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Manfred Klemann: Generation Digital verlernt die Kunst der Rhetorik

«Indem sie schweigen, schreien sie», sagt Marcus Tullius Cicero (106–43), der grösste, zumindest der erfolgreichste Rhetoriker der Menschheit. Schreien Sie? Die Leute, die – wo immer sie sich befinden – mit gesenktem Kopf schweigend auf ihr Mobilgerät starren. Ja, ich denke doch. Denn sie schreien schweigend hinein in das Gerät, in kreischende Plattformen wie Jodel oder Tinder oder Whatsapp oder beBar et cetera; wohl hundert bemerkenswerte neue Chat-Plattformen sind für die Generation Digital in den letzten drei Jahren entstanden. Und alle sorgen dafür, dass noch mehr geschwiegen wird.

Die reale Einsamkeit und die Sprachlosigkeit zwischen Leuten nehmen bizarre Formen an. Wenn eine Gruppe von, sagen wir, sechs Personen in einem Restaurant sitzt, so sehen wir – in Europa –, dass mindestens drei davon jeweils mit ihrem Handy beschäftigt sind; in den USA, würde ich sagen, sind es vier; wenn man durch Asien reist, sind nicht drei, sondern alle sechs am Tisch digitale Klone.

Früher sagte meine Mutter, als ich Kind war: «Am Tisch wird nicht geredet.» Aber so kann sie es nicht gemeint haben. Und was früher falsch war, dieses Schweigegebot am Tisch, ist heute geradezu bedrohlich falsch. Bedrohlich für jeden Einzelnen, weil er verlernt, eine Unterhaltung zu führen. Weil der Einzelne verlernt, dem realen Gegenüber zuzuhören, um stattdessen den immer Gleichen seiner digitalen Gruppe und deren Gejodel zuzuhören. Und sehen, beobachten, ist schon gar nicht mehr in, sondern nur noch das andauernde Handy-Knipsen, um die digitale Wirklichkeit auf Instagram oder Pinterest zu posten.

Natürlich ist es das Recht der Generation Digital, eigene Strukturen ihrer Kommunikation zu finden. Und vielleicht ist es auch altmodisch, auf den Talk an der Bar oder die spontane Rhetorik beim Essen zu hoffen. Das Sich-Anschweigen aber und das Hineinstarren in die Handys, die gar nicht so viel liefern können, wie der Einzelne offensichtlich erwartet, kann keine gesunde Entwicklung sein. Die Vereinzelung über die nur scheinbar sozialen Medien nimmt geradezu groteske Züge an, wenn meine Beobachtungen stimmen.

Ich war neulich an der Bar im Toto in der Seefeldstrasse in Zürich und hatte wohl eine Stunde einen guten Blick auf zwei Tische im Restaurant. An einem sass ein offensichtlich frisch verliebtes junges Paar und am anderen vier hübsche Zürcher Mädchen. Das Paar plauderte am Beginn bis zur Bestellung ganz normal; kaum hatte aber der Ober seinen Auftrag erhalten, gingen beide blitzartig in diese Starr-nach-unten-Stellung und bedienten ihre Handys. Dies schweigend, bis die bestellten Gerichte serviert wurden. Dann kurzes Aufschauen, wenige Worte über die Speisen und direkt neben dem Teller wieder die Handys und ein sonores Bedienen der Tastatur und lächelndes Lesen von angeblichen Nachrichten (oder waren es Katzen- Videos, ich habs nicht gesehen?).

Zwischen Bestellen und Bezahlen haben die beiden maximal sechs Sätze miteinander ausgetauscht. Und keiner der beiden hat sich auch nur einmal in der Umgebung umgeschaut, andere Gäste beobachtet, den Ablauf aufgenommen. Ich empfand es als bedrohlich, wenn ich mir vorstelle, dass diese beiden vielleicht ihr ganzes Leben zusammen verbringen wollen ...

Auch die vier Mädels am Nebentisch – Frauen wird ja gemeinhin nachgesagt, sie seien «gesprächiger» – verhielten sich zeitgemäss. Wenn sich zwei miteinander austauschten, waren mit Sicherheit die jeweils anderen zwei an ihren Geräten. Sie hörten also nicht ihren Freundinnen zu. Jedenfalls das, was Cicero als Rhetorik verstand (Gespräch, Argument, Gegenargument, Unterhaltung, Erzählung, Vergnügen), woraus im Übrigen dann auch Leichtigkeit und Lachen und Kennenlernen (!) entstehen, war für meine Stunde an der Toto-Bar vollkommen verloren. Als ich die Beobachtung meinem Bar-Nachbarn mitteilen wollte, war sein Kopf gesenkt, und er starrte auf sein iPhone. Ich glaube, er suchte die Zeitansage, damit jemand mit ihm spricht.

«Reden lernt man durch reden», meinte Marcus Tullius Cicero noch und auch: «Je grösser die Schwierigkeit, die man überwand, desto grösser der Sieg.» Meine Forderung an die Generation Digital: Redet wieder miteinander, es wird ein schöner Sieg für euch werden. Der Sieg gegen die innere Einsamkeit.

 

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KOMMENTARE

Hardy Lussi
27.04.2016 08:40 Uhr
Danke Manfred für diese Zeilen!!! Eine Bereicherung sondergleichen. Und wer weiss....vielleicht treffen wir uns ja wieder einmal, damit wir zusammen reden können! :-)
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