06.02.2017

Neue Zürcher Zeitung

«Wir wollen Debatten von der Parallelwelt in die Redaktion tragen»

Die NZZ deaktiviert die Kommentarspalte und stellt täglich drei Themen zur Diskussion. Zudem werden Autoren künftig mit Lesern über eigene Artikel und Meinungsstücke debattieren. Social-Media-Leiter Oliver Fuchs freut sich im Interview auf «fundierte Kritik». Sie sei für jeden guten Journalist ein Ansporn.
Neue Zürcher Zeitung: «Wir wollen Debatten von der Parallelwelt in die Redaktion tragen»
Oliver Fuchs leitet seit Januar 2017 das Social-Media-Team der «Neuen Zürcher Zeitung».
von Michèle Widmer

Herr Fuchs, Ihr Beitrag über den Umbau der Kommentarspalten wurde 660 Mal kommentiert. Wer hat diese Flut übers Wochenende aufgefangen?
Ich war am Wochenende auf der Redaktion und habe die Debatte moderiert. Es ist eher selten, dass unsere Artikel so häufig kommentiert werden. Aber es ist ein gutes Zeichen.

Der Entscheid wurde hauptsächlich kritisiert, erhielt aber auch Lob. Sie haben alle Kommentare gelesen. Was ist Ihr Fazit?
Wir haben auf diversen Kanälen sehr viel Zuspruch erhalten. Viele Leserinnen und Leser begrüssen den Entscheid und freuen sich darauf, sich ab sofort in konstruktive Diskussion einbringen zu können. Aber klar, es gibt Kommentatoren, die die neue Handhabe als einschränkend empfinden.

Hat Sie die Anzahl Kommentare überrascht?
Für uns war klar, dass wir die Änderung in einem Beitrag erklären müssen und der Entscheid so auch mehr Aufmerksamkeit erhält. Es gibt Leser, denen sind unsere Kommentarspalten enorm wichtig. Weitaus mehr überrascht haben mich die Reaktionen in der Branche selbst. Die Nachrichtenagentur dpa hat eine Meldung dazu gemacht, welche die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» schliesslich aufgenommen hat. Dass unsere Entscheidung bis über die Landesgrenzen thematisiert wird, hätte ich nicht gedacht. Gerade in Deutschland, wo doch gerade die «Süddeutsche Zeitung» die Kommentarspalte bereits seit zwei Jahren nicht mehr flächendeckend einsetzt.

Aber in der Schweiz ist die NZZ das erste Medium, das einen solchen Schritt wagt. Warum gerade jetzt?
Wir diskutieren intern bereits seit einem Jahr über neue Modelle für unsere Kommentarspalten. Aber mit der Umstellung ist es am Ende nicht getan. Wir mussten interne Prozesse umbauen und schliesslich brauchte es auch noch etwas Programmierarbeit von der Entwicklungsredaktion. Nun sind wir soweit und starten.

Ab Mittwoch sind bei der NZZ die Kommentarspalten unterhalb der Artikel passé. Werden Sie und Ihr Team nun weniger zu tun haben?
Nein, im Gegenteil. Es geht ja gerade darum, auf unserer Plattform gehaltvolle und konstruktive Diskussionen zu ermöglichen. Hierfür kann ich mein Team sogar ausbauen. Künftig werden alle Kommentare intern bearbeitet, und nicht wie bisher auch von externen Moderatoren. Ab Mittwoch werden wir uns täglich überlegen, welche drei Artikel sich für Debatten eignen und diese Debatten moderieren.

Wie wird das neue Format daherkommen?
Die drei Debatten werden auf der Front prominent platziert und zeigen so, was die Community gerade beschäftigt. Unser Ziel ist es, diese Debatten von der bisherigen Parallelwelt unterhalb der Artikel in die Redaktion und zu den Lesern zu tragen.

Nach welchen Kriterien werden die drei Themen ausgewählt?
Nach journalistischen. Wir fragen uns, wie relevant ein Artikel ist und ob er Anlass zu einer spannenden Diskussion geben kann.

Und Themen, welche potenziell negative Kommentare auslösen, lassen Sie dann einfach weg?
Sicherlich nicht. Die kontroversen Themen sind ja gerade die spannenden. Wir werden also weiterhin Artikel etwa zum Thema Flüchtlingspolitik zur Diskussion stellen. Der Unterschied ist nur, dass wir aktiv zuhören und uns in die Diskussion einschalten, spannende Fragen lancieren oder nachhaken, wenn etwas unklar ist.

Welche drei Fragen kommen am Mittwoch auf den Tisch?
Das wissen wir noch nicht. Die Ideen dafür liefern aktuelle, wenn auch nicht unbedingt tagesaktuelle Beiträge. Wir werden uns die Fragen jeweils am Vorabend oder spätestens am Morgen überlegen.

Zudem werden neu die Autoren selbst miteinbezogen. Jede Woche führt ein Journalist eine Debatte über einen seiner Artikel. Müssen da alle ran, oder nur diejenigen die wollen?
Die Reaktionen unserer eigenen Journalisten waren durchwegs positiv. Ich habe noch von keinem Autor gehört, dass er nicht mitmachen will. Aber natürlich werden wir niemanden zwingen.

Wie werden die Artikel ausgewählt?
An der wöchentlichen Ressortleitersitzung werden die geplanten Meinungsstücke besprochen. Solche eignen sich gut für die Autorendebatte, da man über Thesen immer debattieren kann. Es können aber auch andere anregende oder kontroverse Artikel sein.

Dann müssen die Autoren ihre Meinung gegenüber der Community verteidigen.
Alle Journalisten, die bei den bisherigen Tests mitgemacht haben, hatten Freude daran. Fundierte Kritik sieht jeder gute Journalist als Ansporn, in eine spannende Debatte einzusteigen.

Wie viel Zeit erhält der Autor für seinen Dialog mit den Lesern?
Voraussichtlich wird sich der zuständige Journalist einen Nachmittag lang in die Debatte einschalten. Danach bedanken wir uns bei den Lesern für die Beiträge und weisen darauf hin, dass die Kommentarspalte weiterhin offen bleibt.

Erhalten NZZ-Journalisten nun einen Crashkurs in Social Media?
Alle unsere Journalisten kennen die Etikette der NZZ für die Kommentarspalten. Eine zusätzliche Schulung ist nicht nötig. Zudem sitzt der zuständige Autor in den paar Stunden beim Social-Media-Team und erhält so Unterstützung.

In der NZZ erscheinen immer wieder pointierte Gastbeiträge. Wäre es möglich, dass ein solcher Gastautor einmal die Autorendebatte übernimmt?
Das wäre durchaus möglich.



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