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Bussi Bär als Informant

Beni Frenkel

Wissen Sie, warum Adrienne Fichter so gerne bei der Republik arbeitet? Im einem Video sieht man die glückliche, auf Wolke sieben schwebende Frau. Sie lächelt verschwörerisch in die Kamera und zählt auf, warum die Arbeit in der Republik-Redaktion so geil ist: «Keine Bedenken, keine Skepsis von Kollegen» (siehe Screenshot unten). 

Wer die Arbeit von Fichter noch nicht kennt, sollte jetzt kurz die Augen schliessen und sich ein Aargauer Rapsfeld vorstellen. Eine ähnliche Monotonie bestimmt die Themenpalette Fichters: Im Zweiwochen-Rhythmus spuckt sie Texte aus über die Digitalisierung mit ihren 1000 Folgen und Fölgchen.

Keine Frage, Fichter und die Restmannschaft der Republik haben die Schweizer Demokratie nachweislich schon mehrfach gerettet. Wovor sie uns aber nicht schützen, ist die Langeweile. Beim gewöhnlichen Leser beginnt das erste Gähnen bei einem Text mit über 4000 Zeichen. 8000 Zeichen lesen nur noch Menschen mit sehr viel Freizeit.

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Fichter hat in den vergangenen zwölf Monaten 20 Texte geschrieben. Zwölf davon haben mehr als 10'000 Zeichen. Ich weiss nicht, wie eine Redaktionssitzung bei der Republik aussieht. Wahrscheinlich klopfen sich dort alle auf die Schultern und geben dem Autor mit dem längsten Text einen Kuchen.

Ähnlich langatmig kam ein Text von Dennis Bühler rüber. Er trägt den Titel «Die Schadensbilanz». Bühler kanzelt den Bundesrat Ignazio Cassis in seinem 24-Minuten-Lesestück als Depp ab. Dem Aussenminister wird zum Beispiel der Vorwurf gemacht, dass er zu wenig in der Welt herumfliegt.

Dennis Bühler ist Mitglied des Presserats. Interessant ist seine Quellenlage für «die Schadenbilanz». «Die Republik», lesen wir, «hat in den vergangenen drei Monaten mit mehr als einem Dutzend ehemaligen und aktiven Diplomaten gesprochen, mit diversen Angestellten des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA), mit langjährigen Beobachterinnen der Aussenpolitik, Wirtschaftsvertretern, Gewerkschafterinnen und FDP-Mitgliedern.» Das könnten Gustaf Gans, Karl Lümmel, Oink Boink oder Bussi Bär heissen. Ganz sicher wissen wir das aber nicht, denn von den «mehr als einem Dutzend» Informanten wird keiner mit Namen genannt.

In der Redaktionssitzung wurde Bühlers Text wahrscheinlich auch in den Himmel gelobt: «Keine Bedenken, keine Skepsis von Kollegen.» Gemäss mehreren anonymen Quellen kann Bühler auch um drei Uhr morgens die Erklärung des Journalistenkodex auswendig runterrattern: «Sie unterlassen anonyme und sachlich nicht gerechtfertigte Anschuldigungen» (aus Punkt 7).

Nach zwei Jahren muss man leider konstatieren: Das Experiment Republik ist gescheitert. Nicht unbedingt finanziell. Denn die Journalisten müssen nicht um ihren Job bangen. Die Betteltour vor Weihnachten wird bestimmt wieder ein Riesenerfolg.

Gescheitert ist die Republik aber an den Inhalten. Wer so lange Texte schreibt wie die Republik, so unkritisch die Arbeiten der Kollegen beurteilt und in drei Monaten Recherche niemanden dazu bringt, mit Namen hinzustehen, rettet nicht die Demokratie. Ja, nicht einmal Bussi Bär.




Beni Frenkel ist Autor und freier Journalist. Er hat bereits Anfang Jahr einen Bericht über die Republik im Schweizer Journalist veröffentlicht. Dieser Text hat grosses Echo ausgelöst. Die Republik hat dagegen eine Beschwerde beim Presserat eingereicht. Das Urteil steht noch aus. Frenkel betont, dass er der Republik wie alle anderen Journalisten im kritischen Modus gegenübersteht, «aber stets faktenbasiert und nüchtern».

 

Der Autor vertritt seine eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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