31.07.2023

Hinter den Kulissen

Aus dem Herzen der Republik

Souri Thalong diskutiert mit den Leserinnen und Lesern und trägt ihre Stimme in die Redaktion. Der 34-Jährige arbeitet im Community-Team des Onlinemagazins und ist dort massgeblich für das Wachstum mitverantwortlich. Ein Besuch im Rothaus in Zürich.
von Michèle Widmer

Es ist Montagmorgen in den Räumlichkeiten der Republik. Während der Redaktionssitzung steht die Blattkritik an. Diese Woche verantwortlich ist Souri Thalong vom Community-Team. In Vorbereitung auf die hauseigene Feedbackrunde hat er das Onlinemagazin eine Woche lang aus dem Blickwinkel einer Person aus der Community gelesen. Ihr Input: Die Inhalte der Republik überfordern, und sie sind ihr zu negativ. Darum will sie das Abo nicht erneuern.

Diese Blattkritik ist eines von mehreren Beispielen, wie Souri Thalong die Meinungen von «Verleger:innen», wie er sie in Republik-Manier nennt, in die Redaktion trägt. Der 34-Jährige arbeitet seit etwas mehr als einem Jahr beim Onlinemagazin. Gemeinsam mit seinen vier Teamkolleginnen und -kollegen hat Thalong unter anderem eine Aufgabe: Community-Wachstum. Erst vor einigen Monaten musste die Republik den geplanten Kurs anpassen. Das Fazit: Das Wachstumsziel von 33’000 Abonnentinnen und Abonnenten wurde nicht erreicht. Das im Herbst lancierte Journal wurde eingestellt und es gab mehrere Entlassungen. Auch im Team von Thalong wurde eine offene Stelle nicht mehr besetzt. Er selbst reduziert sein Pensum deswegen im Juli von 80 auf 70 Prozent.

Die Nummer eins sind die Lesenden

Die Republik hat keine Werbekunden, was die Lesenden zur Nummer eins macht – wie das Medium immer wieder betont. Das Onlinemagazin kämpft um jede Abonnentin, um jeden Abonnenten. Macht es in dieser Situation Sinn, im Team, das unter anderem genau für ihre Bedürfnisse verantwortlich ist, zu sparen? Bei Thalong weckt diese Frage keinen versteckten Frust. «Man musste halt überall etwas kürzen», sagt er im Gespräch im Café Miro in Zürich. Im Lokal gleich ums Eck vom Rothaus, wo die Redaktion seit dem Start vor über fünf Jahren sitzt, sind Republik-Mitarbeitende häufig anzutreffen. Auch an diesem Nachmittag Mitte Juni sitzen zwei Kolleginnen und Kollegen am Tisch nebenan. Einer davon ist Thalongs Chef, Richard Höchner. Zusammen mit Lucia Herrmann leitet er das Community-Team.

Die Kernaufgaben des Teams sind vielfältig. «Nebst dem Community-Wachstum geht es bei uns vor allem um die Pflege der bestehenden Leserinnen und Leser», sagt Thalong. Sein Team beantwortet oder koordiniert die breite Palette von Anfragen, die per Mail an info@republik.ch oder auf anderen Kanälen reinkommen. «Wir haben den Fokus darauf, die Republik und unsere Abläufe für die Leserinnen und Leser verständlicher zu machen», sagt Thalong. So gelangten im Sinne einer besseren Userführung immer wieder Feedbacks aus der Community an das Produktteam.

Zum Aufgabengebiet gehört auch die Betreuung der Debatten und Dialoge zu den zwei bis drei täglich erscheinenden Republik-Artikeln. Anders als die meisten Medien schaltet das Onlinemagazin Kommentare ohne Prüfung auf. «Ganz im Sinn einer freien Debatte», erklärt Thalong. Seine Kolleginnen und er lesen bei den im Schnitt 100 Kommentaren am Tag abwechselnd mit und intervenieren, wenn eine Diskussion ausartet oder sogar justiziable Äusserungen gemacht werden. Das komme aber eher selten vor, da sich die Kommentarschreibenden häufig selber regulieren, fügt er an.

Warum fehlen die Frauen im Dialog?

Thalong setzt sich stark mit den Republik-Konsumenten auseinander. Als «politisch interessierte Menschen. Sehr kritisch. Sehr freundlich», beschreibt er sie. Eine unsachliche Diskussionskultur, wie sie seiner Meinung nach in anderen Kommentarspalten oft anzutreffen ist, kann er bei der Republik nur selten ausmachen. Was aber auffällig ist: Frauen sind in den Republik-Dialogen viel weniger aktiv als Männer. Warum ist das so? Und wie kann man das ändern? Mit diesen Fragen im Kopf hat das Community-Team im vergangenen Oktober einen Anlass organisiert. Rund 20 Leserinnen und Leser waren einem Aufruf gefolgt und haben Feedbacks gegeben. Vor ein paar Wochen kam es zu einer zweiten Runde. Nun sind Thalong und seine Kolleginnen und Kollegen mit der Auswertung beschäftigt.


Vom Café Miro zurück in der Republik: Thalong hat seinen Arbeitsplatz im ersten Stock. In einem kleinen Dreierbüro mit Fenster direkt an die Langstrasse. An der Wand neben seinem Pult hängt ein Poster, das den Blick sofort auf sich lenkt. Das Sujet mit dem Zombie-Putin sollte das Büro «aufhübschen», sagt Thalong und ergänzt schmunzelnd: «Wir waren von der Arbeit des Illustrators beeindruckt.» Die Republik zeigte das Bild im Frühling 2022 in einem Beitrag von Constantin Seibt über den russischen Angriffskrieg.

An diesem Arbeitsplatz ist Thalong vier Tage die Woche zu finden. Von seiner Zweizimmerwohnung im Zürcher Kreis vier ist sein Arbeitsweg nicht weit. Immer mittwochs hat er frei. Dann gibt Thalong ehrenamtlich Deutschkurse an der Autonomen Schule Zürich oder engagiert sich für die Papierlose Zeitung, die online sowie einmal im Jahr gedruckt mit der WOZ erscheint.

Seit dem Start als Verleger dabei

Der Job bei der Republik ist Thalongs erster bei einem Medienunternehmen. Im Zürcher Oberland aufgewachsen hat er Publizistik an der Universität Zürich studiert. Obwohl eine latente Anziehung der Medien für ihn immer spürbar war, wollte er nach dem Abschluss nicht unbedingt in die Branche einsteigen. «Ich habe von befreundeten Medienschaffenden vom Spardruck im Journalismus mitbekommen. Das habe ich sehr kritisch verfolgt», sagt Thalong. Bei diesem Wording verwundert es nicht, dass Thalong gleich zum Start der Republik als Verleger an Bord ging. Als er dann den Stellenausschrieb für den Community-Job sah, packte er die Chance dennoch. Ein guter Entscheid, wie sich zeigt: «Ich bin mit Leidenschaft dabei und lerne immer noch dazu», sagt er. Für ihn ist die Community das Herz der Republik.



In der Serie «Hinter den Kulissen» stellt persoenlich.com Personen aus den Bereichen Medien, Werbung und Marketing ins Rampenlicht, deren Arbeit für die Öffentlichkeit ansonsten wenig sichtbar ist.

Bereits erschienen sind:
Markus Stadelmann, professioneller Sprecher
Sofiya Miroshnyk, «Club»-Produzentin



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