Es ist die verzweifelte Suche nach dem Rettungsring. Denn keinem ernsthaften Journalisten ist entgangen, dass der ernsthafte Journalismus immer weiter zur Ader gelassen wird. Und so wird gerechnet: Reicht es mir bei meinem Alter noch, ins Ziel zu gelangen? Oder werde ich wie so viele andere vorher entsorgt? Und was würde in einem solchen Fall geschehen – mit meinem Einkommen, meinem Prestige und meinem Selbstwertgefühl?
Für Leute aus Wirtschafts- und Politressorts oder aus der Chefetage gibt es dafür eine echte Lösung: Man wechselt zu PR-Unternehmen, die heute oft euphemistisch als «Kommunikationsfirmen» auftreten. Dort locken weiterhin viele zusätzliche Jobs, die meist viel lukrativer sind als diejenigen im angestammten Beruf. Diese Journalisten werden nicht allein wegen ihrer Erfahrung im Formulieren von Medienbotschaften angeheuert. Als wichtigstes Asset bringen sie persönliche Kontakte bis in die höchsten Sphären von Wirtschaft und Politik mit. Und diese sollen sie nun nicht mehr zur journalistischen Recherche, sondern neu im Auftrag betuchter Klienten nutzen.
Dieser Rollenwechsel gelingt naturgemäss jenen Personen am besten, die in zentralen Fragen unserer Gesellschaft keine klare Haltung haben. Sie können problemlos sowohl die eine wie die andere Seite einer Auseinandersetzung vertreten. Wenn es der Job verlangt und die Honorare fliessen, kämpfen sie nun mit Inbrunst für jeden Auftraggeber.
Aber diese Entwicklung hat zusätzliche Auswirkungen, die bisher kaum beachtet wurden. Denn wenn ein Journalist erkennt, dass er in absehbarer Zeit die Seiten wechseln wird, um noch rechtzeitig den Absprung aus der serbelnden Medienbranche zu schaffen, dann hat dies auch Auswirkungen auf seine aktuelle Tätigkeit. Er wird nämlich alle journalistischen Kontakte mit Führungspersönlichkeiten gemäss den Erfordernissen des künftigen Jobs beurteilen. Er wird also alles tun, um persönliche Beziehungen aufzubauen, die über den sachlich notwendigen Bereich hinausgehen. Umgekehrt wird er (oder sie) alles vermeiden, um diese potenziell wichtigen künftigen Kontaktpersonen mit kritischen Artikeln oder Sendungen zu verärgern. Das heisst, dass die mentale Abkehr vom investigativen Journalismus lange vor dem Jobwechsel in den Bereich der interessengesteuerten Kommunikation einsetzt.
Ein solches Verhalten ist für einen verunsicherten Journalisten, der den Absprung aus der notleidenden Medienwelt plant, rational nachvollziehbar. Für die Demokratie aber, die auf unabhängige, hart recherchierende Medien nicht verzichten kann, ist es fatal. Und da dieser Prozess im Verborgenen stattfindet, ist er besonders gefährlich. So kann im Nachhinein nur in seltenen Fällen nachgewiesen werden, wo und wann ein Journalist seine Unabhängigkeit und Hartnäckigkeit aufgegeben hat, um das Feld für seine angesteuerte neue Tätigkeit besser bestellen zu können.
Lange habe ich mich gefragt, weshalb die Abkehr von der journalistischen Unabhängigkeit hin zur permanenten Verfügbarkeit für zahlungskräftige Klienten so schmerzfrei verläuft, wie mir meist mit leuchtenden Augen berichtet wird. Erst durch intensivere Beobachtung bin ich zur Antwort gelangt. Denn anders, als es von aussen erscheint, handelt es sich meist nicht um einen abrupten Seitenwechsel, sondern es ist das Resultat eines mental und praktisch über Jahre akribisch vorbereiteten Übergangs in eine Welt, die nicht siecht, sondern boomt. Dass dabei für den Journalismus ein erheblicher Kollateralschaden entstanden ist, bleibt jedoch meist unerkannt.
Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.
KOMMENTARE
23.10.2016 03:13 Uhr
20.10.2016 17:22 Uhr
17.10.2016 09:41 Uhr
16.10.2016 19:29 Uhr
16.10.2016 10:49 Uhr
14.10.2016 15:54 Uhr



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Roger Schawinski: Journalistischer Kollateralschaden