21.09.2022

Helvetas

«Die Krisen sind miteinander verbunden»

Krieg in der Ukraine, Dürren und Flutkatastrophen, Inflation und Energieverknappung: Die Hilfsorganisation Helvetas ruft die Schweiz zu mehr Solidarität und Engagement auf. Stefan Stolle, Leiter Marketing und Kommunikation, über die neue Kampagne «Faire Chancen weltweit».
Helvetas: «Die Krisen sind miteinander verbunden»
«Die Kampagne betont, dass alle Menschen nichts anderes als eine faire Chance brauchen, um ihr Potenzial zu entfalten», so Stefan Stolle, Leiter Marketing und Kommunikation. (Bild: zVg)
von Christian Beck

Herr Stolle, wann waren Sie das letzte Mal solidarisch?
Ich versuche, meinen Alltag solidarisch zu gestalten: Ich achte auf das Bio-Label und auf das Fairtrade-Label von Max Havelaar. So bin ich solidarisch mit der Umwelt und mit Kleinbauernfamilien im globalen Süden. In einem direktdemokratischen Land wie der Schweiz kann ich mich auch an der Urne auf die Seite der Schwächeren stellen. So können wir alle einen Beitrag zu mehr Solidarität leisten.

In einem dringenden Appell ruft Helvetas die Schweiz zu mehr Solidarität und Engagement auf (persoenlich.com berichtete). Warum ist das nötig?
Die Welt wird von grossen Krisen durchgeschüttelt. Viele Menschen sind besorgt angesichts des Krieges in der Ukraine, klimabedingter Dürren und Flutkatastrophen, Inflation und drohender Energieverknappung. Besonders betroffen sind jedoch die Menschen in den ärmsten Ländern der Welt. Fortschritte, die in den letzten Jahren erzielt wurden, sind heute in Gefahr. Laut dem neuesten Uno-Bericht haben sich die Lebensverhältnisse seit Ausbruch der Pandemie in neun von zehn Ländern verschlechtert. Wenn wir jetzt nicht handeln, werden die Folgekosten enorm sein.

«Kurzfristig müssen wir die aktuelle Hungerkrise bekämpfen»

Helvetas präsentiert dabei konkret sechs Vorschläge. Welche sind das?
Kurzfristig müssen wir die aktuelle Hungerkrise bekämpfen. Die Schweiz ist gemäss dem erwähnten Uno-Bericht das höchstentwickelteste Land der Welt. Wir könnten das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen mit zusätzlichem Geld dabei unterstützen, hunderttausende Menschen vor dem Hungertod zu retten. Während der nächsten zwei Jahre im Uno-Sicherheitsrat kann sich die Schweiz zweitens konsequent für Demokratie und Rechtstaatlichkeit einsetzen und in Konfliktsituationen vermitteln. Drittens muss die Schweiz ihren internationalen Verpflichtungen zum Klimaschutz nachkommen. Die Wetterextreme in diesem Jahr zeigen, dass wir keine Zeit mehr zu verlieren haben.

Und Nummer vier?
Längerfristig kann die Schweiz mit einer fairen Wirtschafts-, Finanz- und Handelspolitik zu einer nachhaltigen globalen Entwicklung beitragen. Fünftens: Die Schweizer Wirtschaft spielt in der globalen Topliga. Darauf dürfen wir stolz sein. Damit geht aber auch ein hohes Mass an Verantwortung einher, nicht nur hier in der Schweiz, sondern in der gesamten Lieferkette – Stichwort Konzernverantwortung. Und «last but not least» können wir unseren Beitrag zur Linderung von Not und Armut in der Welt nochmal deutlich verstärken. Dazu verpflichtet uns auch die Bundesverfassung.

Wäre es nicht besser gewesen, Sie hätten sich auf einen Vorschlag konzentriert? Ihre Botschaft könnte verwässern.
Die verschiedenen Krisen sind miteinander verbunden. Die Hungersnot zum Beispiel ist sowohl der Klimaerhitzung als auch dem Krieg in der Ukraine geschuldet. Es braucht ganzheitliche Ansätze, um die Welt zurück auf einen positiven Entwicklungspfad zu lenken. Das wird nur durch eine verstärkte internationale Zusammenarbeit gelingen.

Sechs Vorschläge – aber die Kampagne kommt mit vier Botschaften aus. Warum nicht sechs?
Die vier Plakatsujets zeigen, was Helvetas unter der Dachbotschaft «Faire Chancen weltweit» versteht: Faire Chancen erfordern, dass Grundbedürfnisse, wie zum Beispiel der Zugang zu sauberem Wasser oder zu ausreichender Ernährung, gedeckt sind. Aber auch, dass durch Bildung berufliche Perspektiven und damit die Grundlage für ein sichereres Einkommen geschaffen werden. Und dass Gleichberechtigung und gesellschaftliche Mitsprache ein unabhängiges und selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Die Plakate, die in der ganzen Schweiz zu sehen sind, machen auf den Appell aufmerksam. Dieser veranschaulicht, mit welchen sechs entwicklungspolitischen Schritten «Faire Chancen weltweit» erreicht werden können.

In der Kampagne sind vier Frauen zu sehen. Haben Sie bewusst auf weibliche Testimonials gesetzt?
Die Stärkung von Frauen ist ein Schwerpunkt in allen Helvetas-Projekten. Die Kampagne wird in verschiedenen Wellen stattfinden und künftig sicher auch Männer und ihre Geschichten zeigen.

«Mit diesem ganzheitlichen Ansatz initiieren, unterstützen und beeinflussen wir echte Veränderungen»

Der Slogan ist, dass die Frauen «kein Mitleid» brauchen, sondern «sauberes Trinkwasser», «genug zu essen», «eine solide Ausbildung» und «Gleichberechtigung». Was braucht es, um all diese Punkte zu lösen?
Helvetas setzt auf drei Ebenen an, die sich gegenseitig verstärken. Wir leisten mit lokalen Partnerorganisationen, Unternehmen und lokalen Behörden zusammen ganz konkrete Entwicklungs- und Nothilfe, die den Menschen vor Ort direkt zugutekommt. Dabei geht es zum Beispiel um Berufsbildung, Schutz vor Naturkatastrophen oder um den Zugang zu sauberem Trinkwasser. Zweitens bieten wir technische Kompetenz und Beratung an; damit stärken wir vor allem lokale Behörden und Partnerorganisationen. Und wir engagieren uns mit Advocacy-Arbeit für die politische Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen. Mit diesem ganzheitlichen Ansatz initiieren, unterstützen und beeinflussen wir echte Veränderungen.

Gleichberechtigung wäre ein Punkt, der auch in der Schweiz noch Potenzial hat. Setzt sich Helvetas auch hierzulande dafür ein?
In der Schweiz gibt Helvetas den Menschen aus dem globalen Süden eine Stimme und sensibilisiert die Bevölkerung für globale Entwicklungen in den ärmsten Ländern. Wir beteiligen uns damit an der entwicklungspolitischen Meinungsbildung. Konkret tragen wir aber vor allem für bessere Lebensbedingungen in Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa bei. 

Die Kampagne wurde kreiert von der Agentur Rod Kommunikation. Wie war die Zusammenarbeit?
Das Team von Rod Kommunikation hat uns geholfen, die Vision von Helvetas in eine eigenständige Kommunikationsplattform zu übersetzen. Darüber hinaus haben wir gemeinsam eine Kampagne entwickelt, die mit dem üblichen NGO-Framing, Frauen, Kinder oder Männer als bemitleidenswerte Opfer darzustellen, bricht. Stattdessen betont die Kampagne, dass alle Menschen nichts anderes als eine faire Chance brauchen, um ihr Potenzial zu entfalten. Wir sind gespannt auf die Resonanz.

Wie sieht für Sie persönlich eine faire Welt aus?
Eine Welt, in der nicht der Zufall des Geburtsortes entscheidet, welche Chance wir haben, sondern eine Welt, in der alle Menschen die Chance haben, dank ihren Talenten und ihrem Potenzial ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben zu führen. Egal, wo wir geboren werden.



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