30.08.2023

#MediaToo

«Wir wollten nicht reisserisch sein»

Radio SRF hat ausführlich über mehrere Fälle von sexueller Belästigung und einen mutmasslichen Übergriff durch einen bekannten Schweizer Reporter berichtet. Wie gingen Salvador Atasoy und Oliver Kerrison bei ihrer Recherche vor? Eine Nachfrage bei den beiden Journalisten.
#MediaToo: «Wir wollten nicht reisserisch sein»
Salvador Atasoy (links) und Oliver Kerrison von Radio SRF berichten über sexuelle Belästigung in der Medienbranche. (Bilder: SRF)
von Nick Lüthi

Salvador Atasoy, Oliver Kerrison, wie hat Ihre Recherche begonnen? Ist jemand an Sie herangetreten mit einem Tipp oder sind Sie einfach mal dem branchenweit bekannten Gerede über das Verhalten des Republik-Reporters nachgegangen?
Uns waren mehrere Vorwürfe bekannt. Aber lange wollte niemand mit uns reden. Das hat sich mit der «Medientalk»-Recherche zu sexueller Belästigung in der Medienbranche im Februar 2023 allmählich geändert. Der Anspruch war schon damals, anhand von Fällen beim Magazin, Ringier und bei der SRG strukturelle Eigenheiten zu beleuchten, welche die Medienbranche für sexuelle Übergriffe anfällig machen.

Sie haben zu zweit an der Recherche gearbeitet. Wie sah die Arbeitsteilung aus?
Wir haben die Sendung gemeinsam konzipiert und recherchiert. Es war eine intensive Zusammenarbeit. Wir haben lange darüber diskutiert, wie wir was formulieren, welche Ausschnitte wir zeigen und warum. Und wie das alles wirkt. Aber: Wir hatten auch viel Unterstützung durch unser Team bei SRF 4 News. Wie so oft sagt die Autorenzeile wenig darüber aus, wie viel Teamarbeit tatsächlich hinter einer solchen Geschichte steckt.

Wie lange haben Sie an der Recherche gearbeitet? Geschah das im Rahmen des regulären Pensums oder mit Überstunden?
Wir haben während rund sechs Monaten an dieser Geschichte gearbeitet. Natürlich fallen da auch Überstunden an.

«Das Ergebnis und die Form der Recherche waren lange offen»

Hätten Sie den gleichen Aufwand betrieben, wenn die Vorwürfe einen einfachen Redaktor und nicht einen Starreporter betroffen hätten?
Ja. Wir haben weit mehr Material gesammelt als wir aktuell veröffentlicht haben. Es ging uns vor allem darum, zu dokumentieren, zuzuhören und zu verstehen, welche Machtstrukturen in Redaktionen vorherrschen. Das Ergebnis und die Form der Recherche waren lange offen.

Sie betonen die Sonderstellung des Reporters innerhalb der Redaktionen als begünstigenden Faktor für sein übergriffiges Verhalten; nach dem Motto: Ich kann mir alles erlauben. Heisst das auch, dass die Vorgesetzten zu viel durchgehen liessen?
Nicht wir betonen diese Sonderstellung – sondern Frauen, mit denen wir gesprochen haben. Und das waren weit mehr als sechs. Expertinnen haben uns dann erklärt, dass man keine Chefposition haben muss, um seine eigene Position auszunutzen. Dass es verschiedene Formen von Machtgefällen gibt. Und, dass Mediensysteme solche Sonderpositionen auch einfordern und fördern. Dass es eben ein systemimmanentes Problem ist, nicht ein Problem einer einzelnen Redaktion.

«Das Problem betrifft ja nicht nur die Medienbranche»

Warum haben Sie den Fokus nicht stärker auf die flachen Hierarchien von Republik und WOZ gelegt, die einer solchen Figur diesen Raum liessen, den er sich nahm?
Weil uns die Strukturen interessieren, die über diese beiden Redaktionen hinausgehen. Das grundsätzliche Problem sexueller Übergriffe ist weit verbreitet und stark davon geprägt, was gesellschaftlich toleriert wird und was nicht. Das Problem betrifft ja nicht nur die Medienbranche.

Wie kooperativ zeigten sich Republik und WOZ?
Unsere Anfragen wurden ernst genommen. Beide Redaktionen haben innert der gewährten Antwortzeit von 48 Stunden reagiert.

Welches waren die schwierigsten Momente bei der Recherche?
Es war eine Herausforderung, die Fülle an Material zu verarbeiten und so zu erzählen, dass die Story auch interessiert. Wir wollten nicht reisserisch sein. Und auch keine Steilvorlagen für den Boulevard bieten. Das ist ein schmaler Grat.

«Eine Namensnennung hätte die Aufmerksamkeit zu stark auf den Einzelfall gelenkt»

Sie stellen den Journalisten, dem mehrere Frauen sexuell übergriffiges Verhalten vorwerfen, sehr ausführlich vor, nennen aber seinen Namen nicht. Warum?
Im Zentrum der Publikation stand, dass wir Strukturen und Zusammenhänge aufzeigen wollten. Eine Namensnennung hätte die Aufmerksamkeit zu stark auf den Einzelfall gelenkt. Und: Die – übrigens öffentlichen – publizistischen Leitlinien von SRF geben vor, wie wir in solchen Fällen verfahren: äusserst zurückhaltend mit Namensnennungen.

Der Verzicht auf die Namensnennung kann zu falschen Verdächtigungen führen, gerade bei Leuten, die die Branche nicht so gut kennen. Warum haben Sie das Risiko in Kauf genommen?
Es ist ein Balanceakt. Wir wollten die Person so anonym machen wie möglich und trotzdem Verwechslungen möglichst verhindern.

Bis jetzt hat kein anderes Medium den Namen genannt. Wie erklären Sie sich diese Zurückhaltung in einer sonst sehr geschwätzigen Branche?
Womöglich weil das Bewusstsein dafür steigt, dass es nicht um den Namen geht, sondern um das strukturelle Problem dahinter.

«Medien tun sich oft schwer mit strukturellen Problemen»

Überhaupt gab es bisher nur wenige Reaktionen auf Ihre Berichterstattung. Was denken Sie, sind die Gründe dafür?
Das sehen wir anders. Diese Debatte braucht Zeit. Medien tun sich oft schwer mit strukturellen Problemen. Das schüttelt man nicht eben mal so aus dem Ärmel. Aber das Thema beschäftigt viele Leute. Das sehen wir schon alleine an den Reaktionen, die wir erhalten haben.

In letzter Zeit kamen etliche mutmassliche und tatsächliche Verfehlungen bekannter Journalisten ans Licht. Worin unterscheidet sich Ihr Fall von jenen von Christian Dorer und Finn Canonica?
Diese Geschichten lassen sich nicht vergleichen. Das Leid der Betroffenen, die Übergriffe erlebt haben, ist keine Währung. Die Beispiele zeigen: Wir sollten aufhören, von Einzelfällen zu sprechen. Es ist ein strukturelles Problem. Wir müssen wegkommen von der Fokussierung auf einzelne Namen und uns dem grossen Ganzen zuwenden.


Zum Interview: Auf Vorschlag von Salvador Atasoy hat persoenlich.com die Fragen schriftlich formuliert. Die beiden SRF-Journalisten haben sie gemeinsam beantwortet.



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Kommentare

  • Victor Brunner , 31.08.2023 17:28 Uhr
    Lieber Weiss, das ist kein Interview sondern ein Fragebogen. Die beiden SRF Leute wollten sich absichern, während der „Täter“ in der Sendung nicht von einem Sicherheitsnetz profitierte! PERSÖNLICH könnte für andere Medien Vorbild für Transparenz sein, klare Angabe wie der Artikel entstanden ist!
  • Basil Weiss, 31.08.2023 09:59 Uhr
    Danke für die Transparenz. Doch wenn nun Journalisten Interviewfragen nur noch schriftlich beantworten, sollten sich die Medien nicht wundern, wenn das immer mehr Politiker und andere Interviewpartner auch verlangen. Da schiesst sich die Branche selber ins Bein,
Kommentarfunktion wurde geschlossen

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