17.08.2015

Ringier/SRG/Swisscom

"Hoffentlich keine zweite Publigroupe-Geschichte"

Was Tamedia, NZZ oder die Goldbach Group zum Joint-Venture sagen.
Ringier/SRG/Swisscom: "Hoffentlich keine zweite Publigroupe-Geschichte"

Ringier, SRG und Swisscom arbeiten im Werbemarkt neu zusammen. Ist das Joint-Venture eine sinnvolle Zusammenlegung von Ressourcen oder eine fragwürdige Konzentration im Werbemarkt? persoenlich.com hat in der Branche nachgefragt und die Reaktionen zusammengetragen.

Christoph Zimmer, Unternehmenskommunikation Tamedia

Tamedia verfolge das Vorgehen von Ringier, SRG und Swisscom mit Interesse, erklärt Tamedia-Kommunikationschef Christoph Zimmer auf Anfrage. Direkte Auswirkungen auf die Strategie habe das neue Joint-Venture aber nicht. "Tamedia verfolgt seit Jahren eine konsequente Eigenvermarktungsstrategie. Das Auslagern der Werbevermarktung ist für uns deshalb kein Thema. Zu Gesprächen mit bestehenden oder möglichen Partnern äussern wir uns grundsätzlich nicht in der Öffentlichkeit", sagt Zimmer.

Mit der grossen Zahl regionaler Kunden spreche Tamedia vermutlich mehr Werbekunden an als das neue Vermarktungsunternehmen, so Zimmer. "Unsere dezentrale Vermarktungsstrategie widerspiegelt genau diese starke regionale Verankerung." Ziel sei es, den Kunden einen Kontakt vor Ort zu bieten und gleichzeitig die starke nationale Reichweite zu nutzen.

Hanspeter Lebrument, Präsident Verband Schweizer Medien und Verleger Somedia

Er sei positiv überrascht, äussert sich Hanspeter Lebrument vom Verband Schweizer Medien zur Neugründung. Nun komme Bewegung in den Markt. Ringier, die SRG und die Swisscom würden "nicht mehr tatenlos zuschauen, wie sich Google und Facebook in der Schweiz installieren und den hiesigen Werbemarkt abgrasen".

Ihm sei wichtig, dass die neue Firma auch für andere Medienhäuser offen ist und dass das Onlinevermarktungsverbot für die SRG anerkannt wird, so Lebrument. "Zu hoffen bleibt nur, dass man damit nicht eine zweite Publigroupe-Geschichte hineinrutscht."

Die Stellungnahme von Hanspeter Lebrument ist eine private Meinung und nicht mit dem Verband Schweizer Medien abgesprochen.

Myriam Käser, Unternehmenskommunikation NZZ

Die NZZ beobachtet ist im Werbemarkt insgesamt einen Trend in Richtung Konzentration. Das jüngste Joint-Venture sei ein weiterer Schritt in diese Richtung. Die NZZ folgt diesem Trend hingegen nicht, wie Sprecherin Myriam Käser sagt: "Wir haben erst seit Januar den Werbeverkauf wieder in die Eigenregie übergeführt, nachdem er viele Jahre an die Publicitas fremdvergeben war." Eine Minderheitenbeteiligung in einem Gemeinschaftsunternehmen ist laut Käser eine Fremdvergabe von einem Kernprozess – und das sei aus ihrer Sicht mit vielen Risiken behaftet.

"Für uns ist der Zeitpunkt auf jeden Fall nicht richtig für ein umfassendes Gemeinschaftsprojekt." Der Trend in Richtung Konzentration im Werbemarkt werde aber weiter anhalten. "Wir führen laufend Gespräche mit unterschiedlichen Marktteilnehmern und sind in der Werbevermarktung verschiedene Kooperationen eingegangen", sagt Käser. So vermarkte die NZZ zum Beispiel seit Jahren die verschiedenen AZ-Titel digital im NZZ-Netz.

Jürg Bachmann, Leiter Kommunikation Goldbach Group

Der Werbevermarkter Goldbach war bislang nicht an Gesprächen bezüglich des Joint-Ventures beteiligt. "Goldbach hat heute von der neuen Organisation erfahren", sagt Jürg Bachmann, der bei der Goldbach Group die Kommunikation leitet.

Das Joint-Venture sei ein Konstrukt aus einem privaten Medienunternehmen, einem grösstenteils gebührenfinanzierten Unternehmen und einem Unternehmen, welches mehrheitlich im Bundesbesitz ist. "Diese Konstruktion wirft mehrere Fragen im Werbe- und Distributionsmarkt auf", fügt Bachmann an. Diese Fragen müssten zuerst beantwortet werden, bevor Goldbach dazu Stellung nehmen könne.

Ursulina Stecher, Leiterin Kommunikation Publicitas

Der Anzeigenvermarkter Publicitas kann den Zusammenschluss nachvollziehen. "Kooperationen in der Vermarktung stellen speziell vor dem Technologiehintergrund und der globalen Konkurrenz keine Ausnahme dar", sagt Ursulina Stecher, Kommunikationschefin der Publicitas.

Auf den ersten Blick sei die Konstellation der drei Partner aber überraschend. Kulturell stelle die Integration der Vermarktungsorganisationen der beteiligten Unternehmen sicherlich eine grosse Herausforderung dar.

Stecher sieht auch noch einen anderen Aspekt: "Es ist davon auszugehen, dass damit die gesamte SRG-Diskussion und die Kommerzialisierung der digitalen Plattformen der SRG wieder vermehrt in den Vordergrund rückt und sich die Fronten verhärten werden."

Aktion Medienfreiheit

Sehr kritisch äussert sich die Aktion Medienfreiheit. Der Zusammenschluss von SRG, Swisscom und Ringier sei ordnungspolitisch bedenklich, heisst es in einem Communiqué.

Während Ringier als privates Unternehmen selbstverständlich Kooperationsmodelle eingehen dürfe, sei die Beteiligung von SRG und Swisscom höchst problematisch. "Die SRG prescht weiter in private Märkte vor, bevor der 'Service Public' endlich definiert ist", schreibt die Aktion Medienfreiheit in der Mitteilung. Es gehe nicht an, dass SRG und Swisscom in einen weiteren Bereich eindringen, in dem private Unternehmungen bereits tätig sind.

Schweizer Syndikat Medienschaffender

Das Schweizer Syndikat Medienschaffender begrüsst den Zusammenschluss in der Werbevermarktung. Dieser Schritt sei von marktwirtschaftlicher und medienpolitischer Bedeutung, schreibt die Gewerkschaft in einer Mitteilung.

Mit der neuen Verwertungsgesellschaft bestehe die Chance, den starken Abfluss von Werbegeldern ins Ausland zu verlangsamen. Das komme der Wirtschaft und dem Schweizer Journalismus zugute. Mit der SRG und Ringier stünden sich nun bisher unversöhnliche Kontrahenten gegenüber. Das sei auch medienpolitisch bedeutsam. "Annäherung durch Kooperation - das könnte sehr wohl ein Konzept auch für andere Verleger werden", folgert die Gewerkschaft.

Syndicom

Die Mediengewerkschaft Syndicom sieht dem Zusammenschluss mit Skepsis entgegen. Es sei fraglich, ob mit dem geplanten Joint-Venture tatsächlich der Abfluss von Werbegeldern zu Google oder Facebook gestoppt werden könne.

Wie Syndicom in einer Mitteilung schreibt, bestehe die Gefahr, dass kleinere Schweizer Print- und Online-Medien mehr Probleme haben werden, Werbegelder zu generieren. "Dadurch gerät die Medienvielfalt weiter unter Druck, zumal der Werbekuchen insgesamt kaum wachsen wird."

Laut Syndicom dürfen Werbegelder kein Selbstzweck sein, "sondern müssen dafür eingesetzt werden, die Qualität der Publizistik zu stärken."

Text: Boas Ruh, Bilder: zVg.



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