22.07.2020

Serie zum Coronavirus

«Ich habe meinen Konsum radikal umgestellt»

Folge 91: Artur K. Vogel, der langjährige Chefredaktor des Bund, hat ein Reisebuch über die Schweiz geschrieben. Ausgelöst durch einen zu hohen Bewegungsdrang während des Lockdowns.
Serie zum Coronavirus: «Ich habe meinen Konsum radikal umgestellt»
«Irgendwie hat mir Covid-19 das Gehirn durchgespült und die Kutteln geputzt», sagt Vogel rückblickend auf den Lockdown. (Bild: zVg.)
von Matthias Ackeret

Herr Vogel, Sie haben unter dem Titel «Eine Weltreise durch die Schweiz» ein originelles Fotobuch veröffentlicht. War diese Idee coronabedingt?
Ja, natürlich. Ich bin in meinem Leben extensiv durch die Welt gebummelt und sah mich plötzlich, wie alle anderen auch, auf die Schweiz zurückgeworfen. Da taucht natürlich die Frage auf: Was unternehme ich jetzt, um meinen Bewegungsdrang zu stillen?

Sie setzen jeden Schweizer Ort mit einer ausländischen Sehenswürdigkeit gleich. Was war zuerst da: die treffende Bezeichnung oder der Ort, den Sie beschreiben wollten?
Teils, teils. Oft erinnerten mich Bilder aus der Schweiz an Orte, die ich im Ausland gesehen hatte: die terrassierten Abhänge im Valle di Muggio an die Reisterrassen auf den Philippinen oder der Niesen am Thunersee an einen Vulkan auf der Karibikinsel Martinique. Oft ging ich aber auch von Reisen aus, die ich kürzlich unternommen hatte, zum Beispiel Schottland, Mekong oder Irland, und suchte nach Schweizer Landschaften, die sich damit vergleichen liessen.

Haben Sie alle Locations, die Sie aufführen, selber besucht?
Von den schweizerischen fast alle, von den ausländischen 54 von 60.

Welcher Ort in der Schweiz ist für Sie dieses Jahr ein absolutes Must?
Ich war dieses Jahr schon zweimal im Oberengadin, das nicht nur eine wunderschöne und meditative Landschaft ist, sondern auch eine kulturell spannende Gegend. Und dann Orte, die sonst von asiatischen Gruppen überlaufen sind: Luzern, Engelberg, Jungfraujoch.

Sie haben ausser Australien, Grönland, Kamtschatka, Madagaskar, Nepal und Norwegen alle Länder gesehen, die im Buch vorkommen. Kann eine Reise durch die Schweiz wirklich die Welt ersetzen?
Nein. Ich habe das Buch mit einem Augenzwinkern geschrieben. Die Begegnungen mit fremden Kulturen, exotischer Gastronomie, tropischen Landschaften lassen sich durch die Schweiz nicht substituieren.

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Sie waren lange Jahr Chefredaktor beim «Bund». Wie haben Sie die ganze Coronazeit wahrgenommen?
Ich bin seit fünfeinhalb Jahren weg vom «Bund», der folglich kaum zu meiner Wahrnehmung der Krise beigetrage hat. Aber ich finde, dass einige Medien unnötige Panik verursacht, das Thema jenseits jedes vernünftigen Rahmens aufgebauscht und aus kaum belegbaren, statistisch nicht erhärteten Aussagen knackige Schlagzeilen gefertigt haben, die zwar höchstens halbwegs zutrafen, dafür aber beachtliche Klickraten erzeugten.

Wird sich unsere Gesellschaft dadurch langfristig verändern?
Der weit verbreitete Glaube, dass der Staat mit seinen (bzw. unseren) Milliarden alle Probleme bewältigen könne, macht mir Angst. Ich fürchte einen Rückfall in autoritärere Zustände und eine Beschneidung unserer bürgerlichen Freiheiten, unserer Eigenverantwortung und Selbstbestimmung.

Haben Sie etwas Vergleichbares in Ihrer Karriere erlebt?
Die permanenten Konflikte im Nahen Osten, die massenhafte Migration von Süd nach Nord, der Aufstieg des radikalen Islamismus und Chinas Streben nach Weltherrschaft haben langfristig vielleicht tiefgreifendere Auswirkungen. Aber als Einzelereignis ist die Coronakrise unvergleichbar.

Wann kehrt wieder echt Normalität ein?
Das wissen vielleicht die Götter, falls es sie gibt; ich weiss es nicht. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Wie beurteilen Sie die Arbeit unserer Regierung?
In den meisten Bereichen hat sie ungefähr das getan, was sie tun musste und was andere auch getan haben. Aber sie hat teilweise zur unnötigen Panik beigetragen, und oft waren ihre Entscheide intransparent, mangelhaft kommuniziert, inkongruent oder nicht nachvollziehbar. Dass mit Steuermilliarden nicht nur gesunde Unternehmen gestützt werden, sondern auch solche, bei denen längst die Strukturbereinigung hätte walten sollen (Beispiel Flugverkehr), stört mich.

Wohn verreisen Sie in die Ferien? Nehme an in die Schweiz…
Ich verreise überhaupt nicht in die Ferien. Ich habe ein paar Tage im Oberengadin und im Berner Oberland verbracht. Für September ist eine journalistische Bahnreise durch Skandinavien geplant. Aber ob sie stattfinden kann, steht in den Sternen.

Was war für Sie das prägendste Erlebnis der letzten Wochen?
Während dem Lockdown habe ich meinen Konsum radikal umgestellt, und das bleibt weiter so: Wochenmarkt statt Migros, Bio-Produkte lokaler Erzeuger, Fleisch von glücklichem Rindvieh. Irgendwie hat mir Covid-19 das Gehirn durchgespült und die Kutteln geputzt.



Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com jeden Tag eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier. 



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