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Cash… oder kein Cash in der Däsch?

Manfred Klemann

Am 31. November besuchte ich das Spiel der Brooklyn Nets gegen die Memphis Grizzlies (mit dem Riesen Marc Gasol, dem spanischen Center-Spieler der Grizzlies in der Mitte) in der Barclays Arena in Brooklyn. Weil ein bisschen spät aus Montreal angereist, hatte ich noch nichts gegessen und wollte mir also eine Pizza und ein Bud kaufen; aber o Schreck – ich hatte nur «Cash in dä Däsch», wie man bei uns in der Ostschweiz sagt. Kreditkarten und Ausweis hatte ich schnell in den Hotelsafe gelegt und nur 200 Dollar eingesteckt. In kleinen Noten, wie es sich gehört(e) in alten Traveller-Zeiten.

Die Pointe liegt wohl auf der Hand: Das ganze Barclays-Stadion ist eine «cash free zone». Bargeld wird dort nicht mehr angenommen; wer keine Kreditkarte besitzt oder nicht zumindest Apple oder Google Pay auf dem Handy hat, ist verloren und bleibt hungrig und durstig, bis das lange Game (zweieinhalb spannende Stunden) vorbei ist.

Also, Bargeld ist eine aussterbende Spezies, das ist nichts Neues. Wenn ich als digitaler Trendscout durch Nordamerika fahre, gucke ich mir immer an, was uns erwarten wird. Und bin so froh, dass eines nicht infrage steht: das Weihnachtsfest. Bunter die Lichter nie flackern rund um den Times Square und das Rockefeller Center in NYC und unter der Erde, in der total unterirdischen Shoppingmall in Montreal. Montreal gilt ja als kanadisches Silicon Valley. Und seit Trump und Trudeau vom Nahkampf-Modus in den Handshake-Modus übergegangen sind, haben sich die beiden führenden digitalen Länder der Erde wieder lieb.

Die Generation Zwanzig.10 in Kanada und den USA feiert mit Inbrunst die Heilige Nacht; sie wird – das zeigen die Werbungen in den Social Media vor allem – kaum mehr mit Hardware-Geschenken bestückt, sondern Kinder, Enkel, Urenkel erwarten von Eltern, Kindern und Enkeln vor allem virtuelle und digitale Geschenke: Spiele wie «Red Dead Redemption 2», «Fortnite», «Overwatch» oder Abos von Netflix oder Spotify oder Amazon Prime. 

Oder digitale Karten von Eventim oder Ticketmaster. Und Mädels ganz hip einen Gutscheincode von Gucci. Und, liebe Eltern und Grosis, kommt bloss nicht mit Bargeld daher: Das müssten die Kids ja auf eine Bank bringen und auf ihr Konto einzahlen; aber wie macht man denn das, und was, um Gottes willen, ist denn ein Bankschalter?

Na, so ganz stimmt es noch nicht: Die ATM, aus denen in Nordamerika Bargeld bezogen werden kann und die bekanntlich in jedem 24-Stunden-Kiosk, in jedem Hotel und jedem Sportpub stehen, sind noch nicht abgebaut. Sie leuchten weiterhin kräftig; die Gebühren aber, um Bargeld zu beziehen, sind erheblich gestiegen. An manchen Maschinen muss man drei Prozent der Bezugssumme als Transaktionsgebühr bezahlen. Ein hübsches Geschäft in einer Zeit mit Negativzinsen für die Banken.

Und damit bin ich beim Hauptthema meiner Prognose über das, was 2019 in der digitalen Welt real passieren wird: die Abschaffung des Finanz- und Versicherungssystems, wie wir es heute noch kennen. Kredite, Versicherungen, Überziehungen, Geldanlagen und alles rund um das Rechnungswesen werden sich ins Smartphone verlagern. Das Starren, das Tippen, das Sprechen in das magische Rechteck, das heute jegliche direkte menschliche Kommunikation schon unmöglich macht, wird nochmals potenziert. 

Auf meinem Hotelzimmer im The Standard High Line in NYC übrigens, das fand ich nett, lag George Orwells «1984», noch fein als Buch gebunden. Orwell hat sich eigentlich nur um dreissig Jahre verschätzt. In der «Schönen neuen Welt» nicht sehr viel. Ach ja: geheiligte Weihnachten, liebe «persönlich»-Leser, und ein gutes neues Jahr.  



Manfred Klemann ist Serial Entrepreneur und einer
der Pioniere des europäischen Internets. Er gründete 1993 die Firma Unterwegs-im-Internet und später die Plattformen wetter.com, reise.com, internateportal.de und das Deutsche Wetter Fernsehen. Heute beteiligt er sich an aussichtsreichen Start-ups in der Schweiz und in Europa.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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