03.08.2022

Branchenwechsel

«Plötzlich kommen Ideen und Figuren zusammen»

Vor fünf Jahren hat Seraina Kobler ihren Job bei der NZZ gekündigt. Im Frühling ist ihr zweites Buch erschienen. Die Autorin erzählt, wie sie das grosse, teils auch kritische, Medienecho erlebt hat. Sie spricht zudem über den Schreibprozess, Social-Media-Posts und ihr Einkommen.
Branchenwechsel: «Plötzlich kommen Ideen und Figuren zusammen»
Verewigt auf der «Wall of Fame» vom Diogenes Verlag: die frühere Journalistin und jetzige Autorin Seraina Kobler. (Bild: zVg)
von Michèle Widmer

Früher haben Sie selbst als Journalistin gearbeitet. Jetzt mit etwas Distanz: Wie haben Sie als Protagonistin das Zusammentreffen mit Journalistinnen und Journalisten erlebt?
Sehr professionell. Alle haben einen Top Job gemacht. Ich habe festgestellt, dass sich alle gewissenhaft mit meinem Buch auseinandergesetzt haben. Jemand hat das Buch sogar viermal gelesen. Das hat mich überrascht. 

Worauf führen Sie das grosse mediale Interesse an Ihrer Person und dem Roman zurück?
Das ist für mich schwierig zu beurteilen. Mein erstes Buch ist im kleinen Kommode Verlag erschienen. Der Wechsel zu Diogenes spielte da sicher eine Rolle. Zudem hat es das Buch bereits in der ersten Woche auf die Bestsellerliste geschafft und ist noch immer dort. Daraus ergibt sich eine gewisse Relevanz. Generell scheint es mir, als hätte ich mit dem Buch einfach auch den Zeitgeist getroffen. 

Als frühere Journalistin sind Sie gut vernetzt in der Branche. Hat Ihnen das geholfen?
Es schadet nie, wenn man gut vernetzt ist. Gerade unter Frauen ist das essenziell. Als Freischaffende war ich mit meiner Arbeit häufig sehr allein. Darum habe ich mit Kolleginnen regelmässig «Redaktionssitzungen» durchgeführt, wo wir über unsere Projekte gesprochen haben. Da waren Journalistinnen, aber auch Frauen aus dem Literaturbetrieb dabei. Für mich als junge Frau mit Kindern war das sehr wichtig. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich habe nie Redaktionen direkt kontaktiert. Die Medienkontakte liefen alle sehr professionell über Diogenes ab. 

Fünf Jahre ist es her, dass die 40-jährige Schriftstellerin, die mit ihrer Patchworkfamilie und ihren vier Kindern am Fusse des Zürichbergs wohnt, ihren Job bei der NZZ gekündigt hat. Dreieinhalb Jahre hat sie dort als Inlandredaktorin gearbeitet. Davor schrieb sie über vier Jahre lang für den Tages-Anzeiger und die SonntagsZeitung. Für den Radiosender Stadtfilter war sie als freie Radiomacherin tätig, beim Landboten als freie Journalistin. Kobler hat in Winterthur am «Institut für Angewandte Medienwissenschaften» und an der Universität Konstanz studiert. 

2017 kam dann der Schritt in die Selbstständigkeit. Sie gründete ihre Firma Federa, dozierte an verschiedenen Bildungsstätten, lektorierte und schrieb Kolumnen, Reportagen und Essays als freie Journalistin. Sie habe tagsüber gearbeitet, um Geld zu verdienen und abends und an den Wochenenden am ersten Buch «Regenschatten» geschrieben, erzählt sie.

Lange lief Ihre Arbeit als Journalistin und Schriftstellerin nebeneinanderher. Heute konzentrieren Sie sich voll auf Ihre Bücher. Sehen Sie sich – um den Titel unserer Serie zu nennen – überhaupt als «Branchenwechslerin»?
Klar ist: Ich will Bücher machen. Mein Krimi ist erschienen, ich habe viele Lesungen gehalten und schreibe nun am nächsten Buch. Also war es in den letzten Monaten auch eine reine Zeitfrage. Ich hatte keine Zeit für beides. Aber der Journalismus ist für mich nicht tot. Ich schreibe zum Beispiel eine Kolumne in dem Frauen-Finanzmedium ElleXX und kann mir gut vorstellen, auch künftig nebenbei journalistische Reportagen oder Essays für Medien zu schreiben. Diese Genres liegen der Literatur nicht ganz fern. Wichtig ist mir aber, die beiden Aufgaben nicht zu vermischen. In den beiden Rollen trägt man unterschiedliche Hüte. 

Als Schriftstellerin dürfen Sie mit Fiktion liebäugeln, als Journalistin müssen Sie bei der Wahrheit bleiben. Meinen Sie es so?
Was im Journalismus verboten ist, ist in der Literatur Gebot. Als ehemaliges Mitglied des Presserates nehme ich diese Trennung ernst. Also beschränke ich mich mit meiner journalistischen Tätigkeit auf die Phase zwischen den Büchern. Ich mache nicht mehr beides parallel.

Wie schreiben Sie Ihre Bücher?
Ich habe einen intuitiven Zugang zur Literatur. Ich sammle über längere Zeit Weltschnipsel. Viele Ideen kommen mir unterwegs – zum Beispiel in der Zürcher Badi Mythenquai, wenn die Seepolizei vorbeifährt. Dann schaltet sich die Fiktion ein. Was könnte jetzt passieren? Ich nehme Stimmungen wahr oder die Natur. Danach geht es dann um die Handlung. Zuerst schreibe ich nur kurz, dann baue ich sie in Kapitel auf. Ich schreibe und schaue, wo es hingeht. Plötzlich kommen Ideen und Figuren zusammen. Man lebt ein bisschen mit der Geschichte im Hinterkopf. Beim Schreiben verändert sich dann auch wieder vieles. Es öffnen sich Türen, andere, die im Kopf gut funktioniert haben, gehen zu. Im Vergleich zum journalistischen Schreiben geht alles viel langsamer. Als Journalistin schreibt man einen Text und erhält dann relativ rasch Feedback von den Blattmacherinnen oder den Lesern. 

Fehlt Ihnen dieses Zückerchen, das regelmässige Feedback auf Ihre Arbeit?
Nein, aber was mir manchmal fehlt, ist die Aktualität beim Schreiben. Ich erinnere mich gut an meine Zeit in der Inlandredaktion der SonntagsZeitung. Damals ereignete sich im März 2011 die Fukushima-Katastrophe, wenige Monate später das Breivik-Attentat und nochmals später starben mehrere Kinder bei einem Busunglück im Wallis. In dieser Zeit habe ich mich häufig gefragt: Wie verhält man sich, wenn man als Journalistin selbst von einer Katastrophe betroffen ist? Als dann vor zwei Jahren der Lockdown in der Coronapandemie verkündet wurde, kam dieses Gefühl wieder auf. Ich schaute jede Pressekonferenz des Bundesrates und kam wieder stark in den Journalistenmodus. Es kam dann dazu, dass ich eine kurze Zeit beim Basler Onlinemedium Bajour mitarbeitete.


 

Wo bringt die Arbeit als Schriftstellerin Vorteile?
Für mich ist es ein riesiges Privileg, so arbeiten zu können, wie ich es jetzt mache. Ich kann mir meine Zeit selbst einteilen. Und alles, was ich mache, mache ich aus Leidenschaft. Gleichzeitig ist diese Freiheit auch die grösste Herausforderung, weil ich mir selbst Strukturen geben muss. Die Schreibzeit muss ich mir fix einplanen. Mir liegt es eigentlich, nachts zu schreiben, wenn keine Mails kommen und die Welt schläft. Aber das lässt sich nicht mit meiner Familie vereinbaren. Doch grad jetzt habe ich drei Wochen Zeit, um am neuen Buch zu schreiben. 

Bleiben Sie dafür hier in Zürich oder fahren Sie weg?
Das entscheide ich flexibel. Manchmal ist es gut, hier in Zürich zu sein. Zum Beispiel, wenn ich ein Buch aus der Zentralbibliothek benötige. Irgendwann kommt dann wohl das Gefühl, dass ich raus muss. Dann werde ich das tun. 



Nebst den vielen positiven Medienberichten über Seraina Kobler und ihr Buch schlug
die NZZ am Sonntag Anfang Juli einen kritischen Ton an. Neben Kobler geht es im Artikel mit dem Titel «Literarisches Kalkül» auch um die Autorinnen Christine Brand und Claudia Schumacher – alle mit ihren Büchern auf der Bestsellerliste und alle ehemalige Journalistinnen. Die drei hätten viel Wissen aus ihrer Zeit im Journalismus in ihre Bücher gesteckt. Auch das Selbstmarketing in den sozialen Medien wird beleuchtet. 


Die Autorin des Texts stellt die Frage: «Kann man literarischen Erfolg planen?» Ich gebe diese Frage gerne an Sie weiter.
Nein, kann man nicht. Dafür bräuchte es einen Sternenstab. Bücher gehen ihren eigenen Weg. 

Auf Ihrem Facebook- oder Instagram-Kanal sind Bilder von der Bestseller-Liste zu sehen, oder von Ihren Lesungen. Welche Rolle spielt diese Selbstvermarktung für den Verkauf eines Buches?
Da müssten Sie meinen Verlag fragen, der für die Vermarktung zuständig ist. Ich sehe diese Kanäle als Chance für Resonanz und Austausch mit den Leserinnen und Lesern. Als vierfache Mutter habe ich nicht die gleichen Möglichkeiten, raus an Anlässe zu gehen. Ich sitze häufig hier in unserer Familiensiedlung und erhalte so die Möglichkeit, zu partizipieren. 

Welche Feedbacks erhalten Sie? Teilen Sie ein Beispiel mit uns?
Ein Leser hat mir geschrieben, dass er lange Zeit nicht mehr die Musse zum Lesen fand. Und dass er dies mit meinem Buch aufbrechen konnte. Diese Nachricht hat mich besonders gefreut.

Als Journalistin hatten Sie ein festes Einkommen. Wie ist das heute?
Also wegen des Geldes schreibt man keine Bücher. Mit meinem ersten Buch «Regenschatten» habe ich insgesamt aus den Verkäufen etwa 1300 Franken verdient. Einmal habe ich von einer Stiftung 8000 Franken erhalten. Ansonsten kommt Geld von Lesungen oder meiner Arbeit als Dozentin rein. Mein Budget ist eine Mischrechnung. Es gibt bessere und prekäre Monate. Richtig durchgeschüttelt hat mich die Coronakrise. Ich bin durch sämtliche Raster gefallen und habe keine finanzielle Unterstützung erhalten. 

Unter welchen Umständen könnten Sie sich vorstellen, wieder voll als Journalistin einzusteigen?
Im Moment kann ich mir das gar nicht vorstellen. Wie gesagt: Ich will Bücher schreiben. Aber für die Zukunft schliesse ich das nicht aus. Der Journalismus hat eine Dynamik, die ich sehr gerne habe. 



In der Serie «Branchenwechsel» stellt persoenlich.com Personen vor, die im Journalismus oder in der Werbung gearbeitet und nun ihren angestammten Beruf verlassen haben. Bereits erschienen sind:

Curdin Janett: Vom Werbeagentur-CEO zum Käse-Affineur.

Marc Krebs: Vom Kulturjournalist zum Start-up-Unternehmer.

Melchior Bruder: Von TeleZüri und SRF zur Kindergartenlehrperson.



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