16.10.2022

Jung von Matt

«Die Generation Z bringt neue Spielregeln mit»

Die Agenturgruppe hat das Traineeship «Future CEO» ausgeschrieben. Roman Hirsbrunner, aktueller Geschäftsführer von Jung von Matt, über diesen Testballon, die Hintergründe des Projekts, seinen Chefsessel und sein jüngeres Ich.
Jung von Matt: «Die Generation Z bringt neue Spielregeln mit»
«Unsere Erwartungen liegen vor allen Dingen darin, was die Person einbringt. Und nicht, was sie uns in der Aussenwirkung bringt», sagt Roman Hirsbrunner, CEO von Jung von Matt. (Bild: Marc Wetli)

Herr Hirsbrunner, Sie suchen den «Future CEO»*. Sägen Sie an Ihrem Chefsessel?
Natürlich! Wer sich nicht selbstkritisch mit der eigenen (Führungs)rolle auseinandersetzt, verpasst meines Erachtens eine riesige Chance. Zumal ich eh viel lieber auf einem kleinen, agilen Hocker Platz nehme als auf einem behäbigen, gepolsterten Sessel.

Lancieren Sie das «Future CEO»-Traineeship, in dem eine junge Person Sie zwei Monate lang eng begleiten wird, als Chance für Selbstkritik?
Auch. Einerseits geht es uns bei diesem Traineeship natürlich darum, unsere Eigenwahrnehmung auf die Probe zu stellen: Wie reagiert ein junger Mensch auf Strukturen, Prozesse und eingespielte Abläufe, die seit Jahren gewachsen sind? Andererseits interessiert uns natürlich nicht nur die Reaktion, sondern auch die proaktiven Gedanken und Herangehensweisen einer jüngeren Generation – die zumal sehr motiviert ist, schon früh Verantwortung zu übernehmen. Aber nicht um jeden Preis. 

Weshalb dieser Fokus auf die Generation Z?
Die Generation Z wird in einigen Jahren die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung stellen. Und sie bringt neue Spielregeln mit. Der Arbeitgeberverband hat kürzlich im Zusammenhang mit den Erwartungen der Gen Z an Jobs von «Shared Leadership» und «Führungsjobs auf Zeit» gesprochen. Mit diesen Themen müssen wir uns besser gestern als morgen auseinandersetzen.

Warum suchen Sie explizit nach einer Person im Alter von 18 bis 22 Jahren?
Das ist ein Richtwert, der für einen Lebensabschnitt steht: Wir suchen Menschen, die eine Lehre oder ein Gymnasium abgeschlossen haben, vor dem Studium stehen, vielleicht schon im ersten Semester studieren oder noch ganz offen dafür sind, wie ihr weiterer Weg aussieht. Man darf sich also durchaus auch bewerben, wenn man 17 oder 24 Jahre alt ist …

«Unser Wunsch ist es, dass die Person frei und unbefangen ihre Sicht der Dinge einbringen kann»

Hätten Sie sich als 24-Jähriger beworben?
Wahrscheinlich nicht. Ich hätte es mir wohl nicht zugetraut. Und das, obwohl ich mit 24 Jahren meine erste eigene Firma gründete. Interessanterweise war diese Gründung aber gar nicht so eine bewusste, langfristig geplante Entscheidung. Ich tat einfach, was sich für mich sinnvoll anfühlte. Rückblickend denke ich, dass ich vieles intuitiv richtig gemacht habe. Und genau das interessiert mich beim «Future CEO»-Traineeship: Wie reagiert ein junger Mensch – wie damals mein jüngeres Ich – intuitiv auf Situationen, die ich mittlerweile nur noch aus einem bewussten, unternehmerischen Blickwinkel betrachte?

Der oder die Future CEO wird im Januar 2023 starten und soll gemäss Jung von Matt «mitreden, mitdenken und mitentscheiden» – ist es nicht etwas unrealistisch, dieses Versprechen immer einhalten zu können? Sehr wichtige und schwierige Entscheidungen werden Sie doch kaum mit dieser Person treffen…
Wieso nicht? Ein solches Traineeship erfüllt seinen Zweck nicht, wenn die Person nur danebenstehen und zuhören darf. Unser Wunsch ist es, dass die Person frei und unbefangen ihre Sicht der Dinge einbringen kann. Im Endeffekt werden wichtige Entscheidungen ja fast immer gemeinsam getroffen – wenn ich da noch die Meinung eines jüngeren Menschen einbeziehen kann, hat das doch nur Vorteile. Zumal man ja auch über Meinungen diskutieren kann. Ich habe generell ein grosses Interesse an der Wahrnehmung anderer – insbesondere an jener der jüngeren Generation.

Der oder die Future CEO soll die Möglichkeit erhalten, «die Unternehmen der Zukunft mitzugestalten». Ich kann mir das noch nicht richtig vorstellen – können Sie mir bitte ein konkretes Beispiel bei Jung von Matt geben?
Als Ökosystem wachsen wir kontinuierlich und versuchen, unser Leistungsspektrum sinnvoll zu verbreitern. In diesem Zusammenhang muss man immer wieder Entscheidungen treffen: In welche Richtung entwickeln wir uns als nächstes? Wo liegt die Nachfrage und wo erschliesst man unter Umständen einen Markt der Zukunft? In solchen Entscheidungsphasen eine oder einen «Future CEO» dabeizuhaben und damit ein Sounding Board der nachkommenden Generation, sehe ich als grossen Gewinn.

Wie muss man sich einen typischen Tagesalltag beziehungsweise -ablauf für diese Person bei Jung von Matt vorstellen?
Ich hoffe, dass es gar keinen typischen Tagesablauf gibt (lacht)! Meine Tage sehen meist sehr unterschiedlich aus: Mal bin ich von früh bis spät in Meetings in der Agentur, mal remote und in anderen Wochen setze ich fast nie einen Fuss in die Agentur, weil ich ständig unterwegs bin. Das soll auch ein oder eine «Future CEO» miterleben.

«Intern gab es – zumindest bis jetzt – keine kritischen Stimmen»

Wie wird die Person unterstützt?
Die Person wird zusätzlich von jemandem gecoacht und wir erstellen pro Woche gemeinsam einen Plan, um zu sehen, wo es Sinn macht, dabei zu sein und mitzugehen. Die restliche Zeit verwendet die Person darauf, die Agenturgruppe als Ganzes besser kennenzulernen – und ihre Erfahrungen natürlich auf Social Media zu sharen.

Was waren die agenturinternen Rückmeldungen zur Lancierung dieses Traineeships? Es gab doch sicher auch kritische Stimmen?
Wir sind vor allem alle gespannt darauf, wie die Bewerbungen anlaufen und wer sich für das Traineeship interessiert. Es ist tief in unserer Unternehmens-DNA verankert, ständig neue Ideen anzugehen. Daher gab es – zumindest bis jetzt – keine kritischen Stimmen.

Ist das Future Traineeship ein Testprojekt? Oder soll dies künftig jedes Jahr stattfinden?
Diese erste Durchführung ist ein Testballon. Wir würden uns aber freuen, so etwas regelmässig anzubieten.

Die Bewerbungsphase startet am Montag, 17. Oktober. Interessierte können sich auf dieser Microseite bewerben – mit einem Video zum Thema «Day in the life of a CEO». Was bedeutet das konkret beziehungsweise was sind die Anforderungen?
Das überlassen wir der Fantasie und der Kreativität der Bewerberinnen und Bewerbern. Uns interessiert vor allem, was sie sich unter dem Alltag eines CEO vorstellen oder eben auch nicht, wie sie das angehen und umsetzen. Ganz konkret muss oder darf man das Video auf den eigenen Social Channels posten und den Link dazu teilen. Neben Name, Kontaktangaben und ein, zwei Sätzen zur eigenen Person ist das auch schon alles, was man für die Bewerbung braucht.

«Wir werden das Traineeship definitiv über dem Branchenschnitt entlöhnen»

Wird der oder die Future CEO auch wie der richtige CEO bezahlt?
Da sind wir noch nicht ganz angelangt (lacht). Wir werden das Traineeship aber definitiv über dem Branchenschnitt entlöhnen.

Was erhoffen Sie sich von dieser Initiative?
Ich halte es mit Leo Tolstoi, der sagte: «Alle wollen die Welt verändern, aber keiner sich selbst.» Ich erhoffe mir vor allem neue Impulse, spannende Auseinandersetzungen und natürlich, dass wir damit einer Person die Möglichkeit geben, schon früh «Chef:innenetagenluft» zu schnuppern und auch gleich das eine oder andere umzukrempeln.

Warum ist das mehr als ein PR-Gag?
Weil das – vor allem – nicht fair wäre gegenüber der Person, die das Traineeship absolviert. Natürlich begleiten wir das Traineeship auf unseren sozialen Kanälen – aber das ist schon fast logisch, wenn man die Zielgruppe anschaut. Unsere Erwartungen liegen aber vor allen Dingen darin, was die Person einbringt. Und nicht, was sie uns in der Aussenwirkung bringt.

Wie realistisch ist es, dass Sie tatsächlich Ihre Nachfolgerin bzw. Ihren Nachfolger entdecken?
Ich glaube es ist vor allem realistisch, jemanden zu finden, der oder die Lust darauf hat, Verantwortung zu übernehmen und unternehmerisch zu denken. Wo der Weg dieser Person im weiteren Verlauf ihres Lebens hinführt, wird sich zeigen – und ja, vielleicht führt der Weg irgendwann auf meinen «Chefsessel» (lacht).


*Interessierte können sich ab sofort unter diesem Link als Future CEO bei Jung von Matt bewerben.


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