24.04.2020

Neue Radio-App

«Man muss ein Produkt nicht mit Werbung vollpflastern»

Auf der App Q-Rated stellen Künstler ihre Lieblingsmusik zusammen. Das Angebot ist kostenlos, ohne Unterbrecherwerbung und Registrierung. Als einziger Sponsor tritt die Bank Cler auf. Wie geht das auf? Der 35-jährige Initiant Jan Müller über eine neue Form von Radio.
Neue Radio-App: «Man muss ein Produkt nicht mit Werbung vollpflastern»
«Inhaltlich und technologisch ist das Angebot nicht mit anderen Radios zu vergleichen», so Jan Müller, Geschäftsführer von Brands Are Live. (Bilder: zVg.)
von Christian Beck

Herr Müller, Sie haben diese Woche die App Q-Rated lanciert und bieten damit ein kostenloses Musikangebot ohne Werbeunterbrechung. Wie bitte wollen Sie Geld verdienen?
Wir haben einen exklusiven Sponsoringvertrag mit der Bank Cler geschlossen. Somit schenkt die Bank den Usern ein kostenloses und gleichzeitig qualitativ hochstehendes Musikerlebnis. Wir haben in den letzten Jahren innovative Technologien im Bereich Online-Audio entwickelt und damit Brands und deren Zielgruppen mit Musikangeboten bedient. Q-Rated ist demnach eine Weiterentwicklung von dem, was wir in den letzten Jahren geleistet haben. Mit dieser Ausgangslage können wir ein sehr interessantes Angebot für Musikliebhaber anbieten, das nicht durch personalisierte Werbung finanziert werden muss.

Warum hatte ausgerechnet die Bank Cler Musikgehör für Ihre App?
Als digitale und moderne Bank hat unser Partner das Konzept von Anfang an als Innovation gesehen, welche Schweizer und internationalen Künstlern eine neuartige Plattform für Musik bietet. Wichtig war sicher auch, dass wir von Anfang an Nachwuchsmusiker berücksichtigen wollten. Damit geben wir dem Musiknachwuchs auf digitalem Weg Schub. Das passt ideal zur Positionierung der Bank Cler.

«Wir gehen hier einen anderen Weg, der das Userverhalten nicht unterbricht oder stört»

Ich habe die App runtergeladen und sehe am Fuss ein dezentes Bank-Cler-Logo. Ist der Sponsor damit zufrieden?
Ja, die Bank Cler hat sehr wohl verstanden, dass man ein Produkt nicht mit Werbung vollpflastern muss, um wahrgenommen zu werden. Wir sprechen hier ja von einem exklusiven Werbeumfeld für unseren Partner. Neben dem visuellen Branding gibt es auch ein akustisches Branding. Auch hier haben wir einen neuen Weg gewählt. Es geht nicht um klassische Unterbrecherwerbung zwischen den Songs, sondern um Branding. Weder wir noch die Bank Cler möchten den Hörfluss stören. Daher werden wir in Zukunft gezielt mit Content der Bank arbeiten, welcher zum Beispiel in Form eines Artikels parallel zum Musikangebot konsumiert werden kann.

Die Audio Brandings dazwischen sind tatächlich selten und dezent. Erklären Sie mir, was Sie mit dem Content meinen …
Nehmen Sie bitte als Beispiel YouTube. Jetzt möchten Sie einen Song hören, müssen sich aber zuerst eine Werbung anschauen. Diese Werbung hindert Sie an ihrem Ziel. Kann so der Brand, welcher sich durch die Werbung dazwischenschaltet, wirklich von seinen Stärken erzählen oder sein Image stärken? Wir gehen hier einen anderen Weg, der das Userverhalten nicht unterbricht oder stört. So dürfen sich User einen Artikel anschauen, müssen aber nicht. Natürlich muss der Content dann aber auch gut sein, so dass ein User darin einen Mehrwert für sich erkennt.

Sie setzen also voll und ganz auf einen Sponsor. Wenn dieser aussteigt, haben Sie ein Problem.
Nein.

Warum nicht?
Weil wir die Ausgangslage kennen und einen realistischen Plan verfolgen, der ein solches Szenario berücksichtigt. Die Firma Brands Are Live betreibt verschiedene Projekt im Bereich Online-Audio. Wir freuen uns über ein wachsendes Portfolio an Online-Musikdienstleistungen in Form von Web- und App-Lösungen. 

Künstler und Musikschaffende stellen auf 16 sogenannten Stations ihre Lieblingssongs zusammen. Ich kann mir vorstellen, je mehr Personen die App nutzen, desto höher werden die Suisa-Abgaben. Wie lösen Sie das finanziell?
Gute Frage – hätte ich an Ihrer Stelle auch gestellt (lacht). Wir haben das natürlich einkalkuliert.

Das Angebot soll ausserdem ausgebaut werden. Arbeiten die Musik-Kuratoren kostenlos?
Über die getroffenen Vereinbarungen möchten wir keine Angaben machen.

Ok, ich gehe davon aus, dass die Kuratoren etwas verdienen. Ihr Sponsor, die Bank Cler, ist sich also bewusst, dass es immer teurer wird, je mehr Stations es gibt?
Wir haben mit der Bank Cler einen regelmässigen Austausch und ein sehr gutes gemeinsames Verständnis für die Ausgangslage.

«Das sind sehr angenehme Bekanntschaften»

Kennen Sie alle Kuratoren persönlich und konnten Sie so zum Mitmachen überzeugen?
Ich kannte nicht alle. Aber wir haben uns unterdessen kennengelernt. Das sind sehr angenehme Bekanntschaften. Wir erhalten im Moment viele Nachrichten von Künstlern aus aller Welt, die sich erkundigen, wie sie bei uns mitmachen können.  

Auch auf eine Registrierung verzichten Sie. Dabei wären Adressen ein wertvolles Gut …
Wir leben mit dieser App nicht nur inhaltlich eine Kultur. Wir sind bemüht, auch die Strukturen dazu mit einer gewissen Ethik bereitzustellen. Für die Umsetzung des aktuellen Angebots benötigen wir Userdaten nicht zwingend. Wir verzichten ja auf personalisierte Werbung. Wenn wir Userdaten also als Eintritt verlangen würden, dann mit der möglichen Absicht, ein Geschäft mit solchen zu machen. Das wäre für die Profitmaximierung sicher richtig, jedoch verfolgen wir mit Q-Rated ein anderes Ziel.

Welches? Pestalozzi sind Sie ja nicht.
Gehen Sie davon aus, dass dieses Modell einen Mehrwert für alle bietet: Für Musiker, User, unseren Partner und auch für uns. Wir verfolgen das Ziel, eine «highly engaged community» aus Künstlern und Usern aufzubauen. Das Hörerlebnis soll dabei immer hochwertig sein.

«Technologisch ist fast alles neu gelöst»

Warum braucht es die App Q-Rated überhaupt? Sind Sie mit den klassischen Radios unzufrieden?
Inhaltlich und technologisch ist das Angebot nicht mit anderen Radios zu vergleichen. Inhaltlich personalisieren wir die Musikstreams durch den Kurator. Somit verliert das Angebot an Anonymität. Wir haben nicht einen Musikchef, sondern eine ganze Reihe an erfahrenen Musikern. Die Musik wird nicht durch Algorithmen zusammengestellt. Das unterscheidet uns von den Streaming-Plattformen. Die Auswahl an Genres, welche innerhalb einer Station aufeinandertreffen können, ist viel grösser als bei einer Playlist. Und doch bilden die unterschiedlichen Titel eine Einheit.

Und technologisch?
Technologisch ist fast alles neu gelöst. Wir mixen die Songübergänge beispielsweise auf dem Smartphone selbst und nicht im Radiostudio. Das ist eine echte Innovation, welche noch viele angenehme Überraschungen mit sich bringen wird. Ausserdem können User im Stream auch zurück skippen.

Sie selbst waren bis 2017 Moderationsleiter bei Radio 24. «Ich spüre, dass es nun richtig ist, weiterzuziehen», sagten Sie damals (persoenlich.com berichtete). Jetzt mit etwas Abstand: Warum hatten Sie dieses Gefühl?
Weil Radio sich weiterentwickeln muss, um für die unterschiedlichen Zielgruppen attraktiv zu bleiben. Mit meinem Background wollte ich diese Entwicklung unbedingt mitbeeinflussen.

Bereuten Sie diesen Schritt nie?
Nein. Ich bereue nur Dinge, bei denen ich das Gefühl habe, nicht alles gegeben zu haben.

Nun sind Sie CEO von Brands Are Live und entwickeln Innovationen und Technologien im Online-Audio-Bereich. Vermissen Sie das Mikrofon nicht?
Ganz ehrlich – manchmal schon. Ich denke das könnte auf viele Moderatorinnen und Moderatoren zutreffen, die wie ich schon als Kind zum Radio wollten und sich zu Hause ein fiktives Studio aufbauten. Manchmal sollte man jedoch die Entscheidungen treffen, in welche Richtung man sich weiterentwickeln will. Mir liegt sehr viel an Radio und dieses behalte ich in meinem beruflichen Zentrum.



Inhaltlich will Q-Rated eine musikaffine Zielgruppe ansprechen, welche sich in einem urbanen Umfeld und in der Subkultur zu Hause fühlt. Elektro, Indie, Hip-Hop, Soul, Jazz und World Music geben den Ton an. Die App gibt es für iOS und Android. Auch einen Webplayer gibt es.



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