13.08.2023

Hinter den Kulissen

Ein Agenturkind aus Passion

Sie hat bei einer Werbekampagne alle Fäden in der Hand: die Beratung einer Agentur. Seit über 20 Jahren als Beraterin tätig ist Simone Jehle von Wirz. Die 44-Jährige brennt für ihren Job. Die grosse Bühne überlässt sie gerne anderen.
Hinter den Kulissen: Ein Agenturkind aus Passion
«Ich habe eine grosse Passion für meinen Beruf», so Simone Jehle. Sie leitet als Senior Partnerin und Managing Director den Bereich Client Services im Team Campaigning von Wirz. (Bilder: zVg)

Simone Jehle ist eine Frohnatur mit viel Energie. Seit 25 Jahren ist sie in der Werbebranche unterwegs. Dabei begann alles mit einer KV-Lehre bei einem Autoimporteur. Dort durchlief sie verschiedene Abteilungen, auch die Werbeabteilung. «Das hat mir riesigen Spass gemacht», erinnert sich Jehle im Gespräch mit persoenlich.com. Und so sei sie damals auf den Geschmack gekommen, wollte hinter die Kulissen schauen und das Agenturleben kennenlernen. Doch das war gar nicht so einfach. Sie kassierte viele Absagen. Es fehle ihr an Agenturerfahrung, liess man sie wissen. 2001 funktionierte es endlich und sie fand bei der Agentur Cash ihren ersten Job als Beraterin.


Sind Sie eine Rampensau?
(Lacht.) Ja, irgendwie bin ich schon eine Rampensau. Aber das muss in unserem Job auch sein.

Ich habe gelesen, dass Sie Achterbahnen mögen. Ist Ihr Job manchmal auch wie eine Achterbahnfahrt?
Ja, ist es. Einerseits ist es von den Gefühlen her eine Achterbahnfahrt, dann nämlich, wenn man einen Pitch gewinnt oder einen verliert. Oder wenn man beim Kunden ein Projekt präsentiert und dieses nicht gut ankommt oder sofort auf Begeisterung stösst, da spielen richtig Gefühle mit. Andererseits ist es auch eine Achterbahnfahrt in Sachen Projekte: Mal sind mehr und mal weniger Nerven gefragt.

Wann sind Sie im Job am höchsten Punkt, um beim Bild der Achterbahn zu bleiben?
Ich funktioniere am besten, wenn wirklich viel los ist und ich unter maximaler Auslastung stehe.

Sie brauchen Adrenalin wie auf einer Achterbahnfahrt …
Ja, definitiv. Nicht dauerhaft, das ist auch nicht gesund, aber solche Stress Peaks brauche ich.

Wie sorgen Sie für den Ausgleich zum Stress?
Sport. Ich mache viel Sport: Ausdauer und Kraft. Im Sport kann ich meine Power loswerden. Ich brauche die Möglichkeit, Dampf abzulassen.


Nach ihrem Einstieg bei der Agentur Cash zog Simone Jehle nach einem halben Jahr weiter. Die Beratung von Advico Young & Rubicam war ihre nächste Station für rund fünf Jahre. Dann wechselte sie zu Jung von Matt Limmat, zuerst als Beraterin, später als Beratungsgruppenleiterin. Fast neun Jahre blieb sie bei Jung von Matt, seit sieben Jahren ist Jehle bei der Wirz Group tätig. Vor Kurzem wurde die heute 44-Jährige befördert. Als Senior Partnerin und Managing Director führt sie den Bereich Client Services im Team Campaigning. Knapp 25 Leute sind in ihrem Beratungsteam. Trotz Kaderfunktion ist sie noch im Daily Business tätig, also voll an der Front.


Sie haben keinen Nine-to-five-Job. Vermutlich verlassen Sie manchmal die Agentur erst, wenn es bereits dunkel ist …
… und manchmal starte ich bereits, wenn es immer noch dunkel ist.

Warum tut man sich so was an?
Ich habe eine grosse Passion für meinen Beruf. Ich habe einen so abwechslungsreichen Job, habe mit so viel verschiedenen Kunden zu tun und habe so vielseitige Projekte. Ich komme am Morgen in die Agentur und mein Tag wird möglicherweise nicht so aussehen, wie ich ihn geplant habe. Jeder Tag sieht anders aus, es ist definitiv keine Fliessbandarbeit. Ich muss sagen: Eigentlich habe ich den tollsten Job (strahlt).


Sie sei ein Agenturkind, sagt Jehle in einem Sitzungszimmer der Agentur Wirz. Dass man keinen Nine-to-five-Job habe, sei in Agenturen schon immer Usus gewesen – egal, ob in der Beratung, Kreation oder Strategie. «Wir haben ja schon einen kleinen Knacks, sonst würden wir das nicht machen.» Die junge Generation, die nun in die Agenturen kommt, will das aber nicht mehr. Die Jungen legen Wert auf eine gute Work-Life-Balance. Die Agentur Wirz reagierte auf diese Entwicklung. Alle, die nicht im Kader sind, können jede Minute, die über die 42,5-Stunden-Woche hinausläuft, kompensieren.

Jehle arbeitet deutlich länger als 42,5 Stunden. Sport macht sie meist, bevor der Tag erwacht. Und private Treffen mit Kolleginnen und Kollegen konzentrieren sich auf die Wochenenden. Dann könne man eher mal sitzen bleiben und einen guten Wein trinken, sagt sie. Ihr Freundeskreis setzt sich hauptsächlich aus Personen zusammen, die nicht aus der Werbebranche kommen.


Was ist für Sie gute Werbung?
Eine Werbung ist gut, wenn man darüber spricht. Ich sage immer: Wenn meine Mami, welche die Zielgruppe ist, die Werbung sieht und mich darauf anspricht, dann haben wir das Ziel erreicht …

… oder das Ziel verfehlt, weil man die junge Zielgruppe nicht erreicht hat, die heute häufig erreicht werden soll.
Es kommt immer auf das Produkt an. Wenn ausschliesslich die junge Zielgruppe erreicht werden soll, hat meine Mami die Werbung nicht gesehen, weil sie auch nicht angesprochen wurde.

Wann ist Werbung schlecht?
Schlecht ist Werbung, wenn sie diskriminierend ist.


Es ist mitunter ihr Job, dass Werbung schon gar nicht erst diskriminierend wird. In den letzten Jahren habe sich auch der Anspruch der Kunden verändert, so Jehle. Anspruchsvoller seien diese geworden. Hohe Qualität und eine einzigartige Idee werden als Standard schon fast vorausgesetzt. Es sollen viele verschiedene Botschaften in einem Werbemittel kommuniziert werden. Auch gebe es deutlich mehr Kanäle als früher. Als Jehle in der Werbebranche startete, beinhaltete eine Kampagne höchstens ein Plakat, ein Inserat und einen TV-Spot. «Heute muss man schon vor Produktionsbeginn wissen, wo es am Ende ausgespielt werden soll», sagt Jehle.

Sie arbeite gerne für Produkte, mit denen sie selbst tagtäglich zu tun hat. So sei sie nahe am Produkt. Als Beraterin oder als Berater müsse man strukturiert arbeiten können, ein Organisationstalent sein. Man müsse mit Stress umgehen können, keine Mühe haben mit verschiedenen Projekten. Manchmal rufe Kunde A an, kaum sei der Hörer aufgelegt, sei Kunde B in der Leitung mit einem Anliegen zu einem ganz anderen Projekt.


Wird die Arbeit der Beratung unterschätzt?
(Überlegt.) Ja, wenn Sie mich jetzt so fragen, denke ich, dass Kunden unsere Arbeit gelegentlich unterschätzen. Manchmal wird die Beratung als Handlanger-Job angesehen. Sie sehen teilweise nicht, wie viele Aufgaben und Verantwortlichkeiten wir übernehmen und welche Fäden wir im Hintergrund ziehen. Wir sind diejenigen in der Agentur, die alles organisieren.

Und damit sind wir bei der Frage: Was macht eine Beraterin oder ein Berater eigentlich genau?
Einerseits habe ich die Aufgabe, den Kunden und alle internen Experten zu koordinieren. Zusätzlich berate ich den Kunden in Fragen der strategischen Ausrichtung. Wir haben eine Strategie, wir haben eine Kreation, wir haben ein Agency Producing … Die funktionieren alle, jedoch halten wir die Fäden in der Hand, damit zum Beispiel der Präsentationstermin eingehalten wird, die Abstimmungen reibungslos verlaufen, dass die Produktion aufgegleist wird … Und zudem sollten wir die Bedürfnisse der Kunden am besten kennen.

Wenn ein Case einen Award gewinnt, dann wird der Kreativchef interviewt. Nervt das manchmal?
Mich nicht. Es ist aber auch so: Wenn wir eine Awardshow besuchen, gehe ich nicht gerne auf die Bühne. Da gebe ich allen anderen den Vortritt. Ich bleibe lieber im Hintergrund.



In der Serie «Hinter den Kulissen» stellt persoenlich.com Personen aus den Bereichen Medien, Werbung und Marketing ins Rampenlicht, deren Arbeit für die Öffentlichkeit ansonsten wenig sichtbar ist.

Bereits erschienen sind:
Sandro Inguscio (Chefredaktor Blick.ch/Blick TV)
Souri Thalong, Community-Support Republik
Markus Stadelmann, professioneller Sprecher
Sofiya Miroshnyk, «Club»-Produzentin


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KOMMENTARE

Philipp Müller
14.08.2023 13:17 Uhr
Schöne Karriere, bodenständige Frau.
Hedi Senteler
14.08.2023 11:36 Uhr
Cool. Der Artikel über Simone Jehle.
Kommentarfunktion wurde geschlossen

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