31.01.2021

Sprache der Pandemie

«Der Ellbogen-Gruss könnte zum Emoji werden»

Warum reden alle von der «Briten-Mutation», wenn gleichzeitig «China-Virus» als rassistisch gilt? Linguistik-Professorin Christa Dürscheid beurteilt coronial verwendete Begriffe. Sie sagt, «Home Office» bedeute im britischen Englisch etwas ganz anderes.
von Edith Hollenstein

Frau Dürscheid, haben Sie bereits ein «Vaxxie» erhalten?
Ein was? Ich versteh nicht, was Sie meinen.

«Vaxxie» – das Impf-Selfie. Davon habe ich letzte Woche in den Tamedia-Zeitungen gelesen.
Aha, «Vaxxie»! (lacht) Also ein Selfie, das man verschickt, nachdem man sich gegen Corona hat impfen lassen? Diese Assoziation habe ich nicht sofort hergestellt.

Ich hörte kürzlich auch «Impf-Nationalismus». Was ist Ihnen zuletzt begegnet?
«Vakzin» und «Mutant» hört man derzeit oft. Das Institut für Deutsche Sprache in Mannheim führt eine Liste mit neuen Wörtern. Bei manchen frage ich mich, ob sie wirklich so in Gebrauch sind, oder ob es sich um situativ oder spielerisch gebrauchte Wörter handelt. Das könnte auch bei «Vaxxie» der Fall sein. In der Wissenschaft unterscheiden wir, ob Wörter in die Allgemeinsprache eingehen – wie Social Distancing oder Homeschooling – oder ob gewisse neue Wörter einfach nur kurzfristige Medienhypes sind.


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Erstaunlich ist etwa in Bezug auf «Social Distancing», dass dieses Wort bezüglich der ursprünglichen Bedeutung völlig falsch verwendet wird, und sogar weltweit. Es müsste doch «Physical Distancing» heissen.
Na ja, hier würde ich dagegen argumentieren. Denn wenn man sich räumlich voneinander distanziert, entfernt man sich automatisch auch persönlich – also auf der gesellschaftlich-sozialen Ebene. Man kann durch die Entfernung im persönlichen Gespräch auch kein Socializing mehr machen, wie wir es von normalen Zeiten her kennen. «Homeoffice» ist ein anderes Beispiel für ein Wort, das zwar englisch klingt, aber im Englischen nie in dem Zusammenhang verwendet würde, wie wir es im Deutschen jetzt ständig brauchen. Auf Englisch würde man sagen: «I am working from home». «Home Office» bedeutet im britischen Englisch «Innenministerium». Es handelt sich also um einen «False Friend», also das gleiche Phänomen wie bei «Handy» oder «Showmaster».

Nochmals zu Social Distancing: Gibt es Analysen darüber, wo dieser «Fehler» entstanden ist?
Wenn man denn wirklich von einem «Fehler» sprechen will. Es ist ja keine falsche Übertragung aus dem Englischen, sondern der Begriff trifft den Sachverhalt nicht ganz oder nur teilweise.

«Die Schuldzuweisung, die Trump mit der Verwendung von China-Virus vollzog, wollten wir wahrscheinlich nicht übernehmen»

Interessant ist, dass sich das «China-Virus» nicht durchsetzen konnte, weil der Begriff als rassistisch kritisiert wurde. Warum verhält es sich anders mit den Begriffen «Südafrika-Variante» oder «Britische Mutation»?
Ach, das sind Fragen! Die Antwort liegt auf einer politischen Ebene. Ich denke, das hängt mit der Tatsache zusammen, dass wir hier in Europa Ex-US-Präsident Donald Trump sehr stark beobachtet haben und alles, was er tat und sagte, kritisch betrachteten. Die Schuldzuweisung, die Trump mit der Verwendung von «China-Virus» vollzog, wollten wir, in der hier verbreiteten Anti-Trump-Haltung, wahrscheinlich nicht übernehmen. Ausserdem ist der Ursprung dieses Virus noch immer nicht definitiv geklärt. Aufgefallen ist mir, dass «China-Virus» bei der vorher erwähnten Sammlung der Corona-Neologismen nicht vorkommt – auch hier zeigt sich wohl die Anti-Trump-Haltung.

Das ist ja bei «Südafrika-Variante» oder «Britische Mutation» auch so: Man weiss nicht, ob diese tatsächlich in diesen Ländern entstanden sind.
Bei der «Südafrika-Variante» oder «Britische Mutation» gibt es auch keine Bezüge zu einer Person wie etwa Trump. Deshalb dürften viele Leute diesen Bezeichnungen eher neutral gegenüberstehen.

Wird sich allenfalls das neutrale «B.1.1.7» durchsetzen?
Bis jetzt noch nicht. Auch FFP2, einen anderen auf Ziffern basierenden Begriff, hört man jetzt ab und zu. Zwar wird das Wort in den Zeitungen, im Radio und TV verwendet, doch ich habe den Eindruck, dass es den Sprung in die Alltagssprache noch nicht geschafft hat. In meinem persönlichen Umfeld zumindest gehören weder FFP2 noch R117H zum aktiven Wortschatz. Um die Verwendung empirisch zu ermitteln, müsste man Tonaufnahmen von alltäglichen Gesprächen über die Pandemie auswerten. Doch dazu gibt es meines Wissens noch keine Daten.

«Sowohl das Wort als auch das Konzept ‹Gesundheit› haben in dieser Pandemie ein völlig neues Gewicht erhalten»

Bemerkenswert ist «Bliibed Sie gsund». Eine Weile lang verabschiedeten sich sogar Tagesschau-Moderatoren so. Das scheint nun aber etwas vorbei.
Man muss sich einmal so richtig vor Augen führen, was es bedeutet, dass am TV das Publikum mit «Bliibed Sie gsund» verabschiedet wird: Wir wünschen einander zum Gruss Gesundheit! Man hätte das früher allenfalls in einer Glückwunschkarte an eine ältere Person geschrieben, aber als Gruss an alle, denen man persönlich oder schriftlich begegnet? Das war noch vor Jahresfrist unvorstellbar. Neuerdings begegne ich vermehrt der Formulierung «Bleiben Sie zuversichtlich», vor allem in deutschen TV-Nachrichten.

«Zuversichtlich» in Bezug auf den Verlauf dieser Pandemie?
Ja, denn «Bleiben Sie gesund» setzt voraus, dass das Gegenüber gesund ist. Das ist nun aber im Laufe dieser Pandemie offensichtlich nicht mehr immer gegeben. Daher die Variante «Bleiben Sie zuversichtlich». Oder ich hörte gar scherzhaft die Aussage, dass man einander «einen milden Verlauf» wünschen sollte. Generell ist es durchaus so, dass sowohl das Wort als auch das Konzept «Gesundheit» in dieser Pandemie ein völlig neues Gewicht erhalten haben.

In der Schweiz entstanden Begriffe wie «Trödel-Kantone», laut der Schweizerischen Mediendatenbank SMD ursprünglich beim Blick. Mittlerweile liest man sogar in der NZZ von «Trödel- oder Problemkantonen». Erforschen Sie solche Neologismen?
Ich selber habe dazu kein empirisches Projekt, doch vermutlich entstehen dazu jetzt Forschungs- oder Doktorarbeiten.

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Die Rede war von «Flockdown» und «Schockdown». Erstaunlich, dass jeweils viele wissen, was damit gemeint ist.

Flockdown war eine Ad-hoc-Wortbildung in den Tagen, als es viel geschneit hatte. Schockdown ebenfalls: Als der Bundesrat überraschend strengere Corona-Massnahmen eingeführt hatte. Ähnlich verhält es sich mit dem Wort «Gabenzaun», das im letzten Frühling auftrat. Es meinte die Grenzabsperrung in Kreuzlingen, wo Menschen aus Deutschland und der Schweiz hinkamen und einander Geschenke durch den Zaun überreichten. Solche Ad-hoc-Wortbildungen sind meist nur regional bekannt und verschwinden teilweise rasch wieder. Regionalität gilt übrigens auch für die «Aha-Formel».

Was ist das?
In Deutschland reden alle davon. Die Aha-Formel ist zu einem zentralen Begriff der Politik geworden und wird von der Regierung in der Krisenkommunikation eingesetzt – auf Plakaten etwa –, um den Menschen die Präventionsmassnahmen einzutrichtern. «Aha» steht für Abstand, Hygiene, Alltagsmaske. Sogar Politikerinnen und Politiker sprechen von der Aha-Formel. In vielen Länder gibt es solche Kurzformeln, wie eine entsprechende Twitter-Diskussion auf meinem Account gezeigt hat.

In der Schweiz gibt es keine solche griffige Eselsbrücke.
Nein, mir fällt jetzt gerade auch keine ein. Allenfalls könnte man hier die BAG-Kampagne «So schützen wir uns» nennen.

Sie erforschen hauptsächlich unsere Alltagskommunikation, dabei auch die Verwendung von Emojis. Gibt es dort interessante Entwicklungen?
Die Begrüssungsrituale haben sich in der Pandemie ja stark verändert. Fist Bump, Wuhan-Shake, Fuss-Gruss und wie diese Gesten alle so heissen. Es ist naheliegend, dass es dafür auch Emojis geben wird. So könnte ich mir vorstellen, dass der Ellbogen-Gruss mittelfristig auch als Emoji verfügbar werden wird. Das wäre dann wortwörtlich ein Zeichen der Zeit (lacht). Zum Elbow-Bump-Emoji gibt es bereits einen Vorschlag, doch er muss zuerst noch vom Unicode-Konsortium bewilligt werden.


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Im Zusammenhang mit der Krise ist häufig vom «Kampf» gegen das Virus die Rede. Wie unterscheidet sich das Sprechen über die Pandemie vom Diskurs in einem Krieg?
Die zu häufige Verwendung von Kriegsmetaphorik wurde im Lockdown vom Frühling dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron vorgeworfen. Doch wir sprechen oft in Metaphern. Krieg, Kampf, Feinde, Waffen – diese Bilder gehören zum Diskurs in einer Pandemie. Wir brauchen «Waffen», also Impfungen, «im Kampf» gegen das Virus. Das sehen die einen kritisch, andere sehen darin den Vorteil, dass es sich dabei um sehr gute Bildspender handelt, damit wir die Sachverhalte, mit denen wir aktuell konfrontiert sind, anschaulich benennen können.

 

 

 



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