17.07.2022

Branchenwechsel

«Die Menschen vermisse ich, die Branche nicht»

Vom «Hamsterrad» raus ins Unternehmertum: Der frühere Kulturjournalist Marc Krebs hat ein Start-up mit aufgebaut, das Recycle-Lösungen für Meeresplastik herstellt. Der Basler blickt zurück auf schwierige Entscheidungen – und mit positiver Energie nach vorn.
Branchenwechsel: «Die Menschen vermisse ich, die Branche nicht»
Alle drei Monate steht eine Reise nach Thailand oder Mexiko an: Der frühere Kulturjournalist Marc Krebs auf Geschäftsreise für Tide Ocean (Bild: zVg)
von Michèle Widmer

Mit blauer Regenbekleidung und blauen Turnschuhen sitzt er in einem ebenso blauen Fischerboot und tuckert an der thailändischen Küste entlang. Nicht blau, sondern eher grau erscheint an diesem Tag das Wasser der Andamanensee. Das Wetter: garstig und regnerisch. Doch das scheint Marc Krebs nicht zu stören. Auf dem Bild lacht er verschmitzt. Den Post auf Instagram kommentiert er mit: «When it rains it pours». Auf dem Boot sass der frühere langjährige Kulturjournalist Ende Mai auf Geschäftsreise für Tide Ocean. Das Start-up bietet Recycle-Lösungen für verschmutztes Plastik aus dem Meer an.

Auch wenn Marc Krebs als Mitgründer und First Officer von Tide Ocean nur selten auf Fischerbooten, sondern mehrheitlich in den Büros in Basel sitzt – sein Arbeitsalltag hat sich im Vergleich zu früher stark verändert. Vor drei Jahren kündigte der damalige Kulturchef der bz Basel seinen Job. Er fühle sich wie im Hamsterrad, begründete er den Entscheid



Was war damals der Auslöser, Ihren Job zu kündigen?

Ich habe 25 Jahre als Journalist – hauptsächlich im Kulturbereich – gearbeitet. Das war über Jahre super, mein Traum. Doch 2019 merkte ich: Dieser Traum macht mich nicht mehr glücklich. Mein Job hat sich und mich abgenutzt. Das ultimative Signal, dass ich etwas ändern musste in meinem Berufsleben, waren zwei Panikattacken. Ein Notruf aus dem Innern, dass es Fünf vor Burnout war. Dann folgte die Frage: Wie kommt man da raus? Wäre ich jünger gewesen, ohne Kinder und familiäre Verpflichtungen, wäre dieser Schritt einfacher gewesen.



Wie kam das Engagement für Tide Ocean Material zustande?
Mein Schwager Thomas Schori ist ein mitreissender Unternehmer. An einer Familienfeier erzählte er mir, dass er eine Studie in Auftrag gegeben habe, wie man Plastik aus dem Meer zurück in den Kreislauf bringen kann. Er suchte jemanden, der mit ihm den Karren vorantreibt. Ich zögerte zuerst, weil mir der Abschied aus einer ganzen Branche ein grosser Schritt schien. Gleichzeitig war ich begeistert, etwas Sinnvolles zu tun, etwas zu bewegen. Ich wollte etwas in Angriff nehmen, das mich aus dem Trott rausholt. Aber es war auch ein Sprung in eine unsichere Zukunft.

Was liess Sie dennoch zweifeln?
Als Start-up-Mitgründer riskierte ich als Mittvierziger, dereinst vielleicht ohne Job und mit noch grösseren Fragezeichen dazustehen. Als ich mit einem guten Freund über alles sprach, sagte dieser: «Ein Start-up zu gründen, scheint mir nicht riskanter als in der Schweizer Medienbranche zu bleiben.» Das leuchtete mir ein: Beides ist unberechenbar – aber das Start-up hat eine Zukunft, die ich stärker beeinflussen kann.



Diese Zukunftssorgen machte sich Marc Krebs im Nachhinein betrachtet ohne Grund. Schon einen Monat nach dem Einstieg bei Tide Ocean reiste sein Team nach München, um dort einen Preis für Materialinnovation entgegenzunehmen.
Die Nachfrage von Unternehmen, die ihre Produkte aus recyceltem Material aus dem Meer herstellen wollten, war gross. Aktuell gibt es Uhren, Badehosen, Brillenfassungen und Verpackungsmaterial aus dem Tide-Material auf dem Markt. 

Dieser Run stellte Marc Krebs rund sechs Monate nach seinem Start vor die nächste Entscheidung – eine, an der er «sehr genagt hat», wie er rückblickend sagt. Denn eigentlich wollte der Autor von drei Musikbüchern eine crossmediale Dokumentation über Mundartmusik umsetzen. Diese sollte die Entwicklung von Schweizer Pop und Rap in den letzten 50 Jahren festhalten. Er habe das Vorhaben parallel zur Arbeit bei Tide Ocean auf allen Ebenen verfolgt. Erste Konzepte seien geschrieben und abgesegnet gewesen, sagt er. Doch er merkte, dass beide Projekte – neben der Familie mit drei Kindern – zu viel waren. «Ich musste mich auf etwas konzentrieren», sagt er und fügt an: «Sonst wären halbe Sachen rausgekommen – oder die Kerze an beiden Enden abgebrannt.»

Heute fokussiert sich Krebs voll und ganz auf die Arbeit für Tide Ocean. 



Wie sieht Ihr Tagesablauf im heutigen Job aus?
Ich komme am Morgen um acht Uhr ins Büro und lese zuerst einmal die Mails, die von Nordamerika über die Nacht hereingekommen sind. Jeden zweiten Tag folgt danach ein Call mit unseren asiatischen Partnern, die zu diesem Zeitpunkt schon Nachmittag haben. Das Marketing- und Kommunikationsteam von Tide (wie er es abgekürzt nennt) besteht zurzeit aus drei Leuten. Wir sprechen viel mit Kunden – Unternehmen, die ein Produkt mit unserem recycelten Material herstellen oder solches vorhaben. Als Mitgründer bin ich zudem in strategische Prozesse involviert. Zurzeit bauen wir ein neues Business in Mexiko auf. Gerade war ich eine Woche dort und auch in Thailand, um unsere Partner vor Ort zu treffen. In den letzten zwei Jahren waren solche Reisen aufgrund von Corona nicht möglich. Aber ab jetzt werde ich wohl wieder häufiger – etwa alle drei Monate – Partner im Ausland besuchen. Verreisen bringt neue Eindrücke und Perspektiven – das mochte ich schon früher als Journalist.

Was fehlt Ihnen, wenn Sie zurückschauen auf Ihre Zeit als Journalist?
Ich bin glücklich in Job und Familie – und wäre vermutlich frustrierter, wenn ich Journalist geblieben wäre. Aber ab und zu ertappe ich mich dabei, dass ich etwas höre oder lese und denke: Das ist doch eine Geschichte, der sollte man nachgehen. Dann «chützelets» mich. Und sonst? Ich lernte als Journalist viele kluge und interessante Leute kennen, durch die Medien und in den Medien. Die Menschen vermisse ich. Die Branche an sich überhaupt nicht.

Was vermissen Sie sonst noch überhaupt nicht?
Wer die Medienbranche in den 1990er-Jahren erlebt hat, konnte den kontinuierlichen Niedergang mitverfolgen. Auf Redaktionen ging es ab den Nuller-Jahren oft darum, Stellenabbau oder Massenentlassungen abzufedern. Ich bin sehr froh, nun in einer innovativen Branche tätig zu sein, in der es tendenziell rauf und nicht runter geht. Deshalb wäre ein Scheitern, wenn es denn so sein sollte, am Ende gar nicht so schlimm. Tide ist ein Abenteuer – und es setzt mehr gute Energie frei als die gefährliche Routine, die sich nach 25 Jahren im Journalismus einschlich.



Von der langjährigen Jobroutine ist Marc Krebs zurzeit weit entfernt. In den letzten drei Jahren hat er den Weg vom Journalisten zum Unternehmer gemacht. Er, der vor allem über Musik schrieb, und selbst als Ressortleiter «kaum mit Zahlen zu tun hatte», wie er sagt, sei rückblickend froh um seine Wirtschaftsmatura. Er habe viel gelernt über den Aufbau eines Unternehmens, über Materialtechnologie und natürlich über den Recyclingprozess. Alles Themen, mit denen der Kulturjournalist Marc Krebs wohl nie in Kontakt gekommen wäre. 

Den Einstieg in die Medienbranche machte Krebs 1996 als Volontär beim Schweizer Musikmagazin Music Scene, dessen Chefredaktor er später wurde. Danach war er Redaktor und Moderator bei der Jugendkultursendung «Kompressor» auf Star TV und später Kolumnist bei Surprise und Radio Basel 1. Danach folgten elf Jahre bei der Basler Zeitung – zuerst als Reporter und dann als Kulturredaktor. Krebs gehörte zum Aufbauteam der mittlerweile wieder eingestellten Tageswoche in Basel und leitete dort ab 2011 für fünfeinhalb Jahre die Kulturredaktion. Dann folgte rund zwei Jahre nach seinem Wechsel zur bz Basel der Entscheid für den Wechsel zu Tide. 



Welche Fähigkeiten aus Ihrer journalistischen Vergangenheit helfen Ihnen heute im Job?

Kommunikation ist alles – ob im Journalismus oder als Mitgründer einer neuen Firma. Das hilft mir auch im Umgang mit potenziellen Kunden. Als Ressortleiter lernte ich ein Team aufzubauen und neue Projekte aus dem Boden zu stampfen. Und nicht zuletzt profitiert Tide auch von meinem kritischen Geist, der wohl dem Journalismus zu verdanken ist. Im Nachhaltigkeitsbereich wird nämlich viel Greenwashing betrieben. Wir wollen uns mit Ehrlichkeit abheben und stellen uns die kritischen Fragen selber, statt sie wegzuwischen. Das hilft uns, mit Transparenz unsere Glaubwürdigkeit zu festigen.

Wie hat sich Ihr Medienkonsum in den letzten Jahren verändert?
Früher habe ich täglich mehrere Zeitungen gelesen, heute ist das anders. Ich habe gemerkt, dass ich vieles gar nicht wissen muss. Tagesnews sind nicht mehr so relevant für mich – das war zu Beginn auch eine etwas erschreckende Erkenntnis. Ich informiere mich quer über verschiedene Kanäle. Vieles, vor allem internationale News, erreichen mich über Twitter. Ich habe Push-Alerts von NZZ und bz Basel abonniert. Zwischendurch schaue ich in die Tagi-App rein. Und ich bin WOZ-Abonnent, obwohl dies vor allem aus Überzeugung. Zum Lesen komme ich viel zu selten.

Können Sie sich vorstellen, wieder als Journalist zu arbeiten?
Diese Frage musste ich mir vor ein paar Monaten wirklich stellen. Ich erhielt ein Jobangebot, das mich vor zehn Jahren sehr interessiert hätte. Ich habe abgelehnt. Ich konnte es mir nicht mehr vorstellen. Ich bin mittlerweile mein eigener Chef. Diese Freiheit würde ich nur ungern wieder hergeben. 



In der Serie «Branchenwechsel» stellt persoenlich.com Personen vor, die im Journalismus oder in der Werbung gearbeitet und nun ihren angestammten Beruf verlassen haben. Bereits erschienen ist:

Melchior Bruder: Vom Videojournalist zur Kindergartenlehrperson.



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