23.06.2022

Cannes Lions 2022

«Ein Wettbewerb ist nur so gut wie dessen Jury»

Null Löwen für Schweizer Werberinnen und Werber. Das Rennen war bereits am Donnerstag fertig. Die Ausbeute ist in diesem Jahr ausgesprochen mager. An was könnte das liegen? Eine Spurensuche mit Frank Bodin, Präsident ADC Switzerland.
Cannes Lions 2022: «Ein Wettbewerb ist nur so gut wie dessen Jury»
«Das Festival hat sich stark verändert, in meinen Augen leider nicht nur positiv», so Frank Bodin, Inhaber Bodin.Consulting, VR-Präsident Furrerhugi Holding und Präsident ADC Switzerland. (Bild: zVg)
von Christian Beck

Herr Bodin, seit Donnerstag ist klar: die Schweiz kehrt mit null Löwen aus Cannes zurück. Was sagen Sie zu dieser Bilanz?
Um ehrlich zu sein, habe ich das befürchtet – und nach der ADC-Goldjurierung bereits geäussert, trotz der Euphorie über die sehr verdienten sechs Goldwürfel im ADC-Wettbewerb. Ich ahnte, dass die Arbeiten für internationale Top-Standards nicht reichen könnten. Von daher überrascht mich das Resultat in Cannes nicht. Zudem sind die Cannes Lions immer auch eine Lotterie und nicht mehr das, was sie einmal waren.

Wie meinen Sie das?
Die Cannes Lions werden gerne auch als die Werbe-Weltmeisterschaft bezeichnet. Früher mag das gestimmt haben. Ob das heute immer noch gilt, würde ich infrage stellen. Das war auch einer der Gründe dafür, weshalb ich dieses Jahr nicht nach Cannes gereist bin – zum ersten Mal nicht seit 1996. Das Festival hat sich stark verändert, in meinen Augen leider nicht nur positiv. Awards wie die Pencils des D&AD oder die One Show würde ich heute mindestens so hoch werten, wenn nicht höher.

Was war früher anders als heute?
Die Cannes Lions waren ein Ort der Inspiration und Motivation. Ein Ideenfestival, an dem sich die weltweit besten Kreativen ausgetauscht haben. Und es war immer auch eine gute Weiterbildung. Heute sind die Cannes Lions vor allem ein Geldfestival und werden von den grossen Tech-Unternehmen wie Google, Facebook und Co dominiert. Schauen Sie sich die Gästeliste der Schweiz an – Kreative, die das Zeug haben, einen Löwen zu gewinnen, sind in der Minderheit.

«Kein einziger führender Kreativer vertritt die Schweiz in Cannes»

Was hat sich konkret verändert? Können Sie ein Beispiel nennen?
Ein Wettbewerb ist nur so gut wie dessen Jury. Ich möchte niemandem zu nahe treten, aber die Zusammensetzung der Schweizer Jury wirft schon Fragen auf. Eigentlich würde man doch davon ausgehen, dass Jurymitglieder selbst schon ausgezeichnete Arbeiten gemacht und Löwen gewonnen haben und zudem über internationale Jury-Erfahrung verfügen. Vielleicht habe ich etwas nicht mitbekommen und dann entschuldige ich mich hier schon mal vorsorglich. Aber nach meinem Wissensstand ist das bei den diesjährigen Schweizer Jury-Mitgliedern in Cannes nicht der Fall. Kein einziger führender Kreativer vertritt die Schweiz in Cannes. Jurymitglieder, die selbst nichts erreicht haben, sind nicht prädestiniert, Arbeiten zu beurteilen und haben bei den Diskussionen kein Gewicht.

Fehlt den Bewerbern aus der Schweiz Lobby?
Auch. Auf die Shortlist muss man es aus eigener Kraft schaffen. Arbeiten, die es auf einen höheren Platz im Ranking der Shortlist schaffen, werden diskutiert. Das ist der Punkt, an dem es hilfreich sein kann, eine starke Stimme in der Jury zu haben. Voraussetzung dafür ist ein gewisses Standing. Und dieses hat in der Regel nur jemand, der selbst Ausgezeichnetes vorzuweisen hat.

Einzig Ruf Lanz holte drei Shortlist-Platzierungen mit «When art has to move» in der Kategorie Outdoor. Können Sie sich an ein Festival mit einer so miesen Schweizer Bilanz wie dieses Jahr erinnern?
Die hat es sicher auch schon gegeben. Ich kann mich aber persönlich an keine «Nullerjahre» erinnern, vielleicht habe ich sie verdrängt. Ich erinnere mich lieber an die positiven Jahre.

Wie beurteilen Sie die drei Sujets Impressionism, Realism und Pop von Ruf Lanz im internationalen Vergleich?
Das ist schwierig zu sagen, weil ich die Arbeiten der anderen Mitbewerber nicht kenne. Was ich aber sagen kann: Es ist eine wunderbare Arbeit, und die Shortlists sind hochverdient. Ruf Lanz kann stolz sein. Ich kann mir vorstellen, dass die Jury in Cannes die Arbeit diskutiert hat.

«Wir müssen bei der Beurteilung der Arbeiten die Schweizer Brille mit der internationalen tauschen»

Sie sprechen es an: Bis zuletzt hofften die Schweizer Werber auf einen Löwen oder mindestens einen Shortlist-Platz in der Kategorie Film. Warum denken Sie, hat es für Wirz und Schweiz Tourismus mit «No Drama» nicht gereicht? Immerhin spielen Roger Federer und Robert de Niro mit.
Wir müssen bei der Beurteilung der Arbeiten die Schweizer Brille mit der internationalen tauschen. Der Film für Schweiz Tourismus mit Robert De Niro und Roger Federer ist grossartig, nicht nur wegen der Besetzung, sondern auch wegen der souveränen Idee. Ein Film gleich mit doppelter Starbesetzung mag in der Schweiz eine Sensation sein, aber in Hollywood ist das Alltag. Film ist nach wie vor eine der schwierigsten Kategorien in Cannes, weil hier die kleine Schweiz mit entsprechend begrenzten Produktionsbudgets gegen die ganz grossen der Welt antreten muss. Die Konkurrenz ist gross und die Jury hart.

Hat Ihnen sonst noch ein Schweizer Film gefallen?
«F707 Stratos» von Freitag hat mich bei der ADC Jurierung tief beeindruckt. Der Film ist ein Kunstwerk und definiert die Kategorie «Film» neu – in meinen Augen Weltklasse. Ich befürchte aber, dass Freitag den Spot nicht nach Cannes eingereicht hat.


Aus der Schweiz werden immer weniger Arbeiten eingereicht. Und heuer sind nur wenige Werberinnen und Werber aus der Schweiz vor Ort. Hat die Pandemie dazu beigetragen, dass das Interesse an Cannes heute nicht mehr so gross ist?
Nein, das würde ich nicht sagen. Im Gegenteil: Nach den beiden Pandemiejahren habe zumindest ich eine unbändige Lust zu reisen, Veranstaltungen zu besuchen und Menschen zu treffen, die ich zwei Jahre nur via Zoom gesehen habe. Es hängt mit der Entwicklung des Festivals zusammen. Weil das Festival so teuer geworden ist, überlegen sich viele zweimal, was der Mehrwert davon ist.

Mit Blick nach vorn: Denken Sie, dass das Interesse an Cannes wieder zurückkehrt?
Cannes bleibt attraktiv. Der Cannes-Löwe ist immer noch eine der schönsten Trophäen, die man gewinnen kann. Die Statue ist übrigens die beste – aber auch die teuerste – Bücherstütze … Ernsthaft: Ich wünsche mir, dass Cannes wieder unverzichtbar wird. Dafür wird das Festival aber über die Bücher gehen und die Identitätskrise überwinden müssen. Es ist nicht in Stein gemeisselt, dass Cannes die Werbeweltmeisterschaft bleibt.



Mitarbeit: Michèle Widmer und Maya Janik.

persoenlich.com berichtet in der Woche vom 20. bis 24. Juni über das Cannes Lions International Festival of Creativity. Alle News finden Sie hier.



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