensee bis zur Aare.
Die erfolgreiche Politsendung läuft auf fast allen Regionalsendern. Wir bieten hier aber eine tolle Alternative zur «Arena» des Schweizer Fernsehens. Wenn wir die Ratings in diesem Jahr vergleichen, sehen sich mehr Leute den «SonnTalk» als die «Arena» an. Das ist ein Riesenerfolg und zeigt, dass wir über alle Regionen hinweg relevanten Service public machen. Es werden ja auch Politiker und Politikerinnen aus allen Regionen in die Sendung eingeladen.
Hat der Konzessionierungsprozess dazu geführt, dass Sie die eigenen Programme kritisch unter die Lupe genommen haben?
Grundsätzlich wird das Programm von den Verantwortlichen seit jeher kritisch unter die Lupe genommen. Der Konzessionierungsprozess hat dies aber nochmals verstärkt. Die Chefredaktoren haben das bestehende Programm hinterfragt und viele innovative Sendungen entwickelt für die Phase ab 2025. Ein paar Sendungen haben uns so gut gefallen, dass wir direkt mit der Umsetzung starten.