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55 Straftaten pro Tag

Lena John

Im Oktober kam es hinsichtlich der Anzahl jährlich begangener Femizide zu einem traurigen Höhepunkt: Innerhalb von acht Tagen wurden vier Frauen von ihren Partnern getötet. Femizide, sprich die Tötung einer Frau aufgrund ihres Geschlechts, stellen aber nur die Spitze des Eisbergs dar. Allein im Jahr 2020 wurden in der Schweiz 20'123 Straftaten von häuslicher Gewalt registriert. Das sind 55 Straftaten pro Tag. Wir müssen davon ausgehen, dass die Dunkelziffer noch viel höher liegt. Gewaltbetroffene sind überdurchschnittlich oft Frauen.

Jährlich finden im Schnitt 1000 Frauen und 1000 Kinder Zuflucht in einem Frauenhaus. Die Frauenhäuser stellen für sie eine wichtige Anlaufstelle und eine Chance dar, um die Gewaltspirale verlassen zu können. Die Flucht in ein Frauenhaus markiert einen mutigen Schritt im Leben dieser Frauen. Die Kampagne der Frauenhäuser, die vom 8. November bis 5. Dezember 2021 on- und offline schweizweit läuft, setzt an diesem Punkt an. Die Kampagne macht exemplarisch anhand der Gegenstände von vier Frauen, die Zuflucht in einem Frauenhaus gefunden haben, auf die Themen Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt aufmerksam (persoenlich.com berichtete).

Die Erfahrungen der Frauenhäuser aus der Praxis zeigen, wie gross das Ausmass von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt in allen Bevölkerungsschichten ist. Die neuste Studie von Sotomo von 2021 zu diesem Thema bestätigt dies. Aus diesem Grund kann und darf es nicht bei dieser einen Kampagne bleiben. Die Schweiz hat mit der Ratifikation der Istanbul-Konvention im Jahr 2017 einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung getan. Doch es bedarf neben den bereits unternommenen und angedachten Massnahmen weiterer entschiedener Schritte und finanzieller Mittel. Eine langfristige nationale Strategie gegen Gewalt an Frauen und gegen häusliche Gewalt ist die einzige Antwort auf das epidemische Ausmass. Diese muss auch das Thema der umfassenden Bildungs- und Präventionsmassnahmen angehen, den umfassenden Schutz für Opfer fördern sowie die konsequente Ahndung der Straftaten mit Begleitprogrammen für Täter und Täterinnen umfassen. Und zwar von allen wichtigen Akteuren sowie Akteurinnen in diesem Bereich erarbeitet und gemeinsam umgesetzt.



Lena John ist die Generalsekretärin der Dachorganisation der Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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