Michèle Binswanger hat recht: es ist Zeit, sich zu wehren. Und zwar gegen die feige anonyme Denunzierung von Männern wegen angeblicher sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Entweder liegt etwas vor, das klagewürdig ist, dann bietet jede Firma gegnügend Anlaufstellen, wo sich jede Frau anonym beschweren kann. Oder es liegt ein Delikt vor, und die Polizei nimmt jede Anzeige ernst. Wir leben nicht mehr in den Fünfzigerjahren.
Vor nicht so langer Zeit galt es im Journalismus noch als übergriffig (um ein Modewort zu benutzen), jemanden lediglich aufgrund von anonymen Aussagen in der Presse als Missetäter an den Pranger zu stellen, ohne dass eine Anzeige oder Beschwerde gegenüber zuständigen Behörden oder Stellen vorliegt.
Es galt selbst für Mörder die Unschuldsvermutung, solange ein ordentliches Prozessverfahren nicht abgeschlossen war. Heute ist es möglich, dass eine angesehene Zeitung wie der «Tages-Anzeiger» zur anonymen Denunziation von sogenannten sexuellen Belästigern am Arbeitsplatz aufruft und während zehn Wochen systematisch eine Vielzahl ehemaliger Mitarbeiterinnen eines früheren Blick-Chef anruft und auffordert, sein Verhalten an Partys, bei Weihnachtsessen und Sitzungen genau zu beschreiben.
Obschon dabei nichts herausgekommen ist, das in der betreffenden Firma zu irgendwelchen Klagen Anlass gegeben hätte, stellt man den Ex-Chefredaktor auf Seite 3 prominent und krass rufschädigend als widerlichen Kerl dar, der angeblich seine Mitarbeiterinnen am Arbeitsplatz sexuell belästigt hat.
Ich war jahrelang Chef des betroffenen Journalisten und habe mit ihm zusammen an der Uni Neuenburg unterrichtet. Wenn es wirklich zu Übergriffen gekommen wäre, die eine Anzeige oder Beschwerde wert wären, hätte ich das erfahren, und die betroffenen Frauen hätten Gelegenheit gehabt, sich bei den Human-Ressources-Direktionen zu beschweren. Sowohl beim Ringier-Verlag wie bei der Uni Neuenburg wäre jede Klage ernst genommen worden. Und niemand, ausser dem angeblichen Belästiger, hätte mit beruflichen Nachteilen rechnen müssen.
Es zeugt von einer krassen Missachtung der Opfer von echten sexuellen Übegriffen oder gar Verbrechen, wenn sich jetzt Redaktorinnen berufen fühlen, das Party-Verhalten von Kollegen auf die gleiche Ebene zu heben wie schlimme Vergehen und daraus eine grosse Geschichte zu machen, quasi zur medialen Lynchjustiz gegen unbescholtene Bürger aufzurufen.
Es zeugt auch von einer grossen Verachtung gegenüber den Firmen und Institutionen, bei denen angeblich gewisse Übergriffe vorgekommen sein sollen. Jedes «Opfer» kriegt heute sofort Gehör, bei Ringier genau wie bei Tamedia. Was der «Tages-Anzeiger» da angerichtet hat, nenne ich journalistisches Stalking. Es ist ein Übergriff, eine medialer Missbrauch, unethisch, gegen alle Regeln des Berufs, aber heute offenbar Mode.
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30.12.2017 10:59 Uhr
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Fall Werner De Schepper: Medialer Missbrauch